Freitag, 9. Dezember 2016
13.10.2010
 
 

Forscher: Schnuller und Nuckelflasche fördern Suchtpotenzial des Menschen erheblich (II)

Eva Herman

Wer seinem Baby unhinterfragt bei jeder Unruhe den Gummischnuller in den Mund schiebt, ahnt meist nicht, was er damit möglicherweise bis zum Lebensende des Kindes anrichtet: Er fördert Alkohol-, Tabak-, Drogen und Esssucht. Dagegen gilt: Lange gestillte Säuglinge rauchen und trinken später bedeutend seltener als nicht oder nur kurz gestillte Kinder, ihr Risiko für Übergewicht schwindet mit jeder weiteren gestillten Woche. Muttermilch ist die allerbeste Suchtprophylaxe.

Ein Kind, das von Geburt an durch den engen Kontakt zur Mutter sicher und stark gemacht wurde, wird in späteren Jahren weitaus kritischer und resistenter auf Verlockungen reagieren, die Ersatzwohlbefinden wie übermäßiges Essen, Tabletten, Alkohol oder Drogen erzeugen sollen. In dem Buch Wie man Kinder von Anfang an stark macht stellt Forscherin Gabriele Haug-Schnabel fest, dass zeitgemäße Suchtvorbeugung nicht mehr mit Abschreckung und Angst arbeitet, sondern höchst erfolgreich mit einer Immunisierung im frühen Vorfeld. Und die muss »spätestens« im Säuglingsalter beginnen. Die Zauberformel lautet: Das Angebot des Originals, bevor die Suche nach Ersatz beginnt. Ein Mensch muss demnach von Anfang an seine biologischen und psychologischen Originalquellen für Wohlbefinden, Wirksamkeit und Angstbeseitigung spüren und erleben. Das Kind muss bereits im Säuglingsalter merken, dass es auf seine Bezugspersonen Einfluss nehmen, seine Umgebung mitgestalten kann, sich eben nicht ohnmächtig und ausgeliefert erlebt. Es muss die Erfahrung machen, dass es sein Befinden und seine Bedürfnisse äußern kann, dass diese verstanden und adäquat beantwortet werden. Wohl-oder-übel-Ersatzbefriedigung, die angenommen werden muss, weil Besseres nicht kommt oder gar unbekannt ist, kann dagegen gefährlich werden.

Das Stillen, noch genauer das durch das Stillen unterstützte Beziehungsgeschehen zwischen Mutter und Kind, verdient in diesem Zusammenhang größte Aufmerksamkeit. Was muss in einem Säugling vorgehen, der bei jedem Schreien die Flasche oder die Brust in den Mund gesteckt bekommt mit der Aufforderung »Trink!«, damit er wieder still werde? Vielleicht wollte das Kind mit seinem Schrei etwas ganz anderes melden und verändern als Hunger und Magenfüllmenge, nämlich zum Beispiel Einsamkeit, Zuwendungsdefizit, Lust, sich zu unterhalten oder zu spielen, Unmut, Langeweile oder gar Angst? Deshalb ist die Frage, wie auf Gefühlsäußerungen von Säuglingen reagiert wird, so wichtig.

Etwa die Hälfte aller Kontakte zwischen dem Schreien des Kindes und der Mutterbrust dienen nämlich nicht der Nahrungsaufnahme, sondern der Beruhigung. Hier handelt es sich laut Haug-Schnabel um eine angeborene, biologisch bedingte orale Beruhigungsmöglichkeit höchster Priorität. Sie berichtet, dass die Suchtprävention sich seit einigen Jahren kritisch mit den Nuckelflaschen beschäftige. Da gilt es zunächst die Frage zu stellen, wie die Flasche zum Dauernuckel wurde? Ein Säugling bekommt die Brust oder Flasche, wenn er schreit, weil er hungrig und unruhig ist. Wir nähren und beruhigen das Kind dadurch, dass wir stillen. Das gelingt recht einfach. Erhält das Baby die Brust, kann es ablehnen, es saugt nicht, was nötig wäre, damit überhaupt Milch fließt. Die Flasche überdeckt jedoch den Willen des Kindes: Sie wird ihm in den Mund gestopft und die Milch läuft ohne Anstrengung des Kindes in den Mund. Für die Eltern ist die Flasche also eine einfache Lösung: Das Kind schreit – und man stellt es zuverlässig ab, erspart sich lange Auseinandersetzungen und macht das, was man als Erwachsener gerade vorhat: Spaziergänge, Einkäufe etc. Das wäre ohne die Flasche nicht möglich. Diese Vorgehensweise verleitet jedoch auch dazu, nicht mehr genau hinzuschauen und hinzuhören. Sie erlaubt eine gehörige Portion Unaufmerksamkeit gegenüber den Wünschen des Kindes, das sich ja gar nicht anders bemerkbar machen kann als durch Schreien und Unruhe. Die Wissenschaftlerin:

»Das Kind, das durch die Flasche ruhig gestellt wurde, damit Mutter oder Vater ihre Ruhe haben, lernt nun: Unangenehme Gefühle, Unruhe und Erregung gehen mit der Flasche weg. Sie hilft mir über schwierige Zeiten hinweg. Ich muss gar nichts tun, nur Flasche trinken. Etwas läuft mir die Kehle herunter, und schon wird es mir besser, ich werde ruhiger. Zu welchem Zeitpunkt, in welchem Alter dieses Kind zum ersten Mal versteht, dass die Flasche nur ein Tröster, aber keine echte Lösung ist, wissen wir nicht genau, zumal es hierbei von Kind zu Kind erhebliche Unterschiede geben wird.«

Haug-Schnabel stellt jedoch fest, dass das Kind irgendwann merken wird, dass sich an den Ursachen, falls es sich nicht um Hunger oder Durst handelte, nichts geändert hat, kein primärer Wunsch durch die Flasche in Erfüllung ging.

Das ist eine für das Kind desillusionierende und entmutigende Erfahrung. Womöglich musste das Baby schon häufiger erleben, dass es nicht in der Lage ist, am Unwohlsein selbst etwas zu verändern oder mitteilen zu können, was ihm wirklich fehlt, um selbst an einer Lösung des Problems beteiligt zu sein. Bis dahin, so Forscherin Haug-Schnabel, kann das Kind auch schon verinnerlicht haben, dass die orale Befriedigung unangefochten die Bedürfnisbefriedigung Nummer eins darstellt, und dass man bei Problemen einfach nur zu essen oder zu trinken braucht, um ruhiger zu werden: »Spätestens jetzt befürchten Suchtspezialisten, dass Ess- und emotionale Wünsche nur noch schwer zu trennen sind.«

Der Schnuller nimmt in diesem Zusammenhang zwar einen harmloseren, jedoch auch nicht ungefährlichen Platz ein: Er bietet zwar dem falschen Lernprozess keine Nahrung, doch sollte er in den Kleinstkindjahren geeigneteren und vielseitigeren Strategien zur Beruhigung Platz machen. Diese bedeuten jedoch immer, genügend Zeit zu haben, um sich mit dem Kind zu beschäftigen, auf seine Wünsche zu achten und diese liebevoll zu erfüllen. Aufmerksamkeit ist gefragt: Besser hinsehen, genauer hinhören, sich reindenken ins Kind, vor allem: keine böse Absicht in das Quengeln und Weinen des Kindes interpretieren. Das bedeutet vor allem, sich mit den natürlichen Bedürfnissen des Kindes auseinanderzusetzen und diese in die Planung des Tagesablaufs einzubeziehen.

Zwar erscheint die Flaschenlösung zunächst als die einfachere, gemessen an den möglicherweise später auftretenden Problemen ist sie jedoch die weitaus gefährlichere Variante. Die Flasche ist eine Ruhigstellung, keine wirkliche Lösung. Sie vermittelt dem Kind die versteckte Botschaft, es werde mit seinen Bedürfnissen nicht ernst genommen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes mundtot gemacht. Es wird abgespeist. Die Entwicklungspsychologin Haug-Schnabel: »Die Folge dieses Abspeisens wird mit der sich entwickelnden Gewohnheit ›bei Stress essen‹ in Verbindung gebracht, um durch die sich beruhigend auswirkenden körperlichen Folgen der Nahrungsaufnahme kurzfristig negative Gefühle wie Einsamkeit, Frustration und Langeweile ›wegzuzaubern‹. Lernt man jedoch beim Stillen, in Mamas Arm werde ich ruhig und kann einschlafen oder wieder genussvoll aktiv werden, reichen bald Beruhigungen ohne Brust-Mund-Kontakt und unterstützen so den Weg der kindlichen Selbstregulation.«

Eine Gesellschaft, die den Müttern zumindest die ersten Jahre mit ihren kleinen Kindern nicht mehr zugestehen will, sondern sie in die Erwerbstätigkeit und die Kleinkinder in die Fremdbetreuung drängt, fördert, neben zahlreichen anderen Fehlentwicklungen der Gesellschaft, vor allem auch Übergewicht, Alkohol-, Drogen- und Tabaksucht. Die entscheidende Frage lautet: Wann endlich werden die wertvollen Forschungen, die letztlich nur wissenschaftlich das bestätigen, was Herz und Geist eines offenen Menschen ohnehin wissen und was diese Gesellschaft seit Jahrtausenden am Leben erhielt, von den Politikern ermöglicht und umgesetzt? Solange man Müttern das Gefühl vermittelt, sie seien nur als selbstverdienende, erwerbstätige Frauen willkommen, solange man sie durch Gesetze zwingt, ihre Säuglinge abzugeben, um das erforderliche Geld zu verdienen, so lange schneidet man das sichere Band zwischen Mutter und Kind gnadenlos durch – und zerstört damit langfristig die Gesellschaft!

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