
Dorthin hatte Bettina Wulff am Mittwoch rund 100 Experten aus Wissenschaft, Politik sowie aus der Praxis von Kinder- und Jugendhilfe eingeladen. Und gemeinsam suchte man erneut den völlig naturfernen Standpunkt zu vertreten, Kinder sollten schon früh in die Krippe gegeben und fremdbetreut werden. Dass der Grund dafür einzig in dem Vorsatz liegt, Mütter so schnell wie möglich wieder an den Arbeitsplatz zurückzuschicken, damit sie unter anderem ihre
Sozialversicherungsbeiträge gefälligst selbst bezahlen, wurde ebenso wenig thematisiert wie erläutert wurde, dass sich das favorisierte Modell in nichts mehr von der einstigen »Familienpolitik« Margot Honeckers unterscheidet.
Bettina Wulff, die auch UNICEF-Schirmherrin ist, unterstrich, in der Kita lernten Kinder, dass es Regeln gebe, die zu befolgen seien. Dort könnten die Kleinen bereits Demokratie erleben. Sie könnten über Ausflüge debattieren und abstimmen. Selten hat man einen solchen Schmarrn gehört. Denn, wie schon erwähnt, handelt es sich bei Kitas um die Aufbewahrung von Kleinstkindern, die es herzlich wenig interessiert, welche demokratischen Regeln in dieser modernen Gesellschaft wichtig sind. Für sie geht es in dem fremden Umfeld ums blanke Überleben. Außerdem ist es sicher, dass keines dieser Kleinen »über Ausflüge debattieren will«, sondern hart um seinen Platz in der Gruppe kämpfen muss, jeden Tag aufs Neue, was weder kindergerecht ist noch von der Natur so vorgesehen wurde. Dort heißt das Konzept vielmehr – wie übrigens auch bei allen Tierarten –, dass Mama selbst mit Klauen und Zähnen das Kleine beschützt und verteidigt.
Und was soll denn die Aussage der ehemaligen PR-Expertin, »in der Kita lernten die Kinder, dass es Regeln gebe, die zu befolgen seien?« Lernen die Kleinen diese Regeln etwa nicht auch zu Hause, falls man den Familien die Entscheidung denn überhaupt noch überlässt, eine Familie zu sein?
Auch die naive Vorstellung der »Kinderexpertin« Wulff, »Kinder lernten so, ihre Meinungen in Worte zu fassen, andere Ansichten wahrzunehmen, aber auch, beschlossene Entscheidungen zu akzeptieren«, ist der blanke Hohn und ein deutlicher Beweis dafür, dass die Präsidentengattin, ähnlich wie schon andere Damen des politischen Parketts, sich die Welt nach Pippi Langstrumpfs Motto hinstricken, »ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt«! Es scheint immer mehr Menschen verborgen zu bleiben, dass Kleinkinder in ihren verschiedenen frühen Entwicklungsstadien allermeist nicht die ehrgeizigen Erwartungen dieser Leistungsgesellschaft erfüllen können, sondern einfach nur bei Mama, Papa oder Oma sein und spielen wollen, die Welt erkunden und auf ihre Weise diese Menschengesellschaft kennenlernen möchten: Durch langsames, vorsichtiges Herantasten und behutsame Entwicklungsschritte, in die sie liebevoll begleitet und dabei beschützt werden.
Triefende Ironie auch das Motto dieser Schloss-Veranstaltung: »Was Kinder stark macht«. Hierbei handelt es sich um eine vorsätzliche Begriffsverwirrung, die die letzten »Abtrünnigen«, die sich noch verzweifelt an alte Werte klammern wollen, auf Kurs bringen soll. Aber das erleben wir ja schon seit Jahren: Durch dauerhafte Gehirnwäsche und Politpropaganda hat es auch der letzte Hinterbänkler erfahren: Das Mutter-Kind-Konzept, nach dem wir Jahrtausende überlebt haben, ist nun »falsch«,
während DDR-Krippen und Beschäftigungsfabriken die rosige Zukunft ermöglichen sollen. Aus langjährigen, zutreffenden Wissenschaftsbegriffen wie »frühkindliche Bindung« wurde kurzerhand »frühkindliche Bildung« gemacht, das perfide Auswechseln eines einzigen Buchstabens genügte, um das Land in wenigen Jahren auf den Kopf zu stellen. Die ergebenen »Qualitätsjournalisten« blasen diesen Unsinn denn auch regelmäßig in die bundesrepublikanische Öffentlichkeit.
Frau Wulff rief übrigens auch dazu auf, Deutschland kindgerechter zu gestalten. Kinder würden meist als Störfaktor gesehen: »Wenn Kinder fühlen, dass sie wertgeschätzt werden, lernen sie gleichzeitig auch, andere wertzuschätzen«. Spätestens hier wird der ganze Wahnsinn deutlich, denn kaum ein Kleinkind würde sich freiwillig für die anstrengende Krippentour entscheiden, sondern lieber im gemütlichen Heim bei seiner Familie bleiben und in Ruhe großwerden. Was heißt denn hier Wertschätzung? Wertschätzung bringt man einem Menschen dann entgegen, wenn man dessen Bedürfnisse und Wünsche respektiert, und nicht wie ein politischer Riesenpanzer brutal darüber rollt.
Wenige Jahre ist es nur her, dass die Vorsitzende des Familiennetzwerks und ich die Reise nach Hannover antraten, um den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff zu beknien, den Hannoverschen Kinder- und Jugendtherapeuten Wolfgang Bergmann zu empfangen und anzuhören. Dieser hatte sich bereit erklärt, den Politikern über die lebensnotwendige Bindungsforschung zu berichten, um endlich diesen Krippenwahnsinn zu beenden.
Er hatte uns wohl zugehört, der Herr Ministerpräsident, hatte sich über eine Stunde Zeit für uns genommen. Am Ende jedoch verwies er strahlend auf die Tatsache, dass »Bettina« den älteren Sohn schon früh in die Krippe gebracht habe und dies auch mit dem gemeinsamen Nachwuchs so geschehen werde. Unsere sämtlichen Erläuterungen waren an ihm abgeprallt und heruntergelaufen, die Reise war umsonst gewesen.
Bleibt nur noch die eine Möglichkeit: In Ruhe abzuwarten Bis der deutsche Krippenzug gegen die Wand knallt. Vorzeichen gibt es ja schon genügend: Saufende Jugendliche, ausbildungsunfähige Lehrlinge, Verhaltens- und Lernstörungen bei vier Fünfteln unserer Kinder, und so weiter. Offenbar müssen wir wirklich auf allen Vieren durch den Morast kriechen, bis wir zur richtigen Erkenntnis kommen: Unsere politischen Maßnahmen führen uns ins Verderben, und die Medien streuen uns seit Jahren mit ihren Falschberichten Sand in die Augen.
Und wir? Wir haben das alles stillschweigend zugelassen! Aber keine Sorge: Unsere Kinder werden uns durch ihre tiefen Nöte schon bald unsanft aus dem Schlaf wecken, und dann können wir nur noch beten, dass es nicht schon zu spät ist.
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