Monday, 25. July 2016
11.09.2010
 
 

Nietzsche: Atheist, Antichrist oder Gottsucher?

Armin Risi

Vor genau 110 Jahren, am 25. August 1900, verstarb in Weimar der kontroverse Dichter und Philosoph Friedrich Nietzsche im Alter von 55 Jahren. Seine Kritiker erklärten ihn schon zu Lebzeiten für tot und ohne Zukunft, aber sie unterschätzten offensichtlich die Reichweite seiner Werke und Gedanken. Heute gehört Nietzsche zu den einflussreichsten deutschen Philosophen und wird vor allem von den »neuen Atheisten« gerne zitiert und als einer ihrer großen Vorkämpfer dargestellt. Nietzsche jedoch war kein atheistischer Ideologe, sondern ein radikaler Denker, der sowohl die geistlose Mittelmäßigkeit der herrschenden Normen als auch die Heucheleien im Namen von Religion, Philosophie und Moral wortgewaltig kritisierte. Zu seinem 110. Todestag möchte ich eine Seite von Nietzsche aufzeigen, die vielfach übersehen wird von den Atheisten, die ihn einseitig vereinnahmen, genauso wie von den vielen Religiösen, die ihn unverständig verteufeln.

Wer Nietzsche und seine Philosophie zerreißen will, hat es relativ einfach, denn sein Werk ist in vieler Hinsicht widersprüchlich und impulsiv. Ebenso lassen sich zahlreiche Textstellen finden, die scheinbar Menschenverachtung, Rassismus und Atheismus zum Ausdruck bringen. »Wille zur Macht«, »Übermensch«, »Antichrist« und »Gott ist tot« sind seine bekanntesten Schlagwörter – und die am häufigsten missverstandenen.

Es ist ein Abenteuer, diesem Mann auf seinen waghalsigen philosophischen Gratwanderungen zu folgen, vor allem, wenn wir vor den zweischneidigen Felsspitzen der genannten Schlagwörter nicht zurückschrecken und bereit sind, die Welt auch einmal aus dieser schwindelerregenden Nietzsche-Perspektive zu betrachten, obwohl – oder gerade weil – sie aufgrund ihrer Höhe im dionysischen Höhenrausch einiges verzerrt, ver-rückt oder vernebelt wiedergibt. Aber Nietzsche verlangte nie, dass man ihm glaube, und er glaubte auch nicht, dass alles, was er schrieb, die letzte Wahrheit sei. »Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht ›gepredigt‹, hier wird nicht Glauben verlangt«, schrieb er im Vorwort zu seinem autobiographischen Werk Ecce homo. Und fügte im Schlusskapitel die heute berühmten Sätze hinzu: »Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Kollision […] Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit. […] Ich will keine ›Gläubigen‹, ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu glauben, ich rede niemals zu Massen …«

 

Nietzsche sah die Weltkriege voraus

 

Friedrich Nietzsche (1844–1900), dieser einzelgängerische und eigenwillige Philosoph, der die letzten zehn Jahre seines Lebens in geistiger Ablösung (»Umnachtung«) verbrachte, ist eine vielschichtige Person. Für die einen ist er »der letzte große Philosoph«, für andere ist er der erste namentliche »Antichrist« – ein Ausdruck, den Nietzsche prägte, um damit sich selbst zu bezeichnen, und zwar nicht verstohlen und heimlich, sondern als Überschrift eines seiner Spätwerke: Der Antichrist – Versuch einer Kritik des Christentums (er änderte später den Untertitel: Der Antichrist – Fluch auf das Christentum).

Man muss sich in Nietzsches Lage versetzen: zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, militärische und industrielle Aufrüstung, das Versagen des Idealismus, Humanismus und der Religionen. Und nichts Besseres in Sicht. Im Gegenteil. Nietzsche sieht prophetisch in die Zukunft (1889 in: Ecce Homo, letztes Kapitel, Abs. 1):

»Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist, und bin trotzdem der Gegensatz eines nein-sagenden Geistes. Ich bin ein froher Botschafter […] Denn wenn die Wahrheit mit der Lüge von Jahrtausenden in Kampf tritt, werden wir Erschütterungen haben, einen Krampf von Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Tal, wie dergleichen nie geträumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft sind in die Luft gesprengt – sie ruhen allesamt auf der Lüge: es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat.«

Nietzsche sah die Dringlichkeit der Zeit und versuchte energisch, das Steuer der Welt herumzureißen, indem er gegen herrschende Denksysteme Sturm lief, sowohl gegen die religiösen als auch gegen die bürgerlichen und die der Elite, denn all diese Weltbilder erkannte er als die Ursache für die Entgleisung und »Entartung« der Menschheit. Er sah die Weltkriege voraus – Kriege, »wie es noch keine auf Erden gegeben hat«, und er sah hinter dem Weltgeschehen in erster Linie einen »Geisterkrieg«: einen Krieg der geistigen Anschauungen, letztlich einen Krieg um den Geist und die Seele der Menschen. Und er ahnte, dass man dereinst in diesem »Geisterkrieg« auch ihn missverstehen und missbrauchen wird, was dann ein halbes Jahrhundert später auch geschah – in seinem eigenen Geburtsland: »Ihr verehrt mich, aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!« (Ecce homo, Vorwort)

 

»Der Wille zur Macht«

 

Nietzsche wird auch der Philosoph »mit dem Hammer« genannt, in Anlehnung an seinen Buchtitel Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert. Er erklärt, er setze den Hammer gegen die vielen Götzen der Welt ein (»Es gibt mehr Götzen als Realitäten in der Welt«), er schlage mit dem Hammer »wie mit einer Stimmgabel« auf diese Götzen, um deren Hohlheit oder Aufgeblasenheit hörbar zu machen.

Nietzsche suchte überall nach falschen Idealen und Halbwahrheiten und schüttete sie – manchmal auch samt den Wahrheiten – aus wie den abgestandenen Inhalt halbleerer Gläser, damit sie gesäubert und neu gefüllt werden können. Womit, wusste er selbst nicht genau. Aber in einem war er sich sicher: dass der Weg zur Wahrheit das Zerschlagen von Halbwahrheit und Unwahrheit erfordert.

Besonders kritisch wandte er sich gegen die platonische Lehre einer geistigen Welt, weil er meinte, durch sie entstehe gezwungenermaßen ein destruktiver Dualismus von »Gott« und »Welt«, der dazu führe, dass die Natur und damit das »Natürliche« als etwas Feindliches gesehen würden (»jene ganze Fiktions-Welt hat ihre Wurzel im Hass gegen das Natürliche«; Der Antichrist, Abs. 15). Mit dieser Kritik wandte er sich insbesondere gegen die Dogmatik und Moral des Christentums. Er lehnte aber auch den »Europäer-Buddhismus« ab, der zu einem Nihilismus führt, d. h. zu einer Ansicht, es gebe überhaupt keine objektiven Werte und Wahrheiten. Der Weg zur Überwindung des Platonismus, der christlichen Dogmatik und des Nihilismus ist für ihn »der Wille zur Macht«, so auch der Titel eines unvollendeten Werkes seiner letzten Schaffenszeit.

Mit dem Begriff »Wille zur Macht« meinte Nietzsche nicht etwa einen rücksichtslosen Machtwahn. Das lag ihm fern, wie auch seine eigene Biographie zeigt. Wir wissen, welches schockierende Erlebnis in ihm den geistigen Zusammenbruch vollends auslöste: Am 3. Januar 1889 sah er in Turin, wie ein Kutscher brutal auf ein Pferd einschlug. Nietzsche warf sich dem Pferd um den Hals und schrie unter Tränen, der Mann solle aufhören, das Tier zu schlagen. Dann brach er zusammen und erholte sich geistig nie mehr.

Nietzsche diagnostizierte, dass die Problematik der Zivilisation die Folge des Nihilismus sei, und hoffte, dass aus diesem Niedergang (décadence) eine neue »Philosophie der Zukunft« (Untertitel von Jenseits von Gut und Böse) entstehen werde; diese neue Zukunft werde entstehen, wenn der Mensch zu einer Selbstbejahung komme, die über Weltpessimismus, Nihilismus und religiöse Dogmatik hinausgehe. Wo die Gebote sagen, »du sollst«, solle der Mensch sagen: »Ich will.« Der Mensch solle lernen, selber zu laufen und zu fliegen, statt von »Gott« und Dogmen gestoßen zu werden (siehe Zitat am Schluss dieses Artikels: »Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde«). Der Mensch solle seine wahre Macht erkennen und über sich hinauswachsen, d. h. »Übermensch« werden, was jedoch nur möglich sei, wenn er dies wolle – und dies wiederum werde durch religiöse Dogmatik und »Sklavenmoral« verunmöglicht.

 

Die Frage des freien Willens

 

Wenn Nietzsche den »Willen zur Macht« betont, betont er damit den freien Willen des Menschen. Es sei der »Wille zur Macht«, der den Menschen zum überdurchschnittlichen Menschen, zum »Übermenschen«, werden lasse. Mit dieser Ansicht unterscheidet sich Nietzsche von den Vertretern der materialistischen und anderen atheistischen Weltbilder, die besagen, der Mensch habe letztlich keinen freien Willen; Bewusstsein und damit der Wille seien ein Produkt des Gehirns.

Nietzsche wusste natürlich um diese damals neue (darwinistische) Sichtweise und übernahm sie selbst ebenfalls, jedoch nicht ohne Sarkasmus:

»Wir haben umgelernt. Wir sind in allen Stücken bescheidner geworden. Wir leiten den Menschen nicht mehr vom ›Geist‹, von der ›Gottheit‹ ab, wir haben ihn unter die Tiere zurückgestellt. […] Was die Tiere betrifft, so hat zuerst Descartes, mit verehrungswürdiger Kühnheit, den Gedanken gewagt, das Tier als machina zu verstehn: unsre ganze Physiologie bemüht sich um den Beweis dieses Satzes. Auch stellen wir logischerweise den Menschen nicht bei Seite, wie noch Descartes tat: was überhaupt heute vom Menschen begriffen ist, geht genau so weit, als er machinal begriffen ist. Ehedem gab man dem Menschen, als seine Mitgift aus einer höheren Ordnung, den ›freien Willen‹: heute haben wir ihm selbst den Willen genommen, in dem Sinne, dass darunter kein Vermögen mehr verstanden werden darf. […] der Wille ›wirkt‹ nicht mehr, ›bewegt‹ nicht mehr …« (Der Antichrist, Abs. 14).

Nietzsche erkannte, dass der Mensch hier nur noch als Maschine gesehen wird, so wie bereits Descartes das Tier als machina bezeichnet habe; nun werde der Mensch, der »unter die Tiere zurückgestellt« worden sei, ebenfalls nur noch »machinal« begriffen. Nietzsche übernahm diese Sicht, zumindest theoretisch, und erkannte dabei mit – auch für ihn – erschreckender Klarheit, in welche Richtung sich die Menschheit mit einem solchen Menschenbild bewegen wird (siehe obiges Zitat zu den Kriegen, »wie es noch keine auf Erden gegeben hat«). Trotz der Negierung des freien Willens durch die materialistische Wissenschaft glaubte Nietzsche an den »Willen zur Macht« als inhärentes geistiges »Vermögen« des Menschen – nur eines von vielen Beispielen für die eingangs erwähnte Widersprüchlichkeit in Nietzsches Art des Argumentierens. Aber gerade durch diesen Mut zum paradoxen Denken behielt er die Türen offen, die es erlauben, über herrschende Normen und Dogmen, auch wissenschaftliche Dogmen, hinauszugehen.

 

Die Suche nach Gott

 

Nietzsche zählte sich zu einer »neuen Gattung von Philosophen«, zu den »sehr freien Geistern«, die er selbst »Versucher« nennt, in der doppelten Bedeutung des Wortes (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 42 und 44), und sah seine Aufgabe in einer »Umwertung aller Werte«, d. h. im Entlarven aller falschen Dogmen, Ideale und Wahrheitsansprüche. Zu dieser Umwertung aller Werte gehörte auch die Umkehrung des Platonismus: nicht mehr die geistige, sondern die materielle Welt ist die wirkliche Realität. Den (scheinbaren) Dualismus Geist–Materie will Nietzsche dadurch überwinden, dass er die Existenz einer geistigen Welt verneint und die materielle Welt zur einzigen Wirklichkeit erhebt. Dann aber, so erkannte er richtig, lebt der Mensch in einer Welt, die keinen höheren oder gar absoluten Sinn hat, die letztlich also sinn-los und gott-los ist; der Mensch muss dann versuchen, in einer an sich sinnlosen Welt einen Sinn des Lebens zu finden, was immer eine Art Selbsttäuschung ist. Nietzsche stellte sich der vollen Wucht dieser Konsequenzen, ohne sich emotionell und existenziell auf einen falschen Trost einzulassen (was viele inkonsequente Atheisten jedoch tun). Er versuchte, intellektuell an dieses Weltbild zu glauben, spürte dabei aber, dass er hier selber in einem Nihilismus enden würde, weshalb er durch eine »Umwertung aller Werte« wahre Werte und höheren Sinn finden wollte. Und immer wieder sah er sich in seinen Gedankengängen mit der möglichen Realität Gottes konfrontiert, die er vielleicht gerade wegen seiner radikalen Wahrheitssuche lebendiger wahrnahm als mancher Routine-Gläubige.

»Ihr nennt es die Selbstzersetzung Gottes: es ist aber nur eine Häutung: – er zieht seine moralische Haut aus! Und ihr sollt ihn bald wiedersehen, jenseits von Gut und Böse.« (Nachlass: Die Unschuld des Werdens II, 949)

Mit diesen Worten wandte sich Nietzsche gegen die Atheisten, die sagten, die Wissenschaft und der Fortschritt würden zu einer »Selbstzersetzung Gottes« führen. Diese gegenwärtige Phase der Gott- und Religionskritik sei für Gott jedoch nur »eine Häutung«, ahnte Nietzsche – wir würden Gott bald in einer neuen Form von Erkenntnis wiedersehen, »jenseits von Gut und Böse«, d. h. jenseits der moralischen und machtpolitischen Vereinnahmung durch die Religionen.

Im Namen Gottes, mit Moralpredigten und Dogmen, können die Menschen eingeschüchtert und in ihrem Selbstwertgefühl so weit geknickt werden, dass sie in die Knie gehen und alles tun, was ihnen irgendwelche Führer diktieren. Gegen dieses Bollwerk manipulativer Macht im Namen von Religion rannte Nietzsche Sturm. Ihm ging es »um eine neue Größe des Menschen […], um einen neuen ungegangenen Weg zu seiner Vergrößerung« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 212), doch die gesellschaftlichen Normen in Religion und Academia hindern den Menschen an dieser Entwicklung:

»Die hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille zum Alleinstehn, die große Vernunft schon werden als Gefahr empfunden; alles, was den einzelnen über die Herde hinaushebt und dem Nächsten Furcht macht, heißt von nun an böse; die billige, bescheidene, sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittelmaß der Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren.« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 201)

All diese geistigen Beschränkungen will Nietzsche überwinden – und sie müssen überwunden werden. Aber die »hohe unabhängige Geistigkeit« ist ohne Abhängigkeit vom höchsten Unabhängigen (»Gott«) nicht möglich. Weil damals und schon seit langer Zeit die Buch- und Angst-Religionen einen Monopolanspruch auf Gott erhoben hatten, rannte Nietzsche auch gegen die Bastionen »Religion« und »Gott« an.

 

»Gott ist tot«

 

»Gott ist tot« ist wahrscheinlich die berühmteste Nietzsche-Aussage und wird meistens nur mit diesen drei Worten zitiert. Diejenigen, die nur diese drei Wörter kennen, staunen jeweils, wenn sie zu sehen bekommen, in welchem Zusammenhang dieser vermeintlich atheistische Ausspruch erscheint. Er steht im Buch Die fröhliche Wissenschaft, Absatz 125, und erscheint im Rahmen einer gleichnishaften Geschichte, in der ein »toller Mensch«, d. h. ein Außenseiter und verzweifelter Gottsucher auftritt, und es ist dieser Mensch, der »Gott ist tot« ruft:

»Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ›Ich suche Gott! Ich suche Gott!‹ – Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. […] Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ›Wohin ist Gott?‹ ,rief er, ›ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! […] Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?‹«

Es ist also ein fast zum Wahnsinn getriebener Wahrheitssucher, der ruft: »Gott ist tot!« Ermordet wurde aber nur ein verwesender Gott, und der »tolle Mensch« kennt keinen anderen Gott, weshalb er einerseits verzweifelt, andererseits auch hoffnungsvoll ist: »Es gab nie eine größere Tat – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«

Der »tolle Mensch« ahnt, dass der Tod dieses Gottes »in eine höhere Geschichte« führen wird – zur höheren Bestimmung des Menschen. Diese können wir aber nur dann erkennen, wenn wir über die Weltbilder der bisherigen Geschichte hinauswachsen.

Aufschlussreich ist, wie Nietzsche diese kurze Geschichte enden lässt:

»Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. ›Ich komme zu früh‹, sagte er dann, ›ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. […]‹ – Man erzählte noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: ›Was sind denn die Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?‹«

 

»… keineswegs antireligiös«

 

Mit dem »tollen Menschen« zeichnete Nietzsche eine Karikatur von sich selbst. Auch über sich sagt er, er »komme zu früh«, er sei »noch nicht an der Zeit«. Im Vorwort zu seinem Buch Der Antichrist schreibt er: »Erst das Übermorgen gehört mir. Einige werden posthum [erst nach ihrem Tod] geboren.«

Nietzsche als Gottsucher sagt es in dieser Geschichte deutlich: Gott ist tot. Er wurde in den Kirchen begraben! Und den Menschen auf dem Marktplatz, gerade weil sie nicht an Gott glauben, ist es völlig egal, dass Gott tot ist. Der tolle Mensch (Nietzsche) hingegen sucht nach Gott, aber mit lächerlichen Mitteln – mit einer Laterne am »hellen Vormittage« –, und besucht Gott verzweifelt in dessen Gruft, den Kirchen, und wird abgeführt.

Im weiteren Verlauf des Buches Die fröhliche Wissenschaft (Abs. 343) betont Nietzsche nochmals, welche Art von Gott »tot« ist:

»Das größte neuere Ereignis – dass ›Gott tot ist‹ –, dass der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden ist – beginnt bereits seine ersten Schatten über Europa zu werfen. […] In der Tat, wir Philosophen und ›freien Geister‹ fühlen uns bei der Nachricht, dass der ›alte Gott tot‹ ist, wie von einer neuen Morgenröte angestrahlt; unser Herz strömt dabei über von Dankbarkeit, Erstaunen, Ahnung, Erwartung – endlich erscheint uns der Horizont wieder frei […]«

Nietzsche gesteht seinen Skeptizismus ein, doch er relativiert ihn: »Die neuere Philosophie, als eine erkenntnistheoretische Skepsis, ist, versteckt oder offen, antichristlich: obschon, für feinere Ohren gesagt, keineswegs antireligiös.« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 54)

Er sieht sich deshalb als Sprachrohr für all jene, »die ihr am großen Ekel leidet gleich mir, denen der alte Gott starb und noch kein neuer Gott in Wiegen und Windeln liegt«. (Also sprach Zarathustra IV, »Lied der Schwermut«)

Fern davon, ein Gotteshasser zu sein, beklagt Nietzsche vielmehr die herrschende Gottferne – weil Gott von den Menschen ermordet wurde und in den Kirchen begraben liegt: »Das Schlimmste ist: er [Gott] scheint unfähig, sich deutlich mitzuteilen: ist er unklar? – Dies ist es, was ich, als Ursachen für den Niedergang des europäischen Theismus, aus vielerlei Gesprächen, fragend, hinhorchend, ausfindig gemacht habe […]« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 53)

»Ist er unklar?« Das ist eine rhetorische Frage. Gott ist nicht unklar, und er scheint nur unfähig zu sein, sich mitzuteilen. In Tat und Wahrheit ist es der »europäische Theismus«, der die Unklarheit verursacht hat. Eben: Gott wurde genau von diesen Scheingläubigen »ermordet«, und die Atheisten »auf dem Markt« lachen nur, haben also auch nichts Besseres anzubieten.

 

Nietzsche und »der radikale Mittelweg«

 

Nietzsche distanziert sich einerseits von den Atheisten, die »auf dem Markt« stehen und über jegliche Gottsuche nur lachen, und ebenso distanziert er sich von allen Religionen, die einen Absolutheitsanspruch erheben. Gleichzeitig leidet er darunter, dass »noch kein neuer Gott« in Sichtweite ist, was jedoch nicht an Gott, sondern an den Menschen liegt, wie er immer wieder betont. Gleichzeitig prophezeit er, dass der von den Religionen vereinnahmte Gott nach seiner »Häutung« in neuer Form in das Bewusstsein der Menschen zurückkehren wird: »Und ihr sollt ihn bald wiedersehen, jenseits von Gut und Böse.« Aus dieser Sicht heraus hatte Nietzsche die Gewissheit, »um eine neue Größe des Menschen zu wissen, um einen neuen ungegangenen Weg zu seiner Vergrößerung.« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 212)

Als ich das Buch Der radikale Mittelweg schrieb, dachte ich natürlich auch an diesen »neuen ungegangenen Weg«, der zur »Überwindung von Atheismus und Monotheismus« führt – so der Untertitel dieses Buches. Als Monotheismus bezeichne ich jene Religionsformen, die an einen »einzigen« Gott glauben und dadurch einen Monopolanspruch erheben, und unterscheide ihn vom Theismus, dem Glauben an einen absoluten Gott. »Einziger« Gott und »absoluter« Gott sind nicht dasselbe. Das Konzept eines »einzigen« Gottes kritisierte auch Nietzsche: »Die Liebe zu Einem [Einzigen] ist eine Barbarei: denn sie wird auf Unkosten aller übrigen ausgeübt. Auch die Liebe zu Gott.« (Jenseits von Gut und Böse, Abs. 67)

Der »einzige« Gott – im Gegensatz zum »absoluten« (= allumfassenden) Gott – ist elitär, separatistisch und sektiererisch: »Man muss sich nicht irreführen lassen: ›Richtet nicht!‹ sagen sie, aber sie schicken alles in die Hölle, was ihnen im Wege steht. Indem sie Gott richten lassen, richten sie selber; indem sie Gott verherrlichen, verherrlichen sie sich selber; […] man hat sich, die ›Gemeinde‹, die ›Guten und Gerechten‹ ein für alle Mal auf die eine Seite gestellt, auf die der ›Wahrheit‹ – und den Rest, ›die Welt‹, auf die andre …« (Der Antichrist, Abs. 44)

Im Buch Götzen-Dämmerung bezeichnet Nietzsche diese Religionen mit der witzigen Wortkreation Monotono-Theismus: »den Monotono-Theismus durch eine Totengräber-Mimik darstellen!« Nietzsche wollte den »Monotono-Theismus« beerdigen, aber nicht pauschal jede Religion, obwohl zu seiner Zeit »Religion« praktisch gleichbedeutend war mit Monotheismus. Dass Gott im »Monotono-Theismus« von Totengräbern begraben wird, erinnert natürlich an die Geschichte vom »tollen Menschen«, der rief: »Gott ist tot!« und feststellte: »Was sind denn die Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?«

Obwohl Nietzsche das Christentum heftig kritisierte, meinte er eigentlich – gemäß der hier vorgelegten Definition – nur die monotheistische Form des Christentums, nicht die theistische. Dass er das Christentum nicht pauschal ablehnt, betont er sogar in seiner schärfsten Schrift Der Antichrist (Abs. 39):

»Das Wort schon ›Christentum‹ ist ein Missverständnis –, im Grunde gab es nur Einen Christen, und der starb am Kreuz. […] bloß die christliche Praktik, ein Leben so wie Der, der am Kreuze starb, es lebte, ist christlich … Heute noch ist ein solches Leben möglich, für gewisse Menschen sogar notwendig: das echte, das ursprüngliche Christentum wird zu allen Zeiten möglich sein … Nicht ein Glauben, sondern ein Tun, ein Vieles-nicht-tun vor allem, ein andres Sein …«

Der »neue ungegangene Weg« ist ein Weg, der die Einseitigkeiten der monotheistischen und der atheistischen Weltbilder radikal hinter sich lässt und uns befähigt, »um eine neue Größe des Menschen zu wissen«. Heute gilt der Mensch, biologisch gesehen, als ein Tier, und auch Nietzsche nahm diesen damals neuen Gedanken auf. Die wirkliche »Größe des Menschen« leitet sich jedoch von seiner geistigen Herkunft ab und ist nicht auf sein materielles, sterbliches Dasein beschränkt. Wenn die Menschen dies verstehen, werden sie zu »Übermenschen«: sie gehen über die heute vorherrschenden Einseitigkeiten und Halbwahrheiten hinaus:

»Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden? […] Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der Übermensch, der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch.« (Also sprach Zarathustra. Zarathustras Vorrede, Abs. 3 und 7)

 

Schlussgedanken zu Nietzsches 110. Todestag

 

»Die hohe unabhängige Geistigkeit, der Wille zum Alleinstehn, die große Vernunft« – Nietzsche verkörperte diese Eigenschaften auf eine ganz eigene und tragische Weise, und er rannte allein gegen eine Entwicklung und Dekadenz an, die er voraussah, aber nicht aufhalten konnte. Wie der vorliegende Artikel zeigt, erkannte Nietzsche, dass Wahrheitssuche nicht zu einem Atheismus und Nihilismus führen muss. Er war kein Gotthasser, und er hatte eine tiefe Bewunderung für Jesus: »[…] im Grunde gab es nur Einen Christen, und der starb am Kreuz.«

Religiöse Dogmatik, religiöse Absolutheitsansprüche: das war es, wogegen Nietzsche ankämpfte (er war Sohn eines lutherischen Pastors). Wenn schon Religion, so spürte er intuitiv, dann enthalten alle Religionen in ihrem Kern dieselbe göttliche Wahrheit. Er verspürte eine gewisse Faszination für die indische Religion und war dem Reinkarnationsgedanken nicht abgeneigt. Aus der indischen Religion kannte er auch die Symbolik des tanzenden Gottes – Shivas kosmischer Tanz, Krishnas Rasa-Tanz – als Ausdruck von Gott als Einheit der Zweiheit, als Einheit von »liebend und geliebt«.

Mit dieser exotischen Symbolik formulierte Nietzsche den für seine Zeit unerhörten Satz: »Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.« Aus der Sicht des theistischen Verständnisses (Der radikale Mittelweg) gehört dieses persönliche Glaubensbekenntnis von Friedrich Nietzsche zu einem Gipfel der abendländischen Gottessuche und Gottesahnung:

»Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde. / Und als ich meinen Teufel sah, da fand ich ihn ernst, gründlich, tief, feierlich: es war der Geist der Schwere – durch ihn fallen alle Dinge. / Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man. Auf, lasst uns den Geist der Schwere töten! / Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe fliegen gelernt: seitdem will ich nicht erst gestoßen sein, um von der Stelle zu kommen. / Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein Gott durch mich.« (Also sprach Zarathustra, Erster Teil, »Vom Lesen und Schreiben«)

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