Thursday, 17. May 2012
20.04.2010
 

24-Stunden-Kita-Wahnsinn: Kleinstkinder rund um die Uhr fremdbetreut!

Eva Herman

Für die kleinen Kinder klingt es wie das Szenario aus einem Gruselfilm: Wann immer sie künftig zuhause überflüssig werden oder stören, können sie weggeholt und zu fremden Leuten gebracht werden. Und von denen rund um die Uhr betreut werden. Ob sie wollen oder nicht!

Da sie leider immer überflüssiger werden, die Kinder in Deutschland und Europa, und weil die moderne Gesellschaft mit dem Begriff vom »Familienleben« zunehmend weniger anfangen kann, allerdings jetzt laut das Hohelied der »Erwerbstätigkeit von allen Frauen« trällert, und weil Mama und Papa in der globalisierten Zivilisation jetzt ganz viel arbeiten müssen und keine Zeit mehr für Kinder haben, deshalb gibt es plötzlich immer mehr von diesen 24-Stunden-Kitas. Hier ist kein verlässlicher Plan, den die Kinder eigentlich dringend bräuchten, mehr nötig, keine Struktur, an die ein Kind sich gewöhnen und die man etwa berechnen könnte, nach dem Muster: Morgens um sieben oder acht geht’s los, nachmittags um vier spätestens ist Schluss in der Kita. Nein, nun können die Eltern ihre Kinder auch einfach gleich dalassen oder sie am Abend abgeben, sie sind sie die Nacht über los, und – falls nötig – können sie vielleicht auch noch ein, zwei Tage dranhängen. Auch können Kinder, die tagsüber in anderen Kitas untergebracht sind, abends oder am Wochenende in die 24-Stunden-Kita gebracht werden.

Auch im nordrhein-westfälischen Krefeld will die SPD jetzt ganz modern sein, und unbedingt die 24-Stunden-Kita haben. Bürgermeister Frank Meyer hat einen Prüfauftrag an die Verwaltung erteilt und befindet: »Der Arbeitsmarkt und die Arbeitszeiten haben sich verändert, starre Öffnungszeiten in den Kindergärten sind für viele Eltern ein unüberwindbares Hindernis, wieder in den Beruf einzusteigen.« Genau! Diese »Erkenntnis« erinnert an das politische Credo der Großen Koalition, in deren festgelegtem Vertrag der klarstellende Satz zu finden war: Kinder dürfen künftig kein Hemmnis mehr sein für Beruf und Karriere! Danke, Frau Merkel! Danke, Frau von der Leyen!

Die städtischen Krefelder Kindergärten bieten übrigens bislang Betreuungszeiten zwischen 6.30 und 17 Uhr an. Interessanter Nebenaspekt: Das Jugendamt will dem Wunsch nach Betreuung in frühen Morgen- und Nachtstunden nicht nachkommen – zum Schutz des Kindes! Bürgermeister Meyer sieht jedoch besonderen Handlungsbedarf sogar an den Wochenenden und in den Abendstunden: »Die Öffnungszeiten im Einzelhandel haben sich grundlegend verändert. Der Bedarf nach zuverlässiger Kinderbetreuung gerade an einem Samstag steigt stetig.«

Die 24-Stunden-Kitas sind also der letzte Schrei! Im wahrsten Sinne des Wortes! Städte, Gemeinden und Kommunen, die diese Marathonbetreuung seit Neuestem anbieten, bezeichnen sich als extrem fortschrittlich und über die Maßen familienfreundlich. Und die Medien jubeln mit: Meine Güte, was sind wir doch für ein modernes Land geworden! Das einzige, was die 24-Stunden-Kitas jedoch in Wirklichkeit sind: Sie dienen den Arbeitgebern und dem globalisierten Wettbewerb und sie zerstören den letzten Rest von Familienleben! Sie sind extrem familienfeindlich! Denn die erwerbstätige Mutter, die ja in der Gender-Mainstream-Sprache jetzt nicht mehr Mutter, sondern »primäre Bezugsperson« genannt wird, muss bei dem neuen Luxus der 24-Stunden-Kita nicht mehr alle Naselang auf die Uhr schauen und den Griffel um Punkt vier fallen lassen. Sie kann jetzt länger bleiben und auch Nachtschichten übernehmen. Das Kind ist ja versorgt. Von fremden Leuten, jenen Erzieherinnen übrigens, die letztes Jahr monatelang auf die Straßen gingen und streikten, weil sie völlig überfordert und ausgelaugt sind, und weil sie auf die verheerenden Zustände in den häufig komplett überfüllten Kitas aufmerksam machen wollten. Die zynischerweise  ja immer noch von den Politikern als »frühkindliche Bildungsstation« bezeichnet werden.

Wie es den Kindern dabei geht, ist wie immer, sch…egal! Sie werden ohnehin nicht gefragt. Sie wurden noch nie gefragt, hier, in diesem schönen, hochentwickelten Land. Niemanden scheint noch zu interessieren, wie sich fühlen mögen, oftmals wenige Monate alt, wenn das Liebste und Wichtigste, was sie haben, ihre Mama, nicht da ist, jener Mensch, dessen Stimme, dessen Lächeln, dessen aufmunternder Blick ihnen wichtiger ist als alles Geld und Gold dieser Erde. Und wenn die Welt, in der sie leben, ebenso nicht um sie herum ist, sondern sie in fremden Räumen sich jeden Tag (und jetzt auch jede Nacht) aufs Neue anpassen müssen an die Gruppe, die voll ist mit fremden Kindern!

Sie sollen also möglichst lange fremdbetreut werden, am liebsten jetzt 24 Stunden! Sie sollen ihre Vor- und Nachmittage bei Fremden in Fremdeinrichtungen verbringen, die Fremdeinrichtungen heißen, weil wirklich alles dort fremd ist und immer fremd bleiben wird, eine Welt ohne persönliche Rückzugsgebiete, ohne private Nischen, ohne das eigene Zimmer, ohne das Bett, auf das sie sich mal werfen können, ohne ihre Geschwister, ohne ihre Freunde, ohne ihre Haustiere, ohne ihre Spielsachen, ohne individuelle und familiäre Angebote und Verbindungen. Ihre wertvollen  Abende, die teuren Stunden, die einzige Zeit, die ihnen oft nur noch mit Mama oder Papa bleiben, während sie ihnen etwas erzählen oder ein Märchen vorlesen, und während die Kleinen sich wohlig in die vertrauten Federn kuscheln und so etwas wie Geborgenheit empfinden können nach einem hektischen Tag, auch diese Abende fallen mit der 24-Stunden-Kita weg! Familienfreundlich? Der blanke Horror! Urvertrauen und Selbstbewusstsein, menschliche Bindungen und Verantwortungsgefühl für andere Menschen, Liebe und Rücksichtnahme – wie und wo sollen diese Kinder das notwendigste Rüstzeug für ein menschliches Miteinander lernen? In 24-Stunden-Kitas? Gute Nacht, Deutschland, kann man da nur noch sagen! Das Elend ist doch damit bereits programmiert!

Die zahlreichen Gewalttaten der Jugendlichen heute, die willkürlich andere Menschen auf offener Straße totschlagen und -treten, einfach nur so, weil sie gerade Lust darauf hatten, und die danach nur mit den Schultern zucken: Sie haben niemals Rücksichtnahme oder Verantwortung für andere  Menschen gelernt. Die Amokläufer dieses Landes, die Dutzende Menschen mit in den Tod reißen, die kalten, herzlosen Taten von Kindern und Jugendlichen, die uns immer wieder erschauern und stammeln lassen: Wie konnte es nur dazu kommen? Ihnen allen fehlen die Grundstrukturen von menschlicher, verlässlicher Bindung: Liebe, Zuwendung und das Gefühl, etwas wert oder wichtig zu sein für diese Gesellschaft. Und diese jungen Menschen geben uns bereits heute ihre direkte Antwort auf die schon früh erlittene Lieblosigkeit!

Während übrigens heutzutage in Hundepensionen akribisch darauf geachtet wird, dass die fremdbetreute Stundenanzahl der Vierbeiner auf keinen Fall ausufern darf, weil das Tierchen ansonsten eventuell tiefenpsychologische Fundamentalstörungen erleiden könnte, ist man in Medien und Politik voll des Enthusiasmus über die 24-Stunden-Kitas für Menschenkinder. Man feiert diese Einrichtung als grandiose Errungenschaft der Moderne. Wie sagte die 24-Stunden-Erzieherin Marlies Helsing in einem Brigitte-Interview unbekümmert? »Die Kinder gewöhnen sich sehr schnell daran!« Sehr interessant, diese Aussage, die von einer Frau stammt, die Kinder ab sechs Monaten betreut. Es scheinen hellsichtige Fähigkeiten zu sein, die diese Betreuungsperson auszuzeichnen scheint. Jeder Bindungsexperte weiß, dass Kleinstkinder, die nicht mehr schreien und aufbegehren, sondern plötzlich still werden und sich anpassen, sich weder an das Szenario gewöhnt haben noch es akzeptieren. Nein, es ist viel schlimmer: Sie haben resigniert! Das ist das schwerste und folgenreichste Trauma, was einem Menschen in diesem Alter passieren kann!

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