Wednesday, 29. June 2016
12.08.2011
 
 

Kollaps Europa: Die verlorene, arbeitslose Jugend – Demografische Krise und sinkender Wohlstand, Interview mit Prof. Dr. Adrian, Teil II

Eva Herman

Europa steht finanziell, wirtschaftlich und sozialpolitisch am Abgrund. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt in manchen Ländern bis zu fünfzig Prozent. Über die Gründe, über jahrelange falsche Konzepte lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews mit dem Demografie- und Volkswirtschaftsexperten Prof. Dr. Adrian von der Universität Mainz. Hier erläutert der Physiker unter anderem, was die niedrige Geburtenrate Deutschlands, Japans, Italiens und Spaniens mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Adrian zeigt an, welche Bevölkerungsgruppe derzeit zulasten heutiger Familien lebt. Und er rechnet vor, was ein Kind heute kostet und was es der Gesellschaft an Nutzen und Gewinn bringt. Der Wissenschaftler räumt mit dem Ammenmärchen auf, Kinder machten arm. Das Gegenteil ist richtig, wie der Forscher beweist.

 

Eva Herman: Nach dem zweiten Weltkrieg wurden in fast allen hochentwickelten Ländern viele Kinder geboren. In Deutschland betrug die Geburtenrate zwischen 1952 und 1969 über 2,1 Kinder je Frau. Das ist die nötige Anzahl, um die Gesellschaft zu stabilisieren. Doch zwischen 1965 bis 1973 sank die Geburtenrate um 44 Prozent auf 1,4 Kinder je Frau und pendelt seitdem um diese Größe. Was geschah zwischen 1965 und 1973, was hat die gewohnte Lebensweise derartig veränderte?

Prof. Hermann Adrian: Die seit den frühen 1970er-Jahren niedrige Geburtenrate hat verschiedene Gründe. So ist auffallend, dass unter den hoch entwickelten Ländern niedrige Fertilitäten vor allem in Deutschland, Japan, Italien und Spanien beobachtet werden. Dies sind die ehemals faschistischen Länder und Verlierer des 2. Weltkriegs. In diesen Ländern ist Patriotismus auf einen Party-Patriotismus anlässlich von Sportgroßereignissen reduziert. Die Gewinner des 2. Weltkriegs, die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion (solange sie existierte) verfügen weiterhin über einen ungebrochenen Patriotismus und eine Fertilität auf Reproduktionsniveau. Für das französische Volk ist es eine Selbstverständlichkeit, dass eine Welt ohne ein starkes Frankreich, ohne die Grande Nation als Trägerin der Kultur, undenkbar ist. Deshalb gibt es in Frankreich einen gesellschaftlichen Konsens, alles zu tun, um die Fertilität nahe dem Reproduktionsniveau zu halten. Zum Ansehen einer in der Öffentlichkeit stehenden Person trägt in Frankreich eine Familie mit mindestens zwei, besser drei oder vier Kindern wesentlich bei.

In Deutschland dagegen gelten Menschen mit mehreren Kindern fast schon als einfältig, so als hätten sie offenbar nichts besseres mit ihrem Leben anzufangen gewusst, als es im Wesentlichen für das Aufziehen von Kindern zu verwenden. Wer ein abwechslungsreiches, luxuriöses Leben führen will, bindet sich doch nicht an Kinder und verschwendet sein Einkommen und seine Zeit an sie. Nein, der/die macht Karriere und verlässt sich fürs eigene Alter darauf, dass andere schon Kinder aufziehen werden. Überproportional viele führende Persönlichkeiten in Deutschland sind kinderlos oder haben nur ein Kind. Im Bundeskabinett sind sieben von 16 Mitgliedern kinderlos, darunter die Kanzlerin. Von den 16 Richterinnen und Richtern am Bundesverfassungsgericht sind sechs kinderlos, von den acht vor Oktober 2007 berufenen ist nur einer kinderlos, von den acht ab Oktober 2007 berufenen sind fünf kinderlos, darunter sowohl Präsident als auch Vizepräsident. Von den 622 Abgeordneten im deutschen Bundestag sind 221 kinderlos und weitere 92 haben nur ein Kind; d. h., 313 oder 50,3 Prozent aller Abgeordneten haben kein oder nur ein Kind. Darüber hinaus gibt es natürlich auch noch ökonomische Gründe, sich gegen Kinder zu entscheiden.

 

Eva Herman: Seit 40 Jahren werden also nur zwei Drittel der Kinder geboren, die für eine Bestandserhaltung der Bevölkerung in Deutschland benötigt würden. Dieses fehlende Drittel hat wiederum keine Nachkommen, wodurch immer weniger Kinder geboren werden. Was bedeutet das mittel- und langfristig für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands?

Prof. Hermann Adrian: Tatsächlich hat Deutschland wegen seines nun schon seit 40 Jahren anhaltenden Geburtendefizits mit 8,2 Geburten pro 1000 Einwohner die niedrigste »allgemeine Geburtenziffer« aller 208 Länder der Erde. Das bedeutet natürlich, dass Deutschland seine gegenwärtige Stellung als größte Volkswirtschaft Europas nicht halten kann und auch im Wohlstand

gegenüber Ländern mit bestandserhaltender Fertilität weiter zurückfallen wird. In Frankreich (63 Millionen Einwohner) werden seit 1999, in Großbritannien (62 Millionen Einwohner) seit 2004 mehr Kinder geboren als in Deutschland bei 82 Millionen Einwohnern. Von 1999 bis 2010 wurden in Frankreich 1,3 Millionen Kinder mehr geboren als in Deutschland, seit 2004 in Großbritannien 0,6 Millionen mehr als in Deutschland. Da die Geburtenzahlen in Frankreich und Großbritannien annähernd konstant bleiben, in Deutschland aufgrund der Fertilität von 1,4 Kindern je Frau aber im Mittel um 1,2 Prozent pro Jahr weiter sinken werden, geht die Schere immer weiter auseinander. Im Jahr 2009 wurden in Frankreich bereits 180.000 und in Großbritannien 140.000 Kinder mehr geboren als in Deutschland.

 

Spätestens in 20 Jahren wird Frankreich Deutschland als größte Wirtschaftsmacht Europas überholen, in 30 Jahren Großbritannien als zweitgrößte. Außerdem werden die Erwerbsgenerationen Frankreichs und Großbritanniens im Durchschnitt etwa fünf Jahre jünger sein und durch deutlich weniger Alte belastet werden als in Deutschland. Demzufolge werden diese Länder deutlich mehr Wohlstand (= BIP pro Kopf) erwirtschaften als Deutschland. Dazu trägt insbesondere bei, dass aufgrund der geringeren Belastung durch Alte, mehr Kapital für Investitionen und damit für Produktivitätssteigerungen aufgewendet werden kann. Frankreich und Großbritannien haben gesamtstaatliche Netto-Investitionsquoten von jeweils acht Prozent BIP, Deutschland nur von vier Prozent BIP. Bereits heute ist das BIP pro Kopf in Frankreich (1,948 Billionen Euro/63 Millionen = 30.921 Euro pro Kopf) größer als in Deutschland (2,499 Billionen Euro/81,5 Millionen = 30.663 Euro/Kopf), obwohl in Frankreich die relative Zahl der Kinder um die Hälfte höher ist. (Quelle: EUROSTAT PM 60/2011).

 

Eva Herman: Woran liegt es, dass Deutschland in Sachen Geburtenrate das Schlusslicht in Europa darstellt? Gibt es dafür auch ökonomische Gründe?

Prof. Hermann Adrian: Tatsächlich gibt es aufgrund der deutschen Steuer- und Sozialgesetze massive ökonomische Gründe, sich gegen das Aufziehen von Kindern zu entscheiden. Das kann man schon alleine daran erkennen, dass man als Kinderloser eine bessere Altersversorgung von nachwachsenden fremden Kindern erhält als die Eltern dieser Kinder. Das liegt daran, dass die Altersversorgung fast ausschließlich an die Beitragszahlungen gekoppelt ist und ein Elternpaar in der Regel auf weniger Beitragsjahre kommt als ein kinderloses Paar. Dies ist absurd, da es ja ohne Kinder überhaupt keine Altersversorgung gäbe. Die Absurdität entsteht dadurch, dass die umlagefinanzierten Sozialsysteme, die ausschließlich durch die Wirtschaftskraft der nachwachsenden Kinder gedeckt sind, so behandelt werden, als wären sie durch die gezahlten Beiträge kapitalgedeckt, obwohl dieses Kapital zwischenzeitlich längst von den Eltern der Beitragszahler verkonsumiert wurde. Die Rentenbeiträge stellen die Rückzahlung der Schulden der erwachsenen Kinder an ihre Eltern dar, weil diese für sie die Kosten ihrer Kindheit und Jugend getragen haben. Es ist ja unmittelbar einsichtig, dass jeder wirtschaftlich leistungsfähige Mensch in einer Lebensbilanz die Kosten seines gesamten Lebens, von der Geburt bis zum Tod, selbst tragen muss. Wer seine Kosten nicht selbst trägt, lebt auf Kosten von anderen. Die gezahlten Beiträge können deshalb keine Ansprüche an die nachfolgende Generation begründen, sondern nur das Aufziehen eigener Kinder.

Berechnet man die von den Steuer- und Sozialgesetzen erzeugten sogenannten externen ökonomischen Effekte der Kindererziehung, so ergibt sich, dass durch die heute gültigen Gesetze einer Familie mit zwei Kindern im Laufe des Lebens 200.000 Euro geraubt werden, während ein kinderloses Paar 400.000 Euro geschenkt bekommt. Kinderlosigkeit wird also durch den Staat mit 600.000 Euro pro Paar bzw. 300.000 Euro pro Person belohnt. Dies ist eine unabweisbare Tatsache. In Anbetracht dieses riesigen »moral hazards« ist es geradezu erstaunlich, dass sich noch so viele junge Menschen für Kinder entscheiden. Unsere Steuer- und Sozialgesetze haben also eine massiv antinatalistische Wirkung und unterdrücken damit den natürlichen Wunsch nach Kindern. In dem Aufsatz »Das ethische Programm der Marktwirtschaft« des Münchner Wirtschaftsethikers Karl Homann habe ich den Satz gefunden: »Keine Ethik darf davon ausgehen, dass sich die Menschen auf Dauer gegen ihren ökonomischen Vorteil entscheiden.« Das bedeutet: Wenn der Staat durch seine Gesetze Kinderlosigkeit ökonomisch mit 300.000 Euro pro Person belohnt, dann bekommen eben viele Menschen keine Kinder.

 

Eva Herman: Es ist immer wieder zu hören, je weniger Kinder geboren würden, desto weniger Arbeitslose hätte das Land. Wie schätzen Sie das ein?

Prof. Hermann Adrian: Dies scheint vielen intuitiv richtig, ist aber fundamental falsch. Man kann dies leicht durch folgende Überlegung einsehen. Angenommen die Fertilität stiege in diesem Jahr von 1,36 Kindern je Frau auf das Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern je Frau, dann würden pro Jahr knapp 400.000 Kinder mehr geboren werden. Zur Betreuung, Ausbildung und Produktion aller Waren und Dienstleistungen, die für 400.000 Kinder und Jugendliche benötigt werden, würden 200.000 Menschen bis zum Berufseintritt der Kinder zusätzlich beschäftigt werden. Diese zusätzlichen Arbeitsplätze werden letztlich durch den persönlichen Konsumverzicht (= Investition in Humankapital) finanziert, den die Eltern für das Aufziehen ihrer Kinder auf sich nehmen. In einem gerechten Staat würde diese Investition belohnt durch eine auskömmliche Versorgung der Eltern im Alter mit Einkommen, Gesundheits- und Pflegeleistungen durch ihre erwachsenen Kinder.

Mit jedem Jahr bestandserhaltender Fertilität würden 400.000 Kinder mehr geboren und damit würde jedes Jahr das Arbeitsvolumen um 200.000 Arbeitsplätze zunehmen. Aber erst nach 20 Jahren, nachdem die Arbeitslosenzahl um 20 x 200.000 = vier Millionen gesunken ist – also schon lange Vollbeschäftigung herrschen würde – würde die Zahl der Arbeitsuchenden erstmals ansteigen.

Man kann es auch umgekehrt betrachten: Angenommen, ab dem nächsten Jahr würde kein Kind mehr in Deutschland geboren. Was würde geschehen? Diejenigen, die sonst mit der Betreuung der kleinen Kinder (egal ob eigene oder fremde) beschäftigt gewesen wären, haben keine Arbeit mehr, nach drei Jahren beginnen die Kindergärtnerinnen, nach sechs Jahren die Lehrer etc. arbeitslos zu werden. Gleichzeitig verlässt immer mehr Kapital das Land, da ein Land ohne Kinder keine Investition mehr rechtfertigt. Bereit heute fließen rund 180 Milliarden Euro (ca. sieben  Prozent BIP) netto aus Deutschland ab. Es würde in Deutschland kein Haus und keine Fabrik mehr gebaut. Ohne Investitionen würden die Arbeitslosenzahlen rasch auf über 40 Prozent ansteigen. Nicht nur Kapital, sondern auch die jungen Leistungsträger, auf die immer höhere Belastungen zukämen, würden aus Deutschland fliehen. Dieses Horrorszenario haben wir »nur« zu einem Drittel, weil seit 40 Jahren nicht alle Kinder fehlen, sondern »nur« ein Drittel. Im Jahr 2008 haben netto bereits 71.000 Deutsche das Land verlassen.

 

Eva Herman: Was kostet ein Kind?

Prof. Hermann Adrian: Berechnet man die gesamtgesellschaftlichen Kosten eines Kindes, so ergeben sich bei durchschnittlichem Einkommen der Eltern 440.000 Euro, davon tragen die Eltern alleine 270.000 Euro, der Staat (d. h. Eltern und Kinderlose zusammen) wendet für Kindergeld, Schule, Krankenkosten etc. 170.000 Euro pro Kind auf.

Diesen großen Kosten steht aber nach 30 Jahren ein inflationsbereinigter, gesamtgesellschaftlicher Ertrag von durchschnittlich einer Million Euro pro Kind durch gezahlte Steuern und Abgaben gegenüber. Dies entspricht einer Rückzahlung aller Kosten mit einer Realverzinsung von 2,75 Prozent pro Jahr.

Die gesamtgesellschaftlichen Nettokosten der Kinder sind also null, da die Erträge wesentlich höher sind als die Kosten. Wenn ein Land zu wenige Kinder aufzieht, dann kann es sich zunächst darüber freuen, dass für die nichtgeborenen Kinder keine Kosten entstehen und dadurch der Konsum gesteigert werden kann (1970 bis 1990) – manche nennen dies unsinnigerweise »demografische Dividende«. Aber spätestens nach 30 Jahren, im Falle Deutschlands war dies vom Jahr 2000 an, beginnt das Land darunter zu leiden, dass die nicht geborenen Kinder der Gesellschaft keine Erträge zur Verfügung stellen.

 

 

Eva Herman: Was haben Wohlstand und Geburtenrate eines Landes miteinander zu tun?

Prof. Hermann Adrian: Der Wohlstand steigt, wenn (1.) die Qualifikation der Arbeitnehmer verbessert wird, (2.) Wissenschaft und Forschung intensiviert werden, (3.) die Produktivität der Arbeitsplätze gesteigert wird und (4.) die Zahl der Erwerbstätigen bezogen auf die Einwohnerzahl möglichst hoch ist. Man kann deshalb mit mathematischer Präzision zeigen, dass es für die Entwicklung von Wohlstand optimal ist, wenn die Fertilität möglichst dauerhaft nahe am Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern je Frau ist, weil genau bei diesem Wert die Gesamtbelastung der Erwerbsgeneration durch die Jungen (unter 20 Jahre) und die Alten (über 65, bzw. 67 Jahre) ihr absolutes Minimum aufweist. Die Bedingungen eins bis drei kosten Geld und können deshalb bei einer bestandserhaltenden Bevölkerungsentwicklung am leichtesten erfüllt werden, weil genau dann die konsumtiven Belastungen des Volkseinkommens minimal sind.

In allen Ländern, deren Fertilität sich von hohen Werten kommend dem Reproduktionsniveau nähert, explodiert der Wohlstand von selbst. Dazu gehören heute China, Brasilien, Mexiko, Vietnam, die Türkei und bald auch Indien. Auch Deutschland (ab 1910) und Japan (ab 1955) haben ihren wirtschaftlichen Aufschwung und die Zunahme des Wohlstandes breiter Bevölkerungsschichten erlebt, als sich die Fertilität von über vier Kinder je Frau dem Wert 2,1 Kinder je Frau näherte.

Seit über zehn Jahren wächst die Weltwirtschaft so stark wie noch nie in der Geschichte der Menschheit, weil sich inzwischen 40 Länder mit rund 4,5 Milliarden Menschen in dem Fertilitätsbereich zwischen 1,7 Kinder je Frau und 2,5 Kinder je Frau befinden oder ihm schon nahe kommen (Indien: 2,6 Kinder je Frau). Umgekehrt steht genauso fest: Die Armut in Afrika kann nur besiegt werden, wenn es durch international finanzierte Programme zur Geburtenkontrolle gelingt, dort die Fertilität von heute über fünf Kinder je Frau auf unter 2,5 Kinder je Frau zu senken. Das Geburtendefizit Deutschlands erhöht deshalb erstaunlicherweise das immer noch große Bevölkerungswachstum der Erde von ca. eine Milliarde Zuwachs an Menschen in zwölf Jahren! Durch das Geburtendefizit wird unser Land ärmer und kann deshalb deutlich weniger Mittel aufbringen, um in Afrika Programme zur Empfängnisverhütung zu finanzieren, ohne die es nicht gelingen wird, dort die hohe Fertilität von fünf Kindern je Frau zu senken und damit gleichzeitig die Armut zu besiegen!

 

Eva Herman: Es kommt mit der Verlagerung ins Ausland zu einem zunehmenden Kapitalabfluss. Wer zahlt die Zeche?

Prof. Hermann Adrian: Spätestens 30 Jahre nach einem Geburtenrückgang auf weit unterhalb des Reproduktionsniveaus beginnt das Erwerbspersonenpotenzial (20 bis 65 Jahre) deutlich zu schrumpfen und zu altern –  in Deutschland geschieht dies seit dem Jahr 2000. Dadurch wird unser Land zunehmend weniger attraktiv für Investitionen, weil eine schrumpfende Erwerbsgeneration keine Aussichten auf zukünftig steigende Umsätze und Gewinne bietet. Also investieren Unternehmen und Kapitalanleger immer mehr im Ausland, weil sie dort höhere Renditen erwarten. Das Defizit der deutschen Kapitalbilanz stieg von 2001 bis 2007 kontinuierlich von 18 Milliarden Euro (< ein Prozent BIP) auf 220 Milliarden Euro (neun Prozent BIP) an, durch die Finanz- und Wirtschaftskrise sank es bis 2009 auf 138 Milliarden Euro (sechs Prozent BIP), wird aber 2011 voraussichtlich schon wieder 180 Milliarden Euro (sieben Prozent BIP) erreichen. Der seit dem Jahr 2001 aufsummierte Netto-Kapitalabfluss (Kapitalflucht?) beträgt gigantische 1,36 Billionen Euro oder inflationsbereinigt mindestens 60 Prozent unseres BIP im Jahr 2010. Dieser Netto-Kapitalabfluss schafft im Inland keine Investitionen, keine Arbeitsplätze, keine Produktivitätssteigerungen und damit keine realen Lohnzuwächse. Im Gegenteil, er kostet Wohlstand, weil die Arbeitnehmer den Netto-Kapitalabfluss letztlich durch Lohnverzicht erwirtschaften müssen. Deshalb ist der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen von 72,2 Prozent im Jahr 2000 auf 64,8 Prozent im Jahr 2007 gesunken. Zum Vergleich: Frankreich mit seiner stabilen demografischen Entwicklung hat seit 2000 eine im Mittel ausgeglichene Leistungsbilanz und damit keinen Netto-Kapitalabfluss.

Ein solches Defizit der Kapitalbilanz kann nur aufrechterhalten werden, wenn es durch einen gleich großen Überschuss der Leistungsbilanz finanziert wird. Das abfließende Kapital erzeugt erstaunlicherweise ganz automatisch einen entsprechenden Exportüberschuss. Das funktioniert so: Durch das netto abfließende Kapital verringert sich die Zahl der im Inland neu geschaffenen Arbeitsplätzen (200 Milliarden Euro könnten 500.000 Arbeitsplätze schaffen). Dadurch wächst die Arbeitslosigkeit, die nur durch relative Lohnabsenkung und der damit verbundenen Ausweitung des Arbeitsvolumens bekämpft werden kann. Die durch niedrige Löhne ansteigende Wettbewerbsfähigkeit erzeugt den benötigen Leistungsbilanzüberschuss.

Man kann es auch so ausdrücken: Länder mit Leistungsbilanzüberschüssen (China, Deutschland, Japan etc.) verbrauchen für Konsum und inländische Investitionen weniger als sie erwirtschaftet haben und erwerben für den Rest Vermögen und Schuldverschreibungen im Ausland. Dies nützt den Kapitaleignern, schadet aber den einfachen Arbeitnehmern, da diese letztlich durch erzwungenen Lohnverzicht und damit durch einen niedrigeren Lebensstandard die Unternehmensgewinne und Kapitalerträge finanzieren müssen, die im Ausland angelegt werden. Länder mit Leistunsbilanzdefiziten (USA, Spanien, Großbritannien, Italien, Griechenland etc.) verbrauchen für Konsum und inländische Investitionen mehr als sie selbst erwirtschaftet haben und finanzieren den Fehlbetrag durch den Verkauf von Vermögen und Schuldverschreibungen an das Ausland. Dies erlaubt für einige Jahre einen höheren Lebensstandard, führt aber langfristig in den Bankrott.

 

Eva Herman: Warum kommt der vielgepriesene Aufschwung nicht bei den Bürgern an?

Prof. Hermann Adrian: Man kann durch riesige Exportüberschüsse keinen Wohlstand für die breite Masse der Menschen schaffen, weil das Kapital und die Güter, die netto ins Ausland verbracht werden, den Wohlstand der abhängig beschäftigten Inländer nicht mehren.

Zur Illustration: Im Jahr 2007 betrug der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands pro Kopf 2700 Euro bzw. 225 Euro pro Kopf und Monat. Demzufolge verliert eine durchschnittliche Familie mit zwei Kindern 900 Euro pro Monat.

Im letzten Wirtschaftsboom vor der Krise von 2005 bis 2008 stieg das Bruttoinlandsprodukt nominal von 2242 auf 2496 Milliarden Euro, also um 11,3 Prozent,
die Zahl der Arbeitnehmer von 34,480 Millionen auf 35,845 Millionen, also um + 4,0 Prozent,
die Unternehmensgewinne von 546 auf 661 Milliarden Euro, also nominal um 21 Prozent,
die Arbeitnehmerentgelte von 1.130 auf 1.234 Milliarden Euro, also nominal um 8,3 Prozent

Daraus folgt:
Das durchschnittliche nominale Bruttoeinkommen je Arbeitnehmer stieg um 4,3 Prozent in drei Jahren
aufgrund der Steuerprogression stieg das nominale Nettoeinkommen nur um 3,5 Prozent in drei Jahren
der Verbraucherpreisindex stieg von 100 (2005) auf 106,6 (2008), also um 6,6 Prozent
das reale Nettoeinkommen sank deshalb um + 3,5 Prozent – 6,6 Prozent = - 3,1 Prozent in drei Jahren = - 1 Prozent/Jahr

Während die Unternehmensgewinne und Kapitalerträge real um sechs Prozent pro Jahr stiegen, sanken im Wirtschaftsaufschwung 2005 bis 2008 die durchschnittlichen realen Netto- einkommen der Arbeitnehmer, d. h. die Kaufkraft der Nettoeinkommen, um ein Prozent pro Jahr. Das ist der Grund, warum der Aufschwung nicht bei den Bürgern ankommt.

Übrigens hat die erste große Koalition 1967 das »Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft« beschlossen, das formal immer noch in Kraft ist, allerdings kümmert sich niemand mehr darum. Das Gesetz legt fest, dass durch die Wirtschafts- und Finanzpolitik des Staates die vier Ziele (1) Geldwertstabilität, (2) Vollbeschäftigung, (3) ausgeglichene Außenwirtschaftsbeziehungen und (4) stetiges und nachhaltiges Wirtschaftswachstum gleichberechtigt verfolgt werden sollen. Bisher haben wir nur Ziel 1 einigermaßen erfolgreich erreicht, aber auch dieses wird durch das billige und neu gedruckte Geld der Europäischen Zentralbank bald verloren gehen.

Lesen Sie in der nächsten Folge des Interviews mit Prof. Hermann Adrian:

Ist die Jugend Europas noch zu retten?

 

 


 

 

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