
Sie bekommen zu wenig Gehalt, sie erhalten zu wenig Anerkennung und zu wenig Respekt. Das sind in der Tat ziemlich schlechte Arbeitsbedingungen. An allen Ecken und Enden fehlt Geld, der Sparzwang hat alle fest im Würgegriff, die goldenen Zeiten sind längst passé. Der Spiegel als nahezu einziges Mainstreammedium hat die vom Bertelsmann-Konzern durchgeführte Mitarbeiterbefragung nun gemeldet. Die meisten anderen Zeitungen, die öffentlich-rechtlichen Anstalten, private und staatliche TV- und Radiosender schweigen sich lieber aus. Warum, wenn es doch die Konkurrenz ist? Vielleicht, weil die Abhängigkeit, die Verstrickung mit dem Bertelsmann-Konzern, zu dem RTL gehört, mit nahezu allen anderen Medien zu groß ist? Weil die Unternehmensführerin Liz Mohn und Kanzlerin Merkel häufiger, als man es sich wünschen mag, gemeinsam ein Gläschen Champagner trinken? Weil die Chefredakteure inzwischen gelernt haben, was zu melden politisch korrekt ist, und was nicht?
Die RTL-Tochter infoNetwork, in der die Redaktionen von RTL und n-tv zusammengefasst sind, soll besonders schlecht bei der Umfrage abgeschnitten haben. Unzufrieden seien vor allem die Mitarbeiter des sogenannten Newspools, der die Sender mit Nachrichtenfilmen versorgt. Nur vier Prozent von ihnen gaben laut Spiegel an, mit ihrer Vergütung zufrieden zu sein. Während ein Journalist mit abgeschlossenem Hochschulstudium, Volontariat und mehrjähriger Berufserfahrung im Newspool mit einem Tagessatz von 130 Euro abgespeist werde, verdienten etwa Cutter bei RTL mehr als das Doppelte.
Man fragt sich in diesem Moment, welche Auswirkungen derart verheerende Aussagen wohl auf die journalistische Arbeit, auf Sorgfalt und Qualität der Nachrichtensendungen haben könnten? Wird ein Mitarbeiter, der sich schlecht bezahlt fühlt, langfristig eine gute Arbeit abliefern und alles in seinen Kräften Stehende geben? Wohl kaum.
Doch es geht nicht nur ums Geld. Viele Mitarbeiter fühlen sich menschlich schlecht behandelt. In der Bertelsmann-Umfrage mochte jeder vierte infoNetwork-Mitarbeiter nicht der Aussage zustimmen, dass er von seinem Vorgesetzten mit Respekt behandelt wird. Wieder lautet die Frage: Wird ein Redakteur weiterhin journalistisch einwandfreie Arbeit abliefern, wenn er sich nicht gut behandelt fühlt? Und wenn doch, wie lange noch? Bei einer Betriebsversammlung am vergangenen Dienstag soll der Betriebsratsvorsitzende von einem »Berufszweig im Niedergang« gesprochen haben. Ob er vielleicht recht hat?
RTL-Chefin Anke Schäferkordt sagte dem Spiegel, man habe auch bei infoNetwork »Strukturen verändern müssen«. Dabei gebe es »neben verständlichen Unsicherheiten« auch immer »Einzelne, die sich mit notwendigen Veränderungen eher schwer tun«. Ein »angeblich weit verbreiteter Unmut ist mir in meinen Gesprächen mit unseren Redaktionen nicht entgegengebracht worden«.
Michael Klehm, der für den Deutschen Journalisten-Verband die RTL-Journalisten betreut, sagte dagegen: »Früher gab es bei RTL ein Family-Feeling. Heute herrscht ein Klima der Einschüchterung und Angst.«
Alle diese unschönen Einzelheiten wurden, wie erwähnt, durch eine Mitarbeiterbefragung des Bertelsmann-Konzerns aufgedeckt, der direkt mit RTL verbandelt ist. Mutige Medienkritik à la maison? Oder vorbeugende Maßnahmen, die weiteres Unheil ankündigen? Wie sagte EX-RTL-Chef Thoma kürzlich in einem Interview: »Für RTL hat sich der Gütersloher Mischkonzern nie interessiert, höchstens als Geldmaschine, aber das war schon alles.« Die Bertelsmann-Intervention ist vielleicht genauso logisch wie die Tatsache, dass ein allgemeines Gutachten zur öffentlich-rechtlichen Rundfunkordnung, also für ARD und ZDF, vor einigen Jahren vom Konkurrenten, der Bertelsmann-Stiftung, finanziert wurde, in dem sich ARD und ZDF dafür aussprechen sollten, sich »um des Markterfolgs willen« an die private Konkurrenz anzupassen. Mit dem Ergebnis, dass die Öffentlich-Rechtlichen einen Teil ihrer Einnahmen mit Bertelsmann teilen sollten. Wenn ARD und ZDF diesen Auftrag nicht erfüllten, so »müsste politisch neu entschieden werden, wie die Aufgaben der Öffentlich-Rechtlichen in Zukunft neu organisiert werden könnten«. Bertelsmann als Bundeskanzler? Der mutige Autor Thomas Schuler schreibt in seinem neuen Buch Bertelsmann-Republik Deutschland – eine Stiftung macht Politik über die vielfältig verzahnte Bertelsmann-Stiftung, dass Interessenskonflikte durchaus gewollt seien. Dies lasse nämlich keine Unabhängigkeit mehr zu. Wie auch sollen Politiker und Fachleute dann noch Hinweise aus ihrem jeweiligen Fachbereich deuten?
Bertelsmann nimmt in vorliegendem Thema der aktuellen Mitarbeiterbefragung wieder eine Doppelfunktion ein: Als RTL-Arbeitgeber, der seinen Angestellten zu wenig Respekt und Geld zollt, wie auch als »mutiger« Initiator der unerfreulichen Untersuchung. Auf diese Weise macht sich der Konzern wieder einmal unangreifbar. Und zuversichtlich kann das Gütersloher Haus darauf bauen, dass diese Umfrage kaum in das Bewusstsein der Fernsehzuschauermasse gelangen wird, denn die Mainstreammedien werden herzlich wenig tun, um sie zu verbreiten: zu abhängig sind viele von ihnen, von der Gunst des politisch und gesellschaftlich mächtigen, einflussreichen und geschickt agierenden Bertelsmann-Konzerns.
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