Merkel-Plan: Das Märchen von der kommunalen Energieautarkie
Edgar Gärtner
Seit Angela Merkel die »Energiewende« ausgerufen hat, mehren sich die Initiativen, die darauf abzielen, ländliche Kommunen, wenn nicht ganze Regionen, zu hundert Prozent mit so genannten erneuerbaren Energien zu versorgen.
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In Kassel fand Ende September mit Unterstützung durch das Bundesministerium für Umwelt (BMU) und das Umweltbundesamt nun schon der dritte Kongress »100 % Erneuerbare-Energie-Regionen« statt. Nach einer Marktanalyse von Trend Research gibt es bundesweit bereits über 80 Dörfer, die ihren Strom- und Wärmebedarf fast zur Gänze aus regional verfügbaren regenerativen Energien decken. Vor allem in waldreichen Regionen erklären sich Kommunen zu autarken Bioenergie- oder Öko-Dörfern und machen damit Werbung. Privatleute betreiben auf genossenschaftlicher Basis Windräder, Solarkraftwerke, Biogasanlagen und Blockheizkraftwerke, in denen Holzhackschnitzel
verbrannt werden. Oft dienen solche Genossenschaften und die mit ihnen verbundene Erwartung »nachhaltiger« Gewinne dem Ziel, den Widerstand der Landbewohner gegen die Verschandelung der Landschaft durch Windräder und Mais- beziehungsweise Raps-Monokulturen zu brechen.
»Bürgeranlagen bieten auch Kleinanlegern die Möglichkeit, ihr Geld regional und umweltfreundlich zu investieren«, erklärt Philipp Vohrer, der Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien AEE, die zu den Veranstaltern des Kasseler Kongresses zählt (zitiert nach FAZ vom 19. September 2011). Die AEE zählt bundesweit über 300 Energiegenossenschaften. Die grüne Euphorie scheint keine Grenzen zu kennen. Die Beteiligungsprospekte versprechen den Anlegern die »Anregung regionaler Wertschöpfung« und eine preiswerte Energieversorgung unabhängig von den großen Konzernen. Was von solchen Versprechen zu halten ist, zeigt das Beispiel des Bioenergiedorfes Breuberg Rai-Breitenbach im Odenwald. Die Genossenschaft »Bioenergiedorf Rai-Breitenbach« wurde im Jahre 2006 mit Unterstützung des SPD-Landrats des Odenwaldkreises und des SPD-Bürgermeisters der Gemeinde Breuberg gegründet. Insgesamt 150 Haus- und Grundbesitzer beteiligten sich mit Mindesteinlagen von 500 Euro an der Genossenschaft. Für den Bau eines 3,2 Millionen Euro teuren Biomasse-Heizkraftwerks und eines Fernwärmenetzes brachten die Genossen 550.000 Euro Eigenkapital auf. Das Land Hessen gab einen Zuschuss von 280.000 Euro. Die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) finanzierte den Rest (2.370.000 Euro).
»Mit der Energiegewinnung aus Holzhackschnitzeln und Sonne spart der Ort jährlich ungefähr 650.000 Liter Heizöl und reduziert den CO2-Ausstoß um circa 2.000 Tonnen pro Jahr«, heißt es auf der Homepage der Genossenschaft. Wie es tatsächlich um diese Genossenschaft bestellt ist,
offenbarte ein längerer Artikel in der Lokalzeitung Odenwälder Echo vom 16. September 2011. »Nach wie vor schwebt die Finanzlage als Damoklesschwert über der Idee, ein Dorf autark und nachhaltig mit Wärme aus einem Holzschnitzelkraftwerk zu versorgen«, heißt es dort. Denn die Genossenschaft schloss das Geschäftsjahr 2010 mit einem Verlust von knapp 82.000 Euro. Im Jahr davor betrug der Verlust 30.000 Euro, und bis zum 31. Juli des laufenden Jahres sei ein weiterer Verlust von etwa 16.000 Euro hinzugekommen. Da das Genossenschaftskapital beim Jahresabschluss 2010 mit 256.000 Euro in den Büchern stand, erreicht der aufgelaufene Verlust nun bald die Grenze der Meldepflicht.
Für Breubergs Altbürgermeister Günter Verst, nun stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft, ist die absehbare Insolvenz der Genossenschaft nur durch energisches Handeln abwendbar. Im kommenden Jahr sei ein Fehlbetrag von 140.000 Euro absehbar. Das von ihm vorgestellte Sanierungskonzept sieht eine Erhöhung des Wärmepreises um zwei Cent auf knapp elf Cent netto je Kilowattstunde vor. Gleichzeitig wurde eine Laufzeitverlängerung der KfW-Kredite ausgehandelt. Dadurch erhöht sich jedoch die Zinsbelastung. Dazu der Kommentar einer älteren Genossin in der Lokalzeitung: »Am Anfang wurde uns versprochen, das sei alles viel günstiger als Öl. Ich habe nur eine kleine Rente und weiß nicht mehr, wie ich das leisten soll.«
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