Friday, 27. May 2016
08.10.2010
 
 

Ehrenamtliches Engagement soll unter staatliche Kontrolle gestellt werden

Eva Herman

Die Bundesregierung will das gesellschaftliche Engagement unter ihre Kontrolle stellen. Das Kabinett hat jetzt die »Nationale Engagementstrategie« und den »Aktionsplan CSR« beschlossen. »Eine zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft besser aufeinander abgestimmte Engagementförderung« solle damit in Deutschland geschaffen werden, heißt es in der Pressemitteilung von Bundesfamilienministerin Schröder. Soziales, freiwilliges Engagement einzelner Bürger, die aus uneigennützigen Gründen anderen Menschen Hilfe und Zuwendung gewähren, soll jetzt also vom Staat, von höchster Stelle eingefordert und koordiniert werden?

Familienministerin Schröder erklärt selbstbewusst: »Wir brauchen das Engagement der Bürgerinnen und Bürger, denn diejenigen, die sich freiwillig engagieren, tragen mit ihrem Einsatz, mit ihrer Kreativität und Eigeninitiative zum Fortschritt und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft bei.«

Schon heute engagieren sich etwa 36 Prozent der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre freiwillig – das sind etwa 23 Millionen Menschen. Diese Zahl steigt seit Jahren – ohne dass etwa jemals staatliche Schub- oder Kontrollhilfen nötig gewesen wären: So waren es 1985 noch 27,6 Prozent, 1992 stieg die Zahl auf 27,6 Prozent und 1999 waren 34 Prozent der Wohnbevölkerung – oder hochgerechnet etwa 21,6 Millionen Menschen – in der Freiwilligenarbeit engagiert.

Warum also plötzlich derartig stramme Töne aus Berlin zu einem doch zutiefst menschelnden Thema? Wer bei der Suche nach Antworten sogleich den monetären Gedanken hegt, liegt nicht ganz falsch. Ein Blick auf die Zahlen erläutert, woher der Wind weht: Das Statistische Bundesamt zum Beispiel ermittelte für Deutschland für das Jahr 2000 folgende Zahlen:

Von den 132 Milliarden geleisteten Arbeitsstunden wurden 47 Milliarden bezahlt; 77 Milliarden wurden als unbezahlte Arbeit verrichtet, acht Milliarden entfielen auf Wegezeiten im Zusammenhang mit der Leistungserbringung.

Mit der ehrenamtlichen, der unbezahlten Arbeit vieler Menschen im Land spart folglich in erster Linie der kranke, marode Staat. Es liegt also in seinem höchsten Interesse, so viele Menschen wie möglich für diese freiwillige Aufgabe zu überzeugen. Aber, wird das mit staatlichen Mitteln und unter staatlicher Kontrolle gelingen?

Die nächste Frage lautet: Wer leistet eigentlich frei-gemeinnützige Arbeit?

Hierüber gibt es verlässliche Untersuchungen. Diesen zufolge zeichnen sich typische Freiwillige so aus: Sie haben einen größeren Bekannten- und Freundeskreis; sie leben in einem Haushalt mit vier und mehr Personen; sie haben einen höheren Bildungsabschluss; sie sind erwerbstätig; sie haben oder hatten eine höhere berufliche Position. Das Prinzip scheint also zu sein: Wer ohnehin sozial beschäftigt ist, ist auch bereit, zusätzlich frei-gemeinnützige Arbeit zu leisten. Es handelt sich demgemäß in aller Regel um familien- und werteorientierte Menschen – jene, die in ihrem täglichen Leben jetzt vom Staat zunehmend unter Druck gesetzt werden.

Für diese Bürger werden nun, wie das Kabinett beschloss, »neue, innovative Lösungen für die Herausforderungen, mit denen wir zunehmend konfrontiert sind, gefunden werden. Die Bundesregierung werde dafür geeignete Foren des Austauschs fördern und im Bundesfamilienministerium eine Anlaufstelle für soziale Innovationen einrichten.«

Gegenseitige, selbstlose Bürgerhilfe, künftig vom Staat organisiert, gefördert und bewacht? Die Zeiten sind hart, fürwahr. Sozialsysteme brechen zusammen, die öffentlichen Kassen sind leer, Staat, Länder, Kommunen und Gemeinden sind pleite. Finanziell ist die Sache längst klar: Der Bürger muss ran, der kleine Mann. Hartz-IV-Empfänger können ein schmerzhaftes Erfahrungslied davon singen, Alleinerziehende, denen per Gesetz zunehmend der Lebenssaft abgedrückt wird, ebenso, auch der ausblutende Mittelstand leidet – bislang noch nahezu stumm. Während die Agonie kriminell agierender Banken mit immer neuen Milliardenspritzen hinausgezögert und verlängert wird, während Schifffahrt und Hotellerie liebevoll mit Steuergeschenken und Vitaminmilliarden aufrechterhalten werden, bleibt dem Kleinen Mann kaum noch die Luft zum Atmen.

Und der Kleine Mann wie auch die Kleine Frau sind es zuallermeist, die sich freiwillig in den Dienst anderer Menschen stellen, Familienmenschen, sozial- und werteorientiert. Es ist ein sinnstiftender Einsatz, der dem Helfenden in dieser zusammenbrechenden Welt zugleich das zufriedenstellende Gefühl vermittelt: Du kannst einem anderen Menschen helfen. Ohne dich ginge es dem anderen nicht gut. Es ist der moderne Fall der christlichen Nächstenliebe, eine höchst individuelle, persönliche Entscheidung, die andere und einen selbst bereichert und beschenkt.

Die ehrenamtliche Idee birgt denselben Gedanken, der auch natürliche Familien zusammenhält: Vater und Mutter tragen und wiegen nachts ihr Baby, anstatt zu schlafen, die erwachsenen Kinder pflegen ihre alten Eltern, die alleine nicht mehr können. »Selbstlosigkeit« heißt der Stoff, aus dem das Ehrenamt gewebt wird.

Aber kann man Selbstlosigkeit wirklich gesetzlich verordnen? Kann man Nächstenliebe vom Staat überwachen lassen? Wohl kaum. Selbstlosigkeit wird im Herzen beschlossen, in einem offenen, barmherzigen Geist, und nicht etwa in Berliner Ministerien, die gerade am Absaufen sind.

Wer das ehrenamtliche Engagement, den selbstlosen Einsatz für andere Menschen fördern will, der gebe in allererster Linie den Menschen das, was sie dringend als Grundbasis ihres täglichen Lebens brauchen: Zeit und genügend Geld für ihre Familien, menschlichere Steuergesetze, weniger globalisierten Erwerbsdruck für Frauen. Wer Mütter von ihren kleinen Kindern trennt, um sie der täglichen Erwerbstätigkeit zu verpflichten, wer sie damit zwingt, die Kleinsten in fremde Hände abzugeben, der zerschneidet die wertvollen Bindungen und Bande, die Liebe heißen. Nur diese Liebe im Herzen, die auch andere Menschen umschlingt, ermöglicht einmal den uneigennützigen Einsatz für andere.

Die Familienministerin täte gut daran, den zweifellos vor uns liegenden schwierigen Zeiten mit anderen Maßnahmen entgegenzutreten, als mit weiterem staatlichen Druck und Kontrolle. Wer rechtzeitig Liebe zu geben und nehmen lernt, der braucht kein Ministerium, um sich für andere stark zu machen. Er fragt sein Herz, und es antwortet ihm.

Wie sagte Frau Schröder auf der Pressekonferenz? »Ich freue mich daher, dass wir heute die erste Nationale Engagementstrategie in Deutschland vorlegen können. So schaffen wir es, dass in Zukunft alle Akteure und Unterstützer an einem Strang ziehen.« Das ehrenamtliche, unbezahlte Bürgerengagement hat bislang immer ohne den Staat funktioniert. Jahrtausendelang! Aber die Politiker riechen inzwischen, wo es immer noch etwas zu holen gibt: »Der freiwillige Einsatz der Bürgerinnen und Bürger ist eine tragende Säule unseres freiheitlichen und demokratischen Gemeinwesens und wird in Zukunft immer wichtiger werden«, so die Familienministerin gestern auf der Pressekonferenz in Berlin.

Das Ehrenamt ist immer noch freiwillige Bürgersache. Und das soll auch in Zukunft so bleiben, Ihr da in Berlin!

 


Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

 

  • Die Nebenwirkungen von Soja-Produkten
  • Kommt eine neue Weltwährung?
  • Umerziehungslager für Andersdenkende?
  • Wadenbeißer-Journalismus

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Mütterrevolution in Frankreich: Frauen wollen wieder ins Haus zurück!

Eva Herman

Es tut sich was im Staate Deutschland. In Frankreich. In ganz Europa. Die Menschen sind aufgewacht. Sie protestieren, demonstrieren, widersprechen und fordern! Sie gehen auf die Straße und melden sich, sprechen endlich aus, was sie sich gestern noch nicht getrauten: Im Ausland sind es Einschnitte ins sozial abgesicherte Leben, hier ebenso. Und  mehr …

Die »Pille« wird Fünfzig – doch nicht jedem ist zum Feiern zumute!

Eva Herman

Wenn das zwanzigste Jahrhundert einst Geschichte geworden ist, dann wird eines der entscheidendsten, gesellschaftsverändernden Themen dieser Epoche die Einführung der Antibabypille sein. Derzeit wird in den Medien fröhlich ihr Geburtstag gefeiert: Fünfzig Jahre alt ist die kleine, unscheinbare Hormonbombe geworden. Man hört und liest zu ihrem  mehr …

Staatliche Willkür: Wieder ist eine mehrfache Mutter in Erzwingungshaft!

Eva Herman

Mit Worten ist es kaum zu beschreiben: Wieder wurde eine mehrfache Mutter aus dem nordrhein-westfälischen Salzkotten am vergangenen Freitag für 15 Tage in Erzwingungshaft genommen, weil sie ihr Kind nicht an einer Theatervorstellung im Rahmen des schulischen Sexualkunde-Unterrichts teilnehmen ließ. Gemeinsam mit ihrem Ehemann traf sie die  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

»Sparer und Besitzer von Bargeld werden betrogen werden«

Michael Grandt

Der Vermögensverwalter Marc Faber ist einer der gefragtesten Analysten für die internationalen Finanzmärkte und für seine Ansichten jenseits des Mainstreams bekannt. In einem Interview spricht er Klartext über das Ende des Dollars, eine bevorstehende Hyperinflation, Gold und Aktien.  mehr …

Aus Versehen am Drücker?

Niki Vogt

Der amerikanische Finanzanalyst Max Keiser, bekannt für seine Temperamentsausbrüche vor der Kamera, hat in einem Interview im griechischen Athens International Radio mit der Redakteurin Helen Skopsis eine interessante These aufgestellt: Deutschland habe sich mithilfe von Goldman Sachs in eine Position manövriert, die den Griff zur Weltmacht in die  mehr …

Wer finanziert die amerikanische Tea-Party-Bewegung?

F. William Engdahl

In den letzten Monaten macht eine Protestbewegung in der politischen Landschaft der Vereinigten Staaten Schlagzeilen, die auf den ersten Blick aussieht wie eine »Graswurzelbewegung« aus der Bevölkerung. Denn die sogenannte Tea-Party-Bewegung unterstützt »Non-Establishment«-Kandidaten, die bei den Zwischenwahlen im November gegen die Bewerber der  mehr …

Staatliche Willkür: Wieder ist eine mehrfache Mutter in Erzwingungshaft!

Eva Herman

Mit Worten ist es kaum zu beschreiben: Wieder wurde eine mehrfache Mutter aus dem nordrhein-westfälischen Salzkotten am vergangenen Freitag für 15 Tage in Erzwingungshaft genommen, weil sie ihr Kind nicht an einer Theatervorstellung im Rahmen des schulischen Sexualkunde-Unterrichts teilnehmen ließ. Gemeinsam mit ihrem Ehemann traf sie die  mehr …

Mütterrevolution in Frankreich: Frauen wollen wieder ins Haus zurück!

Eva Herman

Es tut sich was im Staate Deutschland. In Frankreich. In ganz Europa. Die Menschen sind aufgewacht. Sie protestieren, demonstrieren, widersprechen und fordern! Sie gehen auf die Straße und melden sich, sprechen endlich aus, was sie sich gestern noch nicht getrauten: Im Ausland sind es Einschnitte ins sozial abgesicherte Leben, hier ebenso. Und  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

Werbung

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.