Saturday, 25. June 2016
18.10.2011
 
 

Organe: Wende bei der Spende

Andreas von Rétyi

Organspende ist ein vielschichtiges und sensibles Thema. Entsprechend gut gesichert müssen Regelungen und Gesetze sein, entsprechend deutlich fallen aber auch jedwede Änderungen in der Methodik auf. Dies geschieht jetzt wieder in den Vereinigten Staaten. Dort machen nunmehr Sorgen die Runde, ob nicht das System versagt und gefährliche Aktionsräume schafft. Grund genug, einmal einen Blick über den großen Teich zu werfen, mit durchaus »reflektivem« Hintergrund.

Viele Menschen haben heute einen Organspender-Ausweis, auch wenn nicht jeder sich mit dem Gedanken anfreunden kann, nach seinem Tod erneut auf den OP-Tisch zu kommen, dort auf verwertbare Teile untersucht und somit noch einmal buchstäblich auf Herz und Nieren überprüft zu werden. Doch Sinn und Nutzen stehen außer Frage, denn auf der anderen Seite werden hier Menschenleben gerettet.

Der Bedarf ist weit höher als das Angebot. Patienten warten jahrelang auf Ersatzorgane, nicht selten versterben die schwerkranken Betroffenen, bevor das passende Organ gefunden ist. Andernorts werden Menschen durch Maschinen am Leben erhalten, führen ein unwürdiges Dasein, dessen Schrecken sich manchmal vor allem die Angehörigen bewusst werden. So grausam und menschenverachtend es klingt: Hier liegen potenzielle Spender von morgen, bei denen sich für einige Ärzte die wohl unausgesprochene Frage stellt, ob man denn nicht besser die Geräte

abschalten und damit den Weg frei für frische Organe machen soll. Doch immer wieder geschehen Wunder, und der geliebte Mensch, der hier unansprechbar und unbeweglich leidet oder nur noch in einem Niemandsland zwischen Körper und Seele dahindämmert, könnte vielleicht in einigen Wochen, Monaten oder aber Jahren wieder lächeln, fühlen und sein. Wenn jedoch das Dunkel naht und das Sterben kommt, ab welchem Zeitpunkt darf der Patient dann tatsächlich auch als definitiv tot gelten? Ab wann dürfen bei einem Spender die Organe entnommen werden?

Auf dem Gebiet der stets mit ethischen Gratwanderungen verbundenen Organspende-Thematik findet derzeit in den USA wieder eine stark kontroverse Diskussion statt. Eine in Richmond im US-Bundesstaat Virginia ansässige und als gemeinnützig eingestufte Organisation, das United Network for Organ Sharing (UNOS), hat nun Vorschläge veröffentlicht, die als erster Schritt einer großen Umarbeitung von Richtlinien aus dem Jahr 2007 gelten. Sie beziehen sich auf die Spende nach dem Herztod – donation after cardiac death, kurz DCD. Mediziner sollen demnach nicht mehr mindestens zwei Minuten warten müssen, um sicherzustellen, dass das Herz nicht spontan wieder zu schlagen beginnt. Außerdem denkt man im UNOS-Netzwerk darüber nach, sich über einen besonderen Patientenschutz hinwegzusetzen. Bisher durfte nicht vorab erwogen werden, einen Patienten für Spenden heranzuziehen, sofern nicht Ärzte und Familienmitglieder unabhängig zur Entscheidung gelangten, sämtliche lebenserhaltenden Anstrengungen zu beenden. Nun bauen sich zwei diametral entgegengesetzte Fronten auf.

Verfechter sehen in den Neuerungen eine Stärkung des Transplantationssystems und eine noch bessere Gewährleistung der Anliegen von Patienten und Angehörigen. Kritiker allerdings erkennen darin lediglich Augenwischerei, um eine bedrohliche Entwicklung schönzureden. Sie sind überzeugt davon, dass potenzielle Spender künftig eher wie Gewebebanken behandelt werden und nicht wie schwerkranke, leidende Menschen, für die alles Erdenkliche getan werden müsse.

Der US-Medizinjurist Michael A. Grodin erklärt, im Grunde gehe es dem Netzwerk lediglich darum, alles Erdenkliche zu tun, um die Zahl der Organspenden möglichst zu steigern. Man kreise wie die Geier über den Sterbenden. Und der Bedarf steigt, denn – so makaber dies wiederum klingt – die Zahl an Todesopfern im Straßenverkehr sinkt, andererseits hat die Transplantationsmedizin enorm an Kapazitäten zugelegt. Heute sind Operationen möglich, die früher undenkbar waren. Einerseits ein Segen im tragischen Extremfall, andererseits auch ein gutes Geschäft, das schwarze Schafe allzu weit treiben und wahrlich ausschlachten könnten. Sollen sie nun auch noch durch das Netzwerk gefördert werden?

Erschreckend ist das alles schon: DCD, das soll auch wieder bedeuten, dass Chirurgen bereits Minuten nach Einstellung lebenserhaltender Maßnahmen mit der Organentnahme beginnen dürfen, obwohl noch eine, wenn auch vielleicht minimale Restaktivität des Gehirns bestehen kann. Ab den 1970er Jahren wurden neurologische Aspekte in den Vordergrund gerückt, Spender mussten hirntot sein. Zwanzig Jahre später begann bereits die Rück-»Besinnung« aufgrund des zunehmenden Organ-Bedarfs: eine Renaissance jener Fraktion, der das nicht mehr schlagende Herz als Todesbeweis ausreichte.

Ärzte und Ethiker befürchten aber nicht nur, dass Patienten daher vorschnell aufgegeben werden, sondern dass dem Tod zuweilen sogar nachgeholfen werden könne. Frei nach dem Motto: »Dieser Mensch wird ohnehin sterben, aber jetzt kann er noch einen anderen retten«. Die Theorie sieht vor, den Organbedarf vom Behandlungsverlauf völlig abzukoppeln. Doch in der Praxis kann dies anders aussehen. Auch die Regeln werden dann eben nicht immer befolgt. 1997 wurde von der nationalen Wissenschaftsakademie der USA festgelegt, dass Ärzte mindestens fünf Minuten nach einem Herzstillstand warten müssen, bevor sie mit einer Organentnahme beginnen. Diese Grundregel wurde immer weiter aufgeweicht, bis hin zur Herzentnahme bei hirngeschädigten – aber nicht hirntoten! – Neugeborenen, wobei dies bereits nach 75 Sekunden geschah.

Was ursprünglich definiert worden war, wird auch durch eine neue Terminologie verwässert, so sagen Kritiker. Jetzt ist die Rede nämlich von »Spende nach Kreislauftod« – donation after circulatory death, ebenfalls kurz DCD. Das Herz muss also keineswegs zwangsläufig zu schlagen aufgehört haben, um den Patienten für tot zu erklären. Denn schließlich ist es ja das Abkoppeln von der Blutzufuhr, die für den Hirntod sorgt. Doch könne sie wieder in Gang gebracht werden, so die Gegner der neuen Philosophie.

Bisher handelt es sich bei den in einem 16-seitigen Dokument vorgelegten Gedanken um einen »Vorschlag«, erarbeitet von 22 UNOS-Repräsentanten. Im November soll auch anhand zwischenzeitlich eingegangener öffentlicher Stimmen über die endgültigen Richtlinien entschieden werden. Insgesamt aber ist der deutliche Druck zu spüren, der für einen zügigeren Organ-Nachschub sorgen soll.

Das Ausloten der ethischen Grenzen dürfte schwer fallen. Der US-Bioethiker Gail Van Norman sieht die Gefahr, dass auf Grundlage des Dokuments bald jedes Krankenhaus in Amerika seine eigene Definition für »Tod« entwickeln kann. Hierzulande gelten glücklicherweise noch strikte Regeln hinsichtlich der Organentnahme. Zumindest die Theorie scheint im Rahmen der sogenannten »erweiterten Zustimmungslösung« abgesichert. Der Hirntod muss sicher belegt sein, außerdem muss eine Zustimmung vorliegen. Gibt es keinerlei schriftliche Fixierung, müssen die Angehörigen über das weitere Vorgehen entscheiden, was der Verstorbene vermutlich gewünscht hätte.

Das amerikanische Beispiel demonstriert einmal mehr das bedrohliche Potenzial der Thematik und lässt doch wohl berechtigte Sorge aufkommen, wie weit derlei Entwicklungen auch bei uns Schule machen könnten.

 

 


 

 

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