Thursday, 17. May 2012
11.10.2011
 

Es ist genug Geld da

Birgit Kelle

Zunächst wollen wir einfach mal feststellen: Es ist genug Geld da. Die Frage ist einfach nur, an wen und in welcher Form wird es verteilt. Wenn die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder am Wochenende dem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble entgegen kommt und das ab 2013 geplante Betreuungsgeld schon vorab um 50 Prozent kürzt, noch bevor es in Kraft tritt, ist der Verweis auf die gespannte Kassenlage jedenfalls kein überzeugendes Argument. Ganz zu schweigen davon, dass die Milliardenbeträge, die derzeit wieder für Griechenland oder Bankenrettungen in der Diskussion sind, ja offenbar auch irgendwoher kommen, obwohl die Kassen angeblich ständig leer sind.

Wir wollen doch in diesem Moment einmal kurz der vier Milliarden (das ist eine Zahl mit neun Nullen) gedenken, die der Bund zur Verfügung gestellt hat, um neue Kita-Plätze für Kinder unter drei Jahren zu bauen. Und dann wollen wir auch an die vier Milliarden (noch mal neun Nullen) erinnern, die die Länder ebenfalls zugesagt haben für den gleichen Ausbau. Es existieren also nach wie vor und trotz angespannter Kassenlage (als ob diese jemals entspannt wäre) gewaltige

Geldsummen, die für die Betreuung der Kinder gedacht sind. Sie sollen aber alle komplett in das staatliche Betreuungssystem fließen und nicht an die Familien direkt gezahlt werden.

Ich verstehe die Argumentation ehrlich gesagt nicht. Wieso kann nicht ein Teil dieser Milliardensumme genommen werden, um es direkt an die Eltern mit kleinen Kindern auszuzahlen?

Wenn ich für meine Kinder einen Kitaplatz in Anspruch nehme, kostet dies den Staat im Durchschnitt bundesweit etwa 11.000 Euro im Jahr. Die Zahlen schwanken ein bisschen je nach Bundesland. Aber dies ist der normale Rahmen, in dem sich die Summe bewegt. Wenn ich mich als Mutter oder Vater entscheide, die Kinder selbst groß zu ziehen und das geplante Betreuungsgeld in Anspruch nehme anstatt des Kitaplatzes, dann kostet dies den Staat nur 1.680 Euro im Jahr. Es würde den Staat also nicht einmal mehr 20 Prozent der ursprünglichen Summe kosten, die er sowieso bereit wäre auszugeben. Rechnet man es auf zwei Jahre hoch – wie ursprünglich geplant – dann steht dort eine Summe von 22.000 Euro (Kita)  gegen eine lächerlich kleine Summe von 3.360 Euro Betreuungsgeld für den gleichen Zeitraum.

Es ist also kein Geld da in der Kasse? Na, dann lasst uns doch sparen! Warum nur schwenkt der Staat nicht auf die für ihn deutlich günstigere Lösung ein und fördert die Eigeninitiative und Erziehungsgewalt der Eltern? Kostengründe können es jedenfalls nicht sein, denn die Zahlen zeigen deutlich ein anderes Bild.

Offenbar will niemand wirklich, dass die Eltern mindestens drei Jahre ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen. Das System braucht vor allem die Arbeitskraft der Frauen und das möglichst sofort. Dazu noch die immer wieder neu formulierten Schmährufe in Richtung der Eltern. Die Degradierung des Betreuungsgeldes als »Herdprämie«, damit klar ist: Eltern, die dieses in Anspruch nehmen, vergeuden ihre wertvolle Zeit »am Herd« anstatt sich produktiv in die Gesellschaft einzubringen. Ich kann es bald nicht mehr hören. Kinder groß zu ziehen ist erstens keine vergeudete Zeit, sondern die recht exklusive, zeit- und geldintensive Investition in »Humankapital«. Zweitens brauchen wir genau dieses Humankapital, sprich Kinder, denn sonst nützt auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze nichts.

Wir reden immer gerne von Wertevermittlung und von Bildung, wenn es um Kinder geht. Beides soll intensiv geschehen, die Frage ist nur, wie und durch wen? Es sind nicht in erster Linie die Bildungserfolge, die uns fehlen, sondern die so genannten Sekundärtugenden. Dinge wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Durchhaltevermögen, Kritikfähigkeit, Selbsteinschätzung, Sozialverhalten, gutes Benehmen, Höflichkeit, Teamfähigkeit und manchmal sogar Tischmanieren. Mein Vorschlag: Fragen Sie doch mal bei Unternehmern nach, die auf der Suche sind nach Auszubildenden, die können Ihnen ein Lied davon singen, was den jungen Menschen in unserem Land so alles fehlt. Das sind Dinge, die unsere Kinder nicht in der Schule lernen und dort auch niemals lernen werden. Es sind Dinge, die in mühsamer, nervenaufreibender Kleinarbeit in den Familien vermittelt werden. Durch Wiederholung, Erinnerung und das persönliche Vorleben. Es gehört inzwischen zur bildungspolitischen Binsenweisheit, dass Kinder am besten durch Erfahrung und Nachahmung lernen und nicht durch Frontalunterricht. Kinder ahmen nach, was sie bei anderen sehen. Es kommt also sehr darauf an, mit wem sie in der Regel ihre Zeit verbringen. Es geschieht nicht einmal bewusst, sondern im Unterbewusstsein. Und deswegen können wir all diese Sekundärtugenden nicht im Unterricht vermitteln mit Lehrern, die im 45-Minuten-Takt wechseln. Es funktioniert zu Hause, in der Familie, oder gar nicht.

Warum nur macht es die Politik den Eltern so schwer, sich die Zeit für ihre Kinder zu nehmen? Zeit, um all dies einzuüben und zu wiederholen, was die Kinder später in ihrem Leben so dringend brauchen werden? Ich kenne die Argumente der Kritiker, die dann immer gerne darauf verweisen, dass die Schule doch so viel leisten muss, was die Kinder zu Hause nicht vermittelt bekommen. Da beißt sich die Katze allerdings in den Schwanz: Denn wo keine Zeit zu Hause, da wird nichts vermittelt und das landet dann bei der Schule – die das in der Regel dann aber auch nicht ausbügeln kann. Es folgen Therapien aller Arten, die man früher nicht brauchte, bis hin zu einer steigenden Zahl von Kindern, die inzwischen medikamentös behandelt werden, weil man sie nicht mehr in den Griff bekommt. Stellen wir uns so die Zukunft unserer Familie vor? Dabei wäre es so einfach, die Weichen anders zu stellen und den Eltern Ruhe und Zeit zu verschaffen, damit sie später die Kinder mit gutem Gewissen in den staatlichen Kindergarten- und Schulbetrieb geben können mit der Sicherheit in der Hinterhand: Mein Kind ist darauf emotional gut vorbereitet.

Richtig ist zumindest die Entscheidung der Familienministerin, dass auch Eltern in Teilzeiterwerbstätigkeit in den Genuss von Betreuungsgeld kommen sollten. Denn es ist nicht einzusehen, warum diejenigen Mütter und Väter, die versuchen, im Beruf am Ball zu bleiben, die versuchen, trotz knapper Zeit noch ein bisschen dazu zu verdienen, abgestraft werden sollen. Es ist im Übrigen ein skandinavisches Modell, das die Ministerin da vorschlägt. Dort existiert eben so ein Betreuungsgeld schon sehr lange. In der Summe ist es dort deutlich höher als die 140 Euro, mit denen man die Eltern in Deutschland ruhig stellen will, das System ist aber das gleiche: Eltern, die die Betreuung der Kinder voll übernehmen, bekommen das Geld, das der Kitaplatz kosten würde, in hoher Summe ausgezahlt. Eltern, die auch teilweise arbeiten gehen, bekommen einen abgestuften Satz des Betreuungsgeldes. Na geht doch. Wieso ist dieses System für Deutschland nicht denkbar? Wir verweisen doch sonst immer gerne auf Skandinavien. Das einzige Problem aus Sicht der Politik ist, man müsste das Geld den Eltern direkt in die Hand geben, deswegen hat man in Deutschland Skrupel.

Wir misstrauen den Eltern in unserem Land. Wir gestehen ihnen auch keine Fehler zu. Wenn sie es – wider Erwarten – jedoch trotzdem gut hinbekommen mit der Kindererziehung, nehmen wir das geschaffene »Humankapital« aber gerne als künftige Steuerzahler an.

 

 


 

 

Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

  • Gentechnik-Enzyme: Die Heinzelmännchen der Lebensmittelindustrie
  • Pleite-Italiener: Kostenlose Zigaretten für Flüchtlinge
  • Lügen ohne Chance: Neue Erkennungstechnologie
  • Republik der Narren: Deutschland verblödet

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Vorzeigeland Schweden: Eine Familienpolitik, die Kinder psychisch krank macht

Anna Dahlström

Immer dann, wenn in  Deutschland über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie diskutiert wird, dauert es nicht lange, und einer der Krippenbefürworter, in der Regel sind es Familienpolitiker der Bundesregierung, bringt als positiven Vergleich die Situation in Schweden in die Debatte ein. Ein Totschlagargument ist dieses Schweden inzwischen  mehr …

Die OECD-Studie im familienpolitischen Stresstest

Birgit Kelle

Welches sind die richtigen Wege in der Familienpolitik? Welche Weichen müssen heute gestellt werden, damit in einer Gesellschaft von morgen wieder mehr Kinder geboren werden, damit die Kinderarmut und somit auch die Familienarmut sinkt und auf dem Weg die Belange von Frauen und Müttern nicht untergehen, sondern ebenfalls berücksichtigt werden?  mehr …

Deutschland: Warum die aktuelle Frauenpolitik links liegen gelassen wird

Birgit Kelle

Was ist eigentlich mit den Linken los? Genauer, mit den linken Frauen und ihrer Frauenpolitik? Vielleicht haben sie den Unterschied zwischen Gleichheit und Gleichwertigkeit nicht verstanden? Oder den Unterschied zwischen Gleichheit und Gleichmacherei? Oder sie kennen den Unterschied doch, aber es ist ihnen egal? Das wäre die unelegante, aber  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

US-Drohnen von Virus befallen

Andreas von Rétyi

Wie das US-Militär erstmals vor zwei Wochen feststellte, wurden die Steuercomputer für ihre ferngelenkten Aufklärungs- und Kampfflugzeuge von einem hartnäckigen Virus befallen. Zu Einzelheiten hält sich das Pentagon wie üblich bedeckt, auch sei nicht klar, ob es sich um einen wirklich gefährlichen Virus handele, doch Tatsache ist, dass er  mehr …

Griechen-Witz: »Wir werden die Hilfe bis zum letzten Euro zurückzahlen«

Michael Grandt

Der in den Medien schon tagelang zuvor so groß angekündigte »Wirtschaftsgipfel« in Griechenland entpuppte sich als peinlicher Flop für beide Seiten. Wieder einmal zeigte sich, dass die lasche Denkweise der Griechen mit der der Deutschen nicht kompatibel ist. Der griechische Finanzminister versprach sogar Dinge, an die er wohl selbst nicht glaubt.  mehr …

Besuchen Sie Ägypten, solange es noch geht…

Udo Ulfkotte

Erinnern Sie sich noch an die Jubel-Berichte deutschsprachiger Journalisten über den »arabischen Frühling« und über die angeblich bevorstehende Demokratie in Ägypten? Es hieß, mit dem Sturz des Diktators Mubarak werde alles besser. Das Gegenteil war der Fall. Nun geht es steil bergab.  mehr …

Interview mit Jan van Helsing: »Hitler überlebte in Argentinien«

Redaktion

Jan van Helsing, bekannt durch seine Bestseller über Verschwörungen, Freimaurerei als auch grenzwissenschaftliche Themen, hat gerade sein neuestes Buch herausgebracht. In seinem Werk mit dem provokanten Titel »Hitler überlebte in Argentinien« behaupten er und Co-Autor Abel Basti, dass Adolf Hitler und Eva Braun in Südamerika überlebt haben und  mehr …

Aktuelle Videos

Werbung

Newsletter – Jetzt kostenlos anfordern

E-Mail-Adresse

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.