Forscher: Stillende Mütter sind andere Mütter – höhere Intelligenz der Kinder (I)
Eva Herman
Wer weiter die moderne Bildungsgesellschaft einfordert, der muss umdenken und den Müttern künftig so viel Zeit wie möglich mit ihren Babys geben: Eine neue Studie bringt das an den Tag, was Bindungsforscher seit über 60 Jahren anmahnen, was von Politik und fortschrittlicher Erwerbsgesellschaft jedoch kaum wahrgenommen wird: Langes Stillen macht die Menschen klüger, leistungs- und belastungsfähiger, selbstbewusster und gesundheitlich robuster. Außerdem ist das Stillen die beste Suchtprophylaxe. In einer Welt, die sich zunehmend aufgrund demografischer Krisenverhältnisse verschiebt, und in der künftig wenige junge Menschen zahlreiche Alte werden versorgen müssen, sollte man genauer untersuchen, wie man diese jungen Menschen für die anstehenden Herausforderungen wirklich stark macht.
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Je länger ein Säugling Muttermilch erhält, desto größer wird sein Gehirn. Und ein großes Hirn kann Großes leisten: Wenn eine Tierart über ein besonders großes Gehirn verfügt, ist dies in der Regel ein Hinweis auf hohe Intelligenz oder Geschicklichkeit, etwa bei der Nahrungssuche. Zu diesen privilegierten Arten zählen vor allem Säugetiere, darunter auch der Mensch.
Die entscheidende Rolle für die Entwicklung eines großen Hirns, so das Ergebnis der aktuellen Studie, spiele die mütterliche Zuwendung. »Je länger der Nachwuchs im Mutterleib heranreifen kann oder von seiner Mutter gesäugt wird, desto größer und leistungsfähiger kann sein Gehirn werden«, unterstreicht Studienleiterin Weisbecker.
Auch der Münchner Kinderarzt Professor Theodor Hellbrügge misst dem Stillen als einem der wichtigsten Entwicklungsfaktoren für den Menschen größte Bedeutung bei. Er stellt das wesentlich ausgeprägtere, länger andauernde Stillverhalten der nordischen Länder in engen Zusammenhang zu dem günstigen Abschneiden dieser Regionen in der internationalen PISA-Studie. Nach Informationen der La Leche Liga ist die Gehirnentwicklung für den Menschen ebenso von größter Bedeutung: »Muttermilch enthält genau die richtigen Stoffe, um eine optimale Entwicklung des Gehirns und des Nervensystems zu gewährleisten. Bei Untersuchungen an frühgeborenen Kindern zeigten sich im Alter von etwa acht Jahren signifikant höhere Werte in Intelligenztests bei den mit Muttermilch ernährten.«
Eine große Zahl von Studien hat in den zurückliegenden Jahrzehnten den Zusammenhang zwischen uneingeschränkter mütterlicher Betreuung und einer positiven Intelligenzentwicklung (IQ) herausgefunden. Dasselbe gilt für das Konfliktverhalten des Kindes und die Entwicklung der allgemeinen sozialen Kompetenz.
In einer im Jahr 2002 im renommierten englischen Medizinjournal Lancet veröffentlichten Analyse kommen Forscher zu der Erkenntnis, dass in Deutschland und in anderen Industrieländern vor allem die Kinder sozial höher gestellter, einkommenstärkerer und gebildeterer Eltern gestillt werden. Natürlich könnte man einwenden, dass diese Bevölkerungsgruppen unter Umständen sowieso die intelligenteren wie intensiver geförderten Kinder haben. Man darf wissenschaftlich jedoch trotzdem mit Fug und Recht behaupten, dass gestillte Kinder intelligenter sind. Man vermutet schon länger, dass die Muttermilch verschiedene Bestandteile enthält, die die Entwicklung des Nervensystems, das Hirnwachstum sowie die Hirnreifung begünstigen und einen positiven Einfluss auch auf die psychische Entwicklung haben. Das wurde inzwischen durch zahlreiche Forschungsergebnisse hinreichend bestätigt.
Natürlich ist klar, dass Intelligenz sich nicht ausschließlich aufgrund des Stillens entwickelt. Gabriele Haug-Schnabel von der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen dazu: »Stillen und Muttermilch sind wesentliche Entwicklungsimpulse für die kognitive Entfaltung. Ganz eindeutig, doch stillende Mütter sind andere Mütter, die auch durch ihr sonstiges Verhalten das Kind anregen, sich weiterzuentwickeln und von sich aus aktiv zu werden.«
Das Stillen ist eine Urform der Kommunikation, in der das Baby schon sehr früh lernt, andere zu verstehen. Beim Stillen schaut der Säugling nirgendwo anders hin als in das Gesicht seiner Mutter. Die ihm angeborene Faszination für ein menschliches Gesicht veranlasst ihn dazu, auch die geringsten mimischen Veränderungen wahrzunehmen und nachzuahmen, und auf diese Weise lernt er in Verbindung mit dem Körperkontakt und dem Sattwerden, alle Erlebnisse mit den mimischen Veränderungen seiner Mutter zu verbinden. Die innere Logik dieses wechselseitigen Verhaltens – das Baby saugt, die Mutter gibt, die Milch fließt – ermöglicht es dem Baby, die von vielen Psychologen als wesentlich hervorgehobene Erfahrung der Omnipotenz, des positiven Gefühls von Einflussnahme und Allmacht, zu entwickeln. Bei einem gestillten Kind sind – laut Haug-Schnabel – auch die Erfahrungen, die mit dem Stillen gemacht werden, daran beteiligt, Qualitätsstandrads für das künftige Beziehungsverhalten des Menschen aufzustellen. Alle späteren Beziehungen werden damit verglichen. Diese Erfahrungsbilanz entscheidet mit, wie leicht es einem Kind im weiteren Leben fallen wird, Beziehungen einzugehen und diese auch nach seinen Vorstellungen und Bedürfnissen mitzugestalten.
Noch einmal: Wer sich den Herausforderungen an künftige Generationen wirklich stellen will, der sollte endlich alle Möglichkeiten nutzen, um die jungen Menschen so stark und stabil wie möglich ins Leben zu entlassen. Eine intensive Mutter-Kind-Beziehung trägt enorm dazu bei, selbstbewusste und verantwortungsbereite Menschen für die kaum zu bewältigenden Aufgaben vorzubereiten.
Teil II: »Schnuller und Nuckelflasche fördern Suchtpotenzial des Menschen erheblich«
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