Friday, 21. November 2014
20.04.2012
 
 

Psychisch kranke Kinder: Horrorsignale der Krippen-Gesellschaft

Birgit Kelle

Die Zahlen sind der Horror: Jedes vierte Kind im Alter bis zu zwölf Jahren im Bundesland Sachsen ist in ambulanter psychischer Behandlung. Tendenz: rasant steigend. Die Ursachen dafür sind im familiären Bereich zu suchen: Fehlende Zuwendung, Überforderung der Eltern, soziale Verwahrlosung. Die Probleme sind so groß, dass bereits Unter-dreijährige wegen ihrer psychischen Not ins Krankenhaus müssen. Und auch immer mehr Eltern leiden an Stresserkrankungen. Die Politiker interessiert das herzlich wenig: Sie bauen weiter Krippenplätze aus.

Man ist erschüttert über diese Statistikzahlen. Es sei eine »erschreckende Entwicklung, die ungebremst anhält«. Rolf Steinbronn, Vorstandschef der mitgliederstärksten Kasse in Sachsen, der AOK plus, versucht, die alarmierende Statistik zu erklären. Seine Versicherung habe im Jahr 2011

allein in Sachsen 58.600 Kinder erfasst, die psychologisch behandelt worden seien. 2.450 Kinder mussten sogar stationär aufgenommen werden. Besonders traurig macht die Zahl der 380 Kinder zwischen einem und drei Jahren, die wegen psychischer Erkrankungen in so jungen Jahren im Krankenhaus behandelt werden mussten.

 

Wenn man es in Umgangssprache bringt, dann fehlen den Kindern ganz normale Familienstrukturen, Eltern, die Zeit haben und sich kümmern können. Stattdessen leiden sie unter Leistungsdruck durch die Schule und unter dem Mangel an festen Ritualen und Regeln. Laut Bericht steigen jedoch auch die Zahlen der psychisch erkrankten Erwachsenen, vor allem durch Stresserkrankungen wie Burnout. Leider haben wir hier nur Zahlen für Sachsen und nicht für ganz Deutschland, doch die Tendenzen werden sich vermutlich in allen Bundesländern früher oder später nachweisen lassen. Mit dem Stress der Eltern wächst der Stress der Kinder. Gleichzeitig können Eltern, die unter Druck sind, nicht mehr so gut auf die Bedürfnisse ihre Kinder eingehen. Eine fatale Spirale setzt sich in Gang.

 

Wo beide Eltern arbeiten gehen müssen, bleibt wenig Zeit für die Kinder. Es bleibt keine Zeit für Ruhe, für vernünftig beaufsichtigte oder gar gemeinsame Freizeitbeschäftigungen der Familien oder gemeinsame Mahlzeiten. Es klingt schon fast banal, wenn auf den Internetseiten der AOK ein Experte den Eltern Tipps gibt, um den Kindern Rituale und Stabilität zu vermitteln. Er schlägt dabei ein gemeinsames Frühstück vor, bei dem der Tag besprochen wird. So weit sind wir wohl schon gekommen, dass Ärzte gemeinsame Mahlzeiten als Therapie vorschlagen müssen – war das nicht früher einmal eine Selbstverständlichkeit?

 

Interessant wäre in diesem Zusammenhang die Frage, wie viele der betroffenen Kinder und seit wann sie in staatlichen Einrichtungen groß gezogen werden? Leider sagt die Statistik dazu nichts aus. Als Bundesland auf dem Gebiet der ehemaligen DDR hat Sachsen eine deutlich stärkere Krippentradition als die alten Bundesländer. Dass Kinder früh und lange in die Krippe kommen, ist an der Tagesordnung. In Sachsen besuchen 81,4 Prozent aller Kindergartenkinder ab drei Jahren eine Kita mit Ganztagsangebot, in der sie mehr als sieben Stunden täglich betreut werden. Deutschlandweit liegt Sachsen damit auf Platz zwei hinter Thüringen (90,7 Prozent). Im Vergleich dazu haben die alten Bundesländer Quoten von unter 50 Prozent.

 

Sachsens Kultusminister Roland Wöller sonnt sich in den Zahlen, die ihn begeistern: »Die Ergebnisse zeigen, der Ausbau der Kindertageseinrichtungen als ganztägige Bildungsorte ist in Sachsen erfolgreich verlaufen. Damit schaffen wir die Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf«. Von allen Ländern habe Sachsen in den Jahren 2007 bis 2010 die höchste Steigerung bei der Ganztagsbetreuung erzielen können: von 66,4 auf 81,4 Prozent. Im gleichen Zeitraum hat sich aber auch laut Krankenkasse AOK plus die medikamentöse Behandlung von Kindern in Sachsen auf 1,1 Tonnen Ritalin verdoppelt. Herzlichen Glückwunsch, Herr Wöller!

 

Zieht man dazu noch die Erkenntnisse von Kinderärzten heran, dass die Gefahr psychischer Probleme, die Gefahr von Stresssymptomen, von Aggressivität und die Tendenz zu Ungehorsam steigt, je früher und je länger ein Kind außer Haus betreut wird – dann verwundern die dramatischen Zahlen gerade aus Sachsen nicht mehr. Auch wenn es politisch ganz und gar unkorrekt ist, hier eine Parallele zur Krippe zu ziehen und der Kultusminister auf sein Engagement für Chancengleichheit und Bildung verweist.

 

Was wäre dagegen zu tun, um diesen Trend zu immer mehr psychisch kranken Kindern zu stoppen? Die AOK kritisiert in ihrem Bericht die einseitig medikamentöse Behandlung dieser Kinder. Verhaltensstörungen bei Kindern würden einfach mit Medikamenten still gelegt, anstatt mit Therapien, die auch die Eltern einschließen, behandelt zu werden. Dies habe einen so genannten Drehtür-Effekt – die Betroffenen werden nicht geheilt und gerade Kinder aus sozial schwachen Schichten kommen immer wieder in Behandlung.

 

»Derzeit werden jedem vierten Kind Psychopharmaka wie Ritalin verabreicht«, kritisiert Vorstandschef Steinbronn, »damit es überhaupt schulfähig ist«. Allein in Sachsen sind es, wie erwähnt, jährlich 1,1 Tonnen Ritalin, die an die Kinder verabreicht werden, dies ist bereits doppelt so viel wie noch im Jahr 2007 – Tendenz steigend. Die Krankenkasse mahnt an, dass nachhaltige Veränderungen nur gesellschaftlich herbeizuführen seien, man selbst aber mit den Kliniken nur »Reparaturbetrieb« sei.

 

Auch aus der Ärzteschaft kommt Kritik am derzeitigen Behandlungsablauf. Therapiemöglichkeiten fehlen in Sachsen oder sind schnell überhaupt nicht zu bekommen. So beklagt Veit Rößner, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik in Dresden, die ohnehin schon langen Wartezeiten bei Psychologen seien bei Kindern und Jugendlichen noch einmal deutlich länger als bei Erwachsenen. Eltern, die Hilfe suchten, würden somit immer häufiger bei Haus- und Kinderärzten landen, die dann sehr schnell einfach Pillen verschreiben. Zehn bis 15 Prozent der Kinder kämen deswegen immer wieder, ihre Störungen würden nicht auskuriert und damit erhöhe sich zusätzlich deren Risiko, auch im Erwachsenenalter an ähnlichen Erkrankungen zu leiden.

 

Es ist leider erschreckend, wie einfach die Lösungen sein könnten – mehr Zeit für die Kinder, mehr Zeit für die Eltern, Unterstützung, die die ganze Familie in die Therapie einschließt. Denn es ist ja auch logisch, dass einem Kind, dem die Familie und die Zuwendung fehlen, nicht durch ein paar Pillen geholfen werden kann, sondern nur durch eine Veränderung in seiner familiären Situation. Allerdings ist es für Ärzte und auch die Gesellschaft kurzfristig deutlich einfacher und kostengünstiger, das Kind mit Pillen ruhig zu stellen, als ihm langfristig zu helfen.

 

Kommen wir zurück zu dem Gesundheitsexperten der AOK im Internet. Gute-Nacht-Geschichten empfiehlt er auch, ein paar Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit am Abend. Vielleicht wird unsere Politik erst dann wach, wenn es die Geschichten vom Sandmännchen erstmalig auf Rezept gibt.

 

 


 

 

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