
Ja, und nochmal, ja! Es ist vollkommen richtig, dass sich Tierschützer und Politiker um die armen ZDF-Affen kümmern. Und zum Glück sind sie sich hier ausnahmsweise auch einmal alle einig: So kann man mit Schimpansen einfach nicht umgehen. Für Sendezwecke mussten die kleinen Affenbabys tagein, tagaus lernen, man ließ sie arbeiten und schuften, und danach, für die restlichen 45 bis 50 Jahre, sollten sie zusehen, wie sie zurechtkamen. Frei nach dem Motto: Der Affe hat seine Schuldigkeit getan, der Affe kann gehen.
Was nach Meinung der Experten jedoch mindestens genauso schlimm ist: Die kleinen Affenbabys wurden ihren Mamis viel zu früh entrissen, damit sie sich bloß nicht an diese binden mochten. Sonst wollten diese süßen, witzigen Äffchen am Ende lieber schmusen und kuscheln, anstatt, wie man es in der Mainzer Sendezentrale forderte, hart zu trainieren. Wer als Baby von der Mama jedoch getrennt wird, sucht sich eine andere Bindungsperson. Weil jeder Mensch, pardon, jeder Affe, nun einmal eine enge Beziehungsperson braucht. Und so wurden die kleinen Schimpansenkinder mit Leib und Seele an einen Menschen, in diesem Fall den Tiertrainer, gebunden und vergaßen vielleicht sogar alsbald die Affenmama und deren Affenliebe. Zumindest erweckte es den Anschein, wenn sie ihre lustigen Späße trieben, über die sich das ZDF-TV-Publikum vor Lachen jedesmal wieder ausschütten wollte.

Doch wenn sie eines Tages schließlich als Arbeitsaffen zu alt geworden waren – was recht schnell geschah, nämlich nach etwa sechs Jahren, sobald sie in die Pubertät kamen –, dann wurden sie meist so aggressiv, diese halbwüchsigen Affenkinder, dass sie ausgemustert, ausgewechselt und in ein schlecht geführtes Affenaltersheim gebracht wurden und damit erneut ihre Bindungsperson verloren. Denn wer zu früh von der Mama getrennt wird, der beantwortet dies nun einmal nicht selten mit späterer Aggression oder Depression. Diese Charlys jedenfalls wurden alle in ihrer Pubertät mehr oder weniger unbezwingbar. Da nutzte auch der bestbezahlte Regisseur nichts mehr. Für das Fernsehteam von Charly ging der Kreislauf dann wieder von vorne los: Es kamen neue Affenbabys. Die man wieder von ihren Affenmüttern trennte. Und sie trainierte. Und arbeiten ließ. Bis sie dann, na ja, Sie wissen schon. Elf sollen es inzwischen gewesen sein, elf Affenkinder, die seit 1995 den Charly gaben, zur allgemeinen Erheiterung und Unterhaltung des ZDF-Fernsehpublikums.
Der Fachmann Carsten Niemitz, Professor für Humanbiologie an der Freien Universität Berlin, äußerte sich unlängst, wie auch andere Experten, in einem Welt-Interview dazu. Er sei mit dieser Vorgehensweise überhaupt nicht einverstanden. Und der Wissenschaftler sieht das nicht alleine so: Neben Tierschutzaktivisten geben ihm auch professionelle Tiertrainer recht. Sie alle lehnen es grundsätzlich ab, dass Schimpansen dressiert werden. Astrid Harsch von der Filmtierschule Harsch zum Beispiel stimmt dieser Besorgnis zu. »Wir tun das aus gutem Grund nicht«, sagt sie. »Man muss die Babys ihren Müttern wegnehmen, um sie überhaupt trainieren zu können. Später ist es sehr schwierig, sie mit Artgenossen zusammenzubringen, denn sie sind auf Menschen fixiert. Es ist schrecklich für sie, ihre Bezugsperson zu verlieren.«

Es ist schrecklich für sie, ihre Bezugsperson zu verlieren. Welch ein Satz! Man kann ihn sich gar nicht oft genug durchlesen. Denn welche Bedenken hier in der letzten Konsequenz richtigerweise für jedes einzelne kleine Affenkind gelten, die scheinen für die Menschenkinder längst nicht so wichtig zu sein. So arbeitet die Bundesregierung in Deutschland weiter unverdrossen an dem Ziel, bis 2013 etwa ein Drittel aller Kleinkinder unter drei Jahren in die Fremdbetreuung weg zu organisieren, weg von ihren Müttern und raus aus ihrem gewohnten Umfeld. Warum? Weil sie arbeiten sollen. In diesem Fall allerdings die Mütter. Und ganz aktuell betont Bundesfamilienministerin Schröder (ohne Rücksicht auf leere Länder- und Bundeskassen, ohne Rücksicht auch auf weltweite Mahnungen von Bindungs- und Säuglingsforschern über die fatalen Folgen der Frühtrennung von Menschenmüttern und ihren Kleinkindern): »Das Sondervermögen zum Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige und der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab 2013 bleiben trotz der Sparanstrengungen der Bundesregierung unangetastet. … Es gelten die Vereinbarungen des Krippengipfels.«
Tja, auch Hunde dürfen übrigens nicht vor der zwölften Woche von ihrer Mutter getrennt werden. Das sagt die deutsche Hundezuchtverordnung. Weil sie sonst zu aggressiven Beißern werden könnten. Nach dem ganzen Affentheater ist das mehr als einleuchtend. Nur beim Menschen gelten solche Richtlinien nicht. Ach, möchte man da sagen, dann würde ich doch fast lieber als Affe beim ZDF arbeiten.
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