Saturday, 23. July 2016
04.10.2011
 
 

Ronald Pofalla: Die Fresse-Erklärung aus dem Kanzleramt

Carlos A. Gebauer

Höflich miteinander umzugehen, das lernen Kinder in der Schule. Bisweilen sind Lehrer sogar – hier oder da – befugt, das Betragen ihrer Schüler zu benoten. Unter der Rubrik »Sozialverhalten« wird dann beurteilt, welche Umgangsformen ein junger Mensch hat. Um zu verstehen, worum es geht, lohnt ein genauerer Blick auf das Wort »Höflichkeit« selbst. Das Wort transportiert Geschichte. Denn es sagt, wie man sich »bei Hofe« zu verhalten hatte. Und das Grimmsche Wörterbuch der deutschen Sprache konkretisiert: »fein, gesittet, artig«.

Wer einem anderen erklärt: »Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen«, der ist unbestreitbar nicht höflich. Denn die »Fresse« ist – um wieder das Grimmsche Wörterbuch zu bemühen – »ein derber und kräftiger Ausdruck für das Maul«. Und um zu wissen, dass das »Maul« wiederum ein ganz unedler Ausdruck für den Mund ist, braucht man nicht einmal mehr die Hilfe der Grimms.

Glaubt man nun der kursierenden Vielzahl von einschlägigen Presseberichten, so hat der Herr Kanzleramtsminister Ronald Pofalla dem Abgeordneten Wolfgang Bosbach eben jene ganz unhöfliche Bemerkung vom Ich-kann-deine-Fresse-nicht-mehr-sehen mitten in sein Gesicht gesagt.

Dies allein wäre unschön, fügt es sich doch nicht in das Bild dessen, was wir gemeine Bürger uns vom Umgang der hohen Politiker miteinander üblicherweise machen. Denn in einem Parlament, das wir »Hohes Haus« nennen, sollten mindestens ebenso feine und artige Umgangsformen herrschen wie einstmals bei Hofe.

Ronald Pofalla hat es jedoch bei der Mund-Maul-Fresse-Absteigerung nicht belassen. Er hat – glaubt man den Berichten allerorten – zu den eurokritischen Äußerungen seines Parteifreundes Bosbach auch geäußert, dieser mache mit seiner »Scheiße alle Leute verrückt« und er wolle »mit so einer Scheiße in Ruhe« gelassen werden. Des Weiteren kursiert, es sei von Herrn Kanzleramtsminister Pofalla gesagt worden: »Laß mich mit deiner Scheiße in Ruhe«.

Man braucht kein Linguist oder Sprachästhet zu sein, um aus dieser Anhäufung von Fäkalien eine eher derb-bäuerliche Gesinnung des Senders zu erkennen. Der frühe Josef »Joschka« Fischer hatte seinen massiv umgangssprachlichen Angriff auf den Parlamentspräsidenten Richard Stücklen 1984 wenigstens noch mit einer althergebrachten Demutsfloskel eingeleitet: »Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!«. Aber ein solches mittelhochdeutsches Ersuchen um die Erlaubnis für eine nachfolgende Frechheit ging Ronald Pofalla gänzlich ab. Stattdessen wählte er zugleich auch noch die wenig distanzierte Gestalt des »du« für seine Verbalentgleisung, vielleicht in dem Kalkül, dass der Schlag auf’s Maul aus der Nähe schmerzhafter trifft?

Die Süddeutsche Zeitung nennt Ronald Pofalla inzwischen einen »Problemminister«. Ausgerechnet die Süddeutsche Zeitung, möchte man anfügen! Denn kein großes deutsches Blatt war vor fünf Jahren dem so getauften »Problembären Bruno« näher, der unkontrolliert durch das bayerisch-österreichische Grenzgebiet streunte und die Gegend unsicher machte. Der Problembär wurde damals abgeschossen. Dies hielt man im Landkreis Miesbach für angemessen.

Was ist nun aber angemessen im Umgang mit einem Problemminister, der – ausgerechnet aus dem Kanzleramt, aus dem Herzen des Herzens der Republik – seine ganz unhöflichen, heute würde man sagen: undiplomatischen, Fresse-Erklärungen verlautbart? Kann ein Mann in dieser Position unfein, ungesittet und unartig sein?

Wolfgang Bosbach hat in der Euro-Debatte getan, was das Gesetz von ihm verlangt. Er hat sich als Abgeordneter nach seinem Gewissen erklärt und verhalten. Nichts anderes verlangt Artikel 38 Abs. 1 Satz 2 des Grundgesetzes von ihm. Artikel 5 Absatz 1 Satz 1 ebendort gewährt ihm darüber hinaus das Recht, seine Meinung frei zu äußern. Und mehr noch: § 36 des Strafgesetzbuches stellt sogar weiter klar, dass Mitglieder des Bundestages »zu keiner Zeit wegen ihrer Abstimmung oder wegen einer Äußerung«, die sie in Amtsausübung tun, außerhalb des Parlaments »zur Verantwortung gezogen werden« dürfen. Das ist nur richtig so. Denn alle Redeverbote bei der Gesetzgebung könnten die Rechtsfindung nur erschweren oder verhindern.

Indem Ronald Pofalla die Ächtung des Abgeordneten Bosbach aus der juristisch formellen in die informell-persönliche Sphäre vorverlagert, zeigt er zweierlei: Nämlich, dass er es erstens nicht nur an Höflichkeit und Diplomatie mangeln lässt, sondern dass ihm zweitens auch der nötige Respekt vor Andersdenkenden und Andersabstimmenden fehlt. Für die politische Kultur in diesem Land kann es folgerichtig nur eine einzige Konsequenz aus jener Fresse-Erklärung des Ministers geben. Er hat zu gehen. Geht er nicht freiwillig, muss er entlassen werden, als Signal an alle anderen, die glauben, durch informellen Druck Gruppenzwang erzeugen zu dürfen.

Die Ernennung und die Entlassung von Bundesministern ist Sache des Bundespräsidenten. Der aber handelt dergestalt nur auf Vorschlag des Bundeskanzlers, wie Artikel 64 Abs. 1 des Grundgesetzes sagt. Die Frau Bundeskanzlerin ist folglich gut beraten, sich die Fresse-Erklärung ihres Kanzleramtsministers nicht durch Untätigkeit zu eigen zu machen. Denn einen Problemkanzler braucht Deutschland auch außerhalb des Landkreises Miesbach nicht.

 

 


 

 

Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

  • Obskure Saubermänner: Neuigkeiten aus Politik und Medien
  • Grüne Umweltsünden: Biosprit erhöht den CO2-Ausstoß
  • Griechenland: Die Lunte brennt
  • Bei welcher europäischen Bank Sie kein Geld mehr anlegen sollten

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Angela Merkel auf Ramschstatus herabgestuft: Das Volk als Ratingagentur

Udo Ulfkotte

Wie viele deutsche Politiker leidet auch Bundeskanzlerin Angela Merkel inzwischen offenkundig am gefährlichen und hochinfektiösen WKL-Syndrom (»Weiß nichts, kann nichts, leistet nichts«). Und trotz ihrer gefährlichen Krankheit will sie für eine dritte Amtszeit kandidieren. Doch die Bürger haben sie jetzt bewertet und auf Ramschstatus herabgestuft.  mehr …

Merkel bei Jauch – Verfassungslos entsetzt

Carlos A. Gebauer

Es war ein kafkaesker Auftritt der Kanzlerin bei Günther Jauch gestern Abend. Auf der Bühne des ersten deutschen Fernsehens saßen Deutschlands erster Moderator und die erste Frau im Staate. Auf dem Plan stand eine Art öffentliche Beweisaufnahme zur Frage: Haben Sie ein schlüssiges Konzept zur Rettung des Euro, Frau Merkel?  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Bilanz des Schreckens

Michael Grandt

Fast zwei Jahre nach Ausbruch der Eurokrise lassen überlebensnotwendige Reformen in den Problemländern immer noch auf sich warten, ja mehr noch, die Lage spitzt sich sogar zu.  mehr …

Pakistan und das »Haqqani-Netzwerk«: Die jüngste, inszenierte Bedrohung Amerikas und das Ende der Geschichte

Dr. Paul Craig Roberts

Haben Sie schon einmal von den Haqqanis gehört? Ich kann es mir kaum vorstellen. Ähnlich wie das Al-Qaida-Netzwerk, von dem vor dem 11. September noch keiner gehört hatte, tauchte das »Haqqani-Netzwerk« genau zur richtigen Zeit aus der Versenkung auf, um den nächsten Krieg Amerikas zu rechtfertigen – gegen Pakistan.  mehr …

Vorzeigeland Schweden: Eine Familienpolitik, die Kinder psychisch krank macht

Anna Dahlström

Immer dann, wenn in  Deutschland über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie diskutiert wird, dauert es nicht lange, und einer der Krippenbefürworter, in der Regel sind es Familienpolitiker der Bundesregierung, bringt als positiven Vergleich die Situation in Schweden in die Debatte ein. Ein Totschlagargument ist dieses Schweden inzwischen  mehr …

Die Schriften der Maya: Kehren am 23.12.2012 die Götter zurück?

Christine Weiland

»Sie werden wiederkehren und vollenden, was sie begonnen haben.«   So steht es in einer der wenigen von den Maya überlieferten Schriften. Auch in anderen Kulturen gibt es die Hoffnung auf die Rückkehr der Götter, aber bei den Maya ist dieses Ereignis an ein magisches Datum gekoppelt. Am 23.12.2012 endet ihr Kalender nach einem Zyklus von 52  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

Werbung

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.