Sonntag, 11. Dezember 2016
05.07.2010
 
 

NDR-Skandal: Hat der ehemalige Ministerpräsident Wulff den Sender unter Druck gesetzt?

Eva Herman

Der niedersächsische Ministerpräsident McAllister hat schon am ersten Tag seines Daseins als neuer Regierungschef für einen handfesten Eklat gesorgt. Ließ der ehemalige Ministerpräsident Wulff wichtige Sendeformate von Hamburg nach Hannover legen?

Sollte wahr sein, was er bei seiner Regierungserklärung am Donnerstag offiziell mitteilte, dann würde es sich gewiss um einen Skandal der Polit-und Medienszene handeln, der ziemlich unerfreuliche Folgen haben könnte für McAllisters Amtsvorgänger, den frisch gewählten deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff. Das Hamburger Abendblatt vom Wochenende scheint in dieser subtilen Affäre nahezu einziges Medienorgan zu sein, welches sich dieser Angelegenheit überhaupt angenommen hat. Der Abendblatt-Medienautor Kai-Hinrich Renner scheitert zwar mit dem möglichen Versuch, den NDR in dieser Angelegenheit als »unwissende Institution« reinzuwaschen, dennoch scheint die Frage mehr als naheliegend:

Hat der ehemalige Ministerpräsident Wulff den NDR unter Druck gesetzt? Hat er seine ehrgeizige Idee, Hannover als Medienstandort auszubauen, indem er wichtige Sendeformate von der Elbe an die Leine legen wollte, zu weit getrieben? Renner schildert Folgendes wörtlich:

»Im falschen Film fühlten sich manche NDR-Mitarbeiter, als sie am Donnerstag die Regierungserklärung von David McAllister verfolgten. Der neue niedersächsische Regierungschef freute sich, dass der Sender die neue Regionalnachrichtensendung, die ab 2011 werktags im Dritten um 21.45 Uhr laufen soll, im Landesfunkhaus Hannover produzieren wird. Damit habe der NDR ›eine langjährige Forderung der Landesregierung und unseres Ministerpräsidenten Christian Wulff….umgesetzt‹.«

Aha! Langjährige Forderung! Das klingt interessant. Sollte also nicht nur der böse Bube Roland Koch aus Hessen versucht haben, in Personalentscheidungen eines öffentlich-rechtlichen Senders wie des ZDF einzugreifen, indem er den damaligen, inzwischen ja auch tatsächlich verabschiedeten Chefredakteur Nikolaus Brender von der Platte putzen wollte? Sollte auch sein nördlicher Nachbar, der Niedersachse Christian Wulff, ohne Not in die internen Entscheidungen eines öffentlich-rechtlichen Systems dreingeredet haben? Christian Wulff, eben jener freundliche Mann mit dem harmlos-verschmitzten Lächeln, den man jetzt auch den »Herrn Kaiser von Schloss Bellevue« nennt? Selbst Abendblatt-Autor Renner, der sich bewusst ist, dass sein Text von den NDR-Machern gelesen wird, hängt sich auffällig weit aus dem Fenster, in dem er weiter schreibt:

»Das ist ein bemerkenswerter Satz (McAllister-Zitat). Laut Gesetz ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland staatsfern organisiert. Irgendwelchen Forderungen von Landesregierungen muss er nicht nachkommen. Mit seiner offenherzigen Regierungserklärung desavouierte McAllister auch NDR-Intendant Lutz Marmor. Der hatte unlängst auf einer Betriebsversammlung gesagt, man habe sich ›bewusst für Hannover als Sitz der Redaktion entschieden‹. Die Forderung der Landesregierung erwähnte er mit keinem Wort. Auf Anfrage teilt eine Sendersprecherin mit, die Sendung werde in der niedersächsischen Hauptstadt produziert, weil dort bereits die Kopfredaktion für die erfolgreiche 18.15 Uhr-Leiste im NDR-Fernsehen angesiedelt sei. Dies ist erstaunlich, da diese Leiste nichts mit Nachrichten zu tun hat. Um 18.15 Uhr laufen im NDR-Fernsehen Reportagen wie ›Die singende Bio-Bäuerin‹.«

Renner trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er am Schluss schreibt: »Die Nachrichtenkompetenz des Senders ist in Hamburg zu finden. Hier sitzen NDR aktuell und ARD aktuell«. Hier werden nämlich nicht nur Tagesschau und Tagesthemen produziert, sondern ebenso alle weiteren Nachrichtensendungen des NDR-Regionalprogramms wie der Informationsblock in der Abendsendung DAS oder ebenso die Nachrichteneinheiten der nachmittäglichen Servicesendungen.

Der Norddeutsche Rundfunk ist eine Vier-Länder-Anstalt und hat eine weite Ausstrahlung. Zu seinem Sendegebiet gehören neben Hamburg noch Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Dass die Hannoveraner Landesregierung unter Christian Wulff mit dem größten Bundesland und dem entsprechend breitesten Sendebereich sich häufiger ungerecht behandelt zu fühlen schien, schimmerte bislang immer wieder mal durch. So wurde auch schon früher laut darüber nachgedacht, beliebte Sendeformate von Hamburg abzuziehen und nach Niedersachsen zu verfrachten. Manche hat es denn auch erwischt. Unter anderem das einstmals sehr erfolgreiche Hamburger Freitag-Abend-Talkformat »Herman & Tietjen«. Nicht lange Zeit nach Wulffs Amtsantritt als niedersächsischer Ministerpräsident sorgte die plötzliche und für alle überraschende NDR-Entscheidung für erhebliche Irritation, als Redaktion und Moderatorinnen plötzlich mitgeteilt bekamen, dass der überaus attraktive Sendestandort des Hotels »Hafen Hamburg« verlassen werden müsse, weil man ab 2006 nach Hannover wechseln wolle. Der interne Slogan lautete daraufhin damals denn auch: Nichts ist doofer als Hannover!

Was der schönen Landeshauptstadt gegenüber zwar ungerecht war, was jedoch die innere Haltung vieler Mitarbeiter zu dieser Entscheidung zum Ausdruck brachte. Hinter vorgehaltener Hand war die Sache für viele klar. Und spätestens, als der niedersächsische Ministerpräsident Wulff denn auch gleich als einer der ersten »Herman & Tietjen«-Gäste eingeladen wurde, gab der Eine oder die Andere den inneren Widerstand auf: Da war nichts mehr zu machen. Öffentliche Pressemitteilungen der Medien damals lasen sich dann auch so:

»Reiselustig und beweglich waren Eva Herman und Bettina Tietjen schon immer - jetzt ziehen sie mit ihrer Talkshow ›Herman & Tietjen‹ um von Hamburg nach Hannover. Vom 20. Januar 2006 an wird ihre Sendung im NDR Fernsehen aus der niedersächsischen Hauptstadt zu sehen sein..… NDR Intendant Prof. Jobst Plog: ›Wir wollen noch stärker als bisher Flagge zeigen in Niedersachsen – ›Herman & Tietjen‹ ist eines der Flaggschiffe des NDR Fernsehens. Deshalb liegt der Umzug dieser erfolgreichen Sendung nach Hannover nahe.‹ Ganz freiwillig dürfte die Wanderung nach Hannover jedoch nicht sein, denn vor einigen Monaten forderte der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff bereits eine stärkere Präsenz seines Landes im Programm des NDR.«

Dass die »HerTie«-Produktion durch die ständigen Reisen von Hamburg ins niedersächsische Bundesland, wo man selbstverständlich mit dort ansässigen Fremdfirmen kooperieren musste, nicht gerade kostengünstiger für den GEZ-Zahler ausfielen, versteht sich von selbst. Auch die Nachfolgesendung von »Herman & Tietjen« übrigens, die »Die Tietjen und Dibaba« hieß, und das darauf folgende Format »Tietjen und Hirschhausen«, werden weiterhin und bis zum heutigen Tage in Hannover produziert.

Christian Wulff kann es jetzt egal sein, denn der residiert jetzt in einem großen Schloss in Berlin. Und die Hauptstadt ist auch medientechnisch so gut verdrahtet, dass wohl kein Handlungsbedarf mehr zu bestehen scheint. Doch so manch ein norddeutscher Gebührenzahler wird sich, den Rechenschieber in der Hand, vielleicht seinen Kopf zerbrechen über die Art und Weise der Verwendung seiner monatlich entrichteten öffentlich-rechtlichen Gebühren. Und es dürfte richtig spannend werden, wenn sich übergeordnete Institutionen mit dem Fall »Wulff/NDR« befassen werden.

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