
Wer geglaubt hatte, nach den ausführlichen Diskussionen rund ums Thema und dem Quotengipfel der Familienministerin am 17. Oktober mit Vertretern der Wirtschaft habe sich das Thema erstmal erledigt, wurde gestern eines besseren belehrt. Der Kampf um eine gesetzliche Quote geht jetzt
erst richtig los. Kürzlich erst präsentierten Parlamentarierinnen in einem parteienübergreifenden Vorstoß ihre Petition für eine Frauenquote.
In der Erklärung mahnen sie an, dass auch nach sechzig Jahren Gleichberechtigung im Grundgesetz diese in der Realität noch nicht angekommen sei. Dem soll nun gesetzlich auf die Sprünge geholfen werden, um der »Gleichstellung zum Durchbruch« zu verhelfen. Darunter versteht man die paritätische Besetzung von Entscheidungspositionen in der Wirtschaft, angeglichen an den Frauenanteil innerhalb der Bevölkerung. Alle freiwilligen Vereinbarungen, die bislang getroffen wurden, seien »gescheitert«.
Dieser Satz ist erstaunlich, schließlich ist der Quotengipfel von Kristina Schröder und die Verabschiedung der freiwilligen Selbstverpflichtung der Wirtschaft noch keine zwei Monate her. Was genau sich in den vergangenen zwei Monaten hätte dramatisch ändern können, ist nicht gerade offensichtlich, werden doch die entscheidenden Neubesetzungen in den Vorständen der meisten börsennotierten Unternehmen erst im Jahr 2013 möglich sein, wenn erstmals viele Neuwahlen anstehen. Darauf wies eine der Initiatorinnen der »Berliner Erklärung«, Dagmar Ziegler (SPD), selbst hin auf der Pressekonferenz. Klar ist: Man will gar nicht erst warten, bis eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft überhaupt Früchte tragen kann, es sollen Fakten geschaffen werden – und zwar vor den nächsten Vorstandswahlen.
Eine zweite Sache wird ebenfalls offensichtlich angesichts des Zeitpunkts der Erklärung und der kurzen Distanz zum Quotengipfel: Kristina Schröder hat die Führungs- und Kompetenzrolle in diesem Spiel eindeutig verloren. Solch eine Erklärung wird nicht von heute auf morgen aus dem Ärmel geschüttelt. Es braucht Vorgespräche, Strategiepläne und Vorlaufzeit. Man hatte offenbar nie vor, dem Schröder-Vorschlag nach einer flexiblen Quote, je nach Branche, jemals eine Chance zu geben, und hat parallel generalstabsmäßig den Gegenstoß sorgfältig vorbereitet.
Dass es auf der Regierungsbank Uneinigkeit gibt zu dem Thema, zieht sich als roter Faden durch das ganze Jahr und zeigte sich vor allem im ständigen Zweikampf zwischen Ex-Familienministerin Ursula von der Leyen und Kristina Schröder. Sogar die politische Auszeit zur Geburt der ersten Tochter von Kristina Schröder hatte von der Leyen munter genutzt, um in der Abwesenheit der Familienministerin eigenständig eine große Veranstaltung pro Quote zu organisieren, zu der unter anderem auch eine der stärksten europäischen Quotenbefürworterinnen geladen war,
EU-Justizkommissarin Viviane Reding. Frauensolidarität sieht anders aus, in der Politik gelten keine Freundschaften, sondern Zweckbündnisse.
Unterstützt werden die Parlamentarierinnen dabei nicht nur von Politikerinnen, sondern von einer illustren Schar prominenter Frauen aus Verbänden, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft und Kultur. Unter den Erstunterzeichnerinnen der Aktion finden sich selbstverständlich Damen wie Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, Katrin Göring-Eckardt und Renate Künast von den Grünen, Andrea Nahles und Manuela Schwesig von der SPD, Dorothee Bär von der CSU, Gesine Lötzsch von der Linken und zahlreiche Frauen aus Wirtschaftsverbänden, in denen Frauen organisiert sind, wie etwa dem Deutschen Juristinnenbund, dem European Women‘s Management Development, dem Verband Deutscher Unternehmerinnen oder auch dem Landfrauenverband.
Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die versammelte weibliche Wirtschaftselite des Landes bereits unterschrieben hat und dahinter steht – wären da nicht immer auch die lautstarken Gegenstimmen von erfolgreichen Frauen aus der Wirtschaft, die sich dankenswerter Weise gegen eine Quote aussprechen und sich nicht durch ein Gesetz kaputt reden lassen wollen, was sie durch harte Arbeit und langwierigen Einsatz selbst geschafft haben.
Doch auch die Liste der Vertreter aus Kunst, Kultur und Medien kann sich sehen lassen und verspricht in den nächsten Monaten die Talkshows zu füllen und für das Thema Aufmerksamkeit zu bekommen. So haben natürlich Publizistinnen wie Alice Schwarzer und Bascha Mika, aber auch Maria von Welser unterschrieben, Schauspielerinnen wie Maria Furtwängler oder auch Senta Berger. Große Schützenhilfe wird sicherlich auch sein, dass die Verlegerin des Axel-Springer-Verlags, Friede Springer, mit unterzeichnet hat. Damit dürfte besiegelt sein, welche Position die auflagenstarken Springer-Blätter in den nächsten Monaten beziehen werden in der Sache. Es wird ein Kampf von David gegen Goliath, hier mit sachlichen Argumenten gegen eine Frauenquote anzukommen.
Dabei gibt es wirklich gute Argumente gegen eine Quote, allen voran, dass es nur wenige Frauen sein werden, die durch ein derartiges Gesetz protegiert werden. Und zwar auch noch ausgerechnet jene Frauen, die unsere Hilfe am wenigsten brauchen. Wenn man Anwärter ist, um für einen Aufsichtsratsposten in einem Dax-Unternehmen überhaupt in Frage zu kommen, dann hat man es auf der Karriereleiter schon ziemlich weit geschafft. Ganz ohne Quote und ohne Protektion. Es ist sogar hinderlich, eine Quote als letztes Bollwerk der Gleichstellungspolitik zu betrachten, denn die Millionen von Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt, die in einer einfachen Stellung arbeiten und nicht einmal vorhaben, eine Führungsposition anzustreben, werden dadurch aus der Frauenpolitik ausgeklammert. Dabei sollte doch Politik immer möglichst die Mehrheit der Bevölkerung im Auge haben, und nicht eine Minderheit, oder?
Es ist ja auch nicht so, dass wir nicht wissen, wie es nach Einführung einer Frauenquote tatsächlich läuft. Anschauungsunterricht haben wir zur Genüge aus dem Quotenvorzeigeland Norwegen, wo diese schon lange eingeführt ist. Zwei Effekte haben sich dort herauskristallisiert: Erstens: Zahlreiche Unternehmen haben ihre Rechtsform geändert, sodass sie nicht mehr unter die
Quotenregelung fallen und diese somit umgehen können. Zweitens – und viel dramatischer: Es waren gar nicht genug Frauen zu finden, um die Masse der plötzlich frei werdenden Plätze mit qualifizierten Frauen zu besetzen.
So kommt es, dass sich in Norwegen nun eine Handvoll Frauen, es sind nicht einmal hundert, alle an Frauen zu vergebenden Aufsichtsratsposten aufteilen, viele haben zwischen drei und vier Posten gleichzeitig, manche sogar mehr. Als »Goldröcke« werden die Damen im Land spöttisch bezeichnet, weil ihnen der Lebensabend gesetzlich vergoldet wird, mancherorts wird auch vom »Club der Cousinen« gesprochen. Eine derartige Machtkumulation in den Händen von wenigen Menschen, und das auch noch gesetzlich verordnet, würde von den Unterzeichnerinnen der »Berliner Erklärung« augenblicklich angeprangert, sollte sie zu Gunsten von Männern beschlossen werden. Doch da es hier um Frauen geht, ist es irgendwie okay.
Offen wird von zahlreichen Befürworterinnen sogar der Ausdruck »positive Diskriminierung« in diesem Zusammenhang in den Mund genommen. Sie wissen ganz genau, dass durch die gesetzliche Frauenquote eine massive Benachteiligung einer ganzen Männergeneration hervorgerufen wird. Dies wird aber billigend in Kauf genommen, schließlich geht es um eine »gute Sache«. Komischerweise haben solche Argumentationsketten in anderen Bereichen durchaus ihre berechtigten Grenzen, wenn es zum Beispiel um Folter geht. Dort hat noch keiner von »positiver Folter« gesprochen – auch nicht im Fall des entführten Bankierssohns Jakob von Metzler, wo dem Verdächtigten Folter nur angedroht worden ist. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen und es werden Grenzen überschritten, die woanders undenkbar sind.
Bleibt am Schluss das wichtigste Argument: Leistung. Auf den obersten Plätzen in unserer Wirtschaft sollten diejenigen sitzen, die es durch Leistung nach oben schaffen. Die dafür am besten qualifiziert sind. Nicht umsonst wehren sich zahlreiche Frauen, gerade auch aus Spitzenpositionen, massiv gegen eine Quote. Sie haben hart gekämpft um ihren Status und das ist auch jedem klar, der bei ihnen mit am Tisch sitzt. Sie haben sich Respekt verschafft, weil sie gut sind. Selbstverständlich schließt eine Quote eine gute Qualifikation nicht aus, doch es wird nach einer Einführung derselben nicht mehr ersichtlich sein, wer es nun mit und wer es nun ohne Quote geschafft hat. Über jeder Neuanstellung einer Frau wird fortan der Makel hängen, ob sie es ohne Quote wohl auch auf diese Position gebracht hätte.
Es wäre also keine frauenpolitische Errungenschaft, sondern eine weitere Hürde, die wir den gut qualifizierten Frauen auf ihrer Karriereleiter mit auf den Weg geben.
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