Wednesday, 24. August 2016
06.07.2011
 
 

»Bildungsprogramme« für Kleinstkinder – ein fataler Fehler!

Eva Herman

Von unseren Kindern wird in der heutigen »bildungsfreundlichen« Zeit viel erwartet. Im Kleinkindalter sollen sie bilingual erzogen werden, sie sollen klassische Musik hören, ein Musikinstrument und erste mathematische Zusammenhänge erlernen. Das Motto lautet: Je früher, desto besser. Denn nur, wer in frühen Jahren viel lernt, der wird später richtig intelligent und gehört somit zur relevanten Gruppe der Leistungsgesellschaft, heißt es.

Der Ehrgeiz ist riesengroß, doch Achtung: Es ist der Ehrgeiz der Erwachsenen.

Wie steht es dabei mit den Kindern? Sind sie wirklich schon in der Lage, mit ein, zwei Jahren englische oder spanische Vokabeln zu lernen? Brauchen sie bildungspädagogische Strategien, um die Vernetzung ihrer Synapsen im wachsenden Kinderhirn zu beschleunigen und werden sie dadurch wirklich schlauer? Fühlen sich Ein- oder Zweijährige wohl und wird ihr Selbstvertrauen gestärkt bei diesen hochfliegenden, vorschulischen Ausbildungsprogrammen?

Wohl kaum. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Das jedenfalls sagt der renommierte Kinder- und Jugendtherapeut Wolfgang Bergmann und findet sich damit in einer rasant wachsenden Gruppe internationaler Hirn- und Erziehungsforscher wieder. Er erteilt den überspannten Plänen tüchtiger Politiker/innen eine klare Absage. Er wirft den bildungspolitischen Entscheidern vielmehr vor, sich viel zu wenig mit den tatsächlichen Ergebnissen weltweiter Untersuchungen bei Säuglingen und Kleinkindern zu beschäftigen und mit ihren leichtsinnigen, oberflächlichen Betrachtungen, die in parteipolitische Entscheidungsprogramme münden, fatale Folgen für die ganze Gesellschaft zu bewirken. Bergmann weist auf die Gefahren hin: Die Kreativität der Kinder, die Lust am Lernen, die Freude am Leben und die Neugierde auf die unbekannten Vorgänge des Daseins werden durch die ehrgeizigen Erziehungsprogramme in Wahrheit ausgebremst und verhindert, sie müssen verkümmern.

In seinem letzten Buch Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung macht er deutlich, dass »das das typische Lernen in Fördereinrichtungen den allermeisten Kindern gar nichts nutzt. Lernen mit ein, zwei oder vier Jahren heiße eben nicht, dass das Kind abstrakte Informationen auswendig lerne. In diesem Alter gehe es vielmehr darum, ein Vertrautwerden mit der Welt mit allen Sinnen zu empfinden, erfühlen und zu erlernen.«

In einem ausführlichen letzten Interview vor seinem Tod beschreibt der beliebte und bekannte Kindertherapeut Bergmann, was im Gehirn eines kleinen Kindes geschieht, wenn es zum Beispiel über eine Wiese läuft und eine schöne Blume entdeckt. Es schnuppert an ihr, betrachtet, wie der Wind diese hin und her wiegt und öffnet ganz seine Sinne für die Schönheit der Natur. Innere Bilder werden geprägt, die wichtig sind für alle weiteren Eindrücke bis ans Ende des Lebens. Wer dem Kind in diesem Moment, in dem es seine Seele geöffnet hat, aus bildungspolitischen Strategien heraus nun den englischen Begriff »flower« näherbringen will, der zerstört jegliches natürliches Erleben und Erlernen.

Bergmann beschreibt die künftigen Lernerfolge für das kleine Kind, das in diesem Moment nicht die Blume bestaunen darf, sondern von seiner Betreuerin vielmehr hört: »Look, this is a flower. Say it again: a ­flower«, als armselig und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als absolut erfolglos. Die Blume in all ihren sinnlichen Facetten werde auf eine bloße Abstraktion reduziert, die Vokabel »flower« sei nach spätestens einer Stunde wieder vergessen. Das sinnliche Erlebnis, die Begegnung mit der schönen Blume, wurde durch diesen unsinnigen Eingriff zerstört.

Viel wichtiger als alle bildungspolitischen Lern- und Förderprogramme dieser Welt ist es vielmehr, ausreichend gemeinsame  Zeit zu haben und ein natürliches Miteinander in den Familien zu ermöglichen. In diesem Fall wäre es für das Kind günstiger gewesen, mit Mama und Papa die Blume gemeinsam zu bestaunen und durch kleine Geschichten, die erzählt werden, tief zu erleben. Dazu gehören natürlich genügend Zeit und Aufmerksamkeit der Eltern und viele ausgedehnte, gemeinsame Stunden mit den kleinen Kindern, Respekt auch vor ihren Bedürfnissen, verlässliche Regeln und Verantwortung. Letzteres beinhaltet auch, der Entscheidung für Kinder im Leben die nötigen Konsequenzen folgen zu lassen: Wer Kinder will, der muss sich auch um diese kümmern und kann sie nicht einfach schon früh in fremde Hände abgeben.

Bergmann erteilt dem Hohelied der modernen Erwerbstätigkeit von Müttern und der daraus folgenden frühen Fremdbetreuung von Kleinkindern damit ebenso eine klare Absage. In den ersten drei Jahren werden die Weichen für ein erfolgreiches und glückliches Leben gestellt, so seine Erfahrung. In dieser Zeit sind Zuwendung, Liebe, Aufmerksamkeit, Förderung der Kleinen alleine im Sinne der Liebe und des erwachenden Lebens wichtig. Und die kommt notwendigerweise von Mama und Papa, und nicht etwa von dem heutzutage in den allermeisten Fällen komplett überfordertem Erziehungspersonal in Kinderkrippen.

Wolfgang Bergmann starb vor wenigen Wochen. In seinem letzten ausführlichen Interview macht er, ganz im Bewusstsein seines nahenden Todes, allen Eltern noch einmal die wichtigsten Grundsätze eines natürlichen Miteinanders mit ihren Kindern deutlich. Er gibt einfache und zugleich weise Antworten auf alle jene Fragen, die heutzutage viele Familien vergessen haben und die sie nun überall zusammenbrechen lassen. Frühe Entfremdung bringt lebenslange Entfremdung, so sein Credo. Bergmann belebt vergessenes Wissen wieder. Sein größter Wunsch: Kinder und ihre Eltern sollen wieder glücklicher miteinander werden.

Eva Herman führte ein über einstündiges Interview mit Wolfgang Bergmann für den Kopp Verlag. Auf der bewegenden DVD ist außerdem der letzte Abendvortrag des »Kinderanwalts« im Herbst 2010 in Hannover zu sehen, wo er ebenso einfache wie natürliche und logische Antworten auf zahlreiche brennende Erziehungsfragen der heutigen Zeit gibt.

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