Friday, 1. July 2016
08.05.2013
 
 

Amerikas Schiefergas-Revolution: Ein einziges Schneeballsystem

F. William Engdahl

Bevor sich Deutschland, Frankreich oder andere EU-Länder mit fliegenden Fahnen dem Schiefergas-»Fracking« der USA anschließen, wären sie gut beraten, sich die neuesten Entwicklungen in der amerikanischen Schiefergas-Revolution genauer anzuschauen.

Neue Methoden zur Gewinnung von Erdgas und in jüngster Zeit auch Erdöl aus ausgedehnten Schieferformationen haben dem amerikanischen Markt eine Flut von neuem Gas und Öl beschert. Der US-Präsident tönt, es gebe genug Gas für ein ganzes Jahrhundert. Andere behaupten, das neue billige Gas könne den Unternehmen neuen Auftrieb geben und dadurch in der maroden

US-Wirtschaft Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen. Bei dem ganzen Bild gibt es nur ein Problem: Es basiert auf Mythen, Lügen und einem Hype an der Wall Street. Bei genauer Betrachtung kommt eine enorme Finanzblase um das Schiefergas (shale gas) und nun auch Schieferöl ans Licht, die dem Ponzi-Schema gleicht, einem berüchtigten Schneeballsystem der 1920er Jahre.

 

Es gibt viele warnende Stimmen: Über die Kosten, die das Einbringen von Millionen von Litern hochgiftiger Chemikalien in den Schiefer und das Freibrechen oder »Fracking« des Gases nachweislich für die Umwelt bedeutet, über die Verseuchung unterirdischer Wasserschichten oder die Gefahr, dass dadurch Erdbeben ausgelöst werden könnten. Das alles lässt sich anhand dieses Fotos, das in einem Haus in Pennsylvania aufgenommen wurde, belegen. In der Nähe wird unterirdisches »Fracking« betrieben.

© Screenshot from HBO film Gasland

Ein Anwohner zündet ein Feuerzeug neben dem Wasserhahn in seiner Küche und beobachtet, wie das Trinkwasser, das mit Gas und Chemikalien versetzt ist, die Flamme fast einen Meter hoch aufschießen lässt

 

Doch nur wenig ist bisher darüber verlautet, dass die Kosten und die wirtschaftliche Bilanz der Schiefergasförderung in den USA in Wirklichkeit negativ sind.

 

Immer klarer zeigt sich, dass die Schiefer-Revolution ein neuer Ponzi-Schwindel ist, sorgfältig aufgebaut unter Mithilfe derselben Wall-Street-Banken und befreundeten »Marktanalysten«, die uns 2002 bis 2007 die Immobilien-Verbriefungs-Blase oder die aktuelle weltweite Bankenkrise eingebrockt haben.

 

Der Schiefergasboom in den USA nahm 2005 seinen Anfang, als es Dick Cheney und seinen Freunden gelang, in ein neues Energiegesetz ein wichtiges Schlupfloch einzubauen, wonach die Öl- und Gasindustrie – und nur sie – von Bestimmungen in dem Gesetz zur Reinhaltung der Gewässer, dem Clean Water Act, ausgenommen wurden.

 

Angesichts in die Höhe schnellender Gaspreise in Amerika und frei von jeglichen Umweltauflagen hat sich die Schiefergas-Gewinnung von 2007, als die Zahlen erstmals erfasst wurden, bis 2011 vervierfacht. 2011 lag der Anteil des auf diese Weise geförderten Gases bei fast 40 Prozent, 2002 waren es lediglich drei Prozent gewesen.

 

 

© n/a Giftstoffe beim Fracking

Dieses Diagramm zeigt, wie Methangas und giftiges Wasser das Trinkwasser verseuchen. Die aufgebrochenen Gase durchdringen den Grundwasserspiegel

 

Kaum jemandem außerhalb der Industrie war bekannt, dass die Dynamik der komplexen Schieferformationen bewirkt, dass anfänglich dramatisch hohe Gasvolumina austraten – gefolgt von einem nicht minder dramatischen Rückgang. Im Vergleich mit konventionellem Gas versiegt Schiefergas aufgrund seiner geologischen Anordnung erheblich schneller. Es diffundiert und lässt sich ohne das Anlegen kostspieliger neuer Bohrlöcher nicht mehr fördern.

 

Die wichtigsten Schiefergas-»Player« und die Wall-Street-Banker, die den Boom unterstützen, übertreiben maßlos hinsichtlich des Volumens der förderbaren Gasreserven und damit auch der erwarteten Förderdauer. Nach unabhängigen konservativen Schätzungen beträgt das förderbare Schiefergas nur ungefähr die Hälfte der von der Industrie in ihren Geschäftsberichten angegebenen Menge. Kurz: Die Gasproduzenten haben die Illusion geschürt, ihr unkonventionelles und ständig teurer werdendes Schiefergas werde für Jahrzehnte vorhalten.

 

Inzwischen liegen reale Zahlen über die Bohrungen vor, die zeigen, dass die Förderung an den Schiefergas-Bohrlöchern exponentiell zurückgeht und viel schneller erschöpft sein wird, als bei dem Hype behauptet. Das hat die großen Player bereits zu Notverkäufen eben erst erworbener Schiefergas-Lizenzen an chinesische, japanische, französische und andere leichtgläubige ausländische Energie-Investoren veranlasst – ein klares Anzeichen für Schwierigkeiten. 2012 haben die Förderfirmen für Schiefergas in den USA 40 Milliarden für die Anlage von 7.000 Bohrstellen gezahlt. Doch der Wert des insgesamt in diesem Jahr geförderten Gases betrug nur 32,5 Milliarden Dollar. Au weia….

 

Ein Indikator für das Ende der kurzlebigen Schiefergas-Blase ist die Firma Chesapeake Energy, ein Pionier der Schiefergasgewinnung. Der Aktienkurs fiel von 80 Dollar im Jahr 2008 auf mittlerweile nur noch knapp über 20 Dollar. Das Unternehmen verkauft Schiefergas-Anteile, um die eigenen Schulden zu bezahlen, die mittlerweile als »Ramsch« bewertet werden. Im Mai 2012 schrieb Bill Powers im Newsletter Powers Energy Investor über Chesapeake (dessen Aktienkennung »CHK« lautet): »Doch im vergangenen Jahr brach das Geschäftsmodell von CHK in sich zusammen. Allmonatlich fallen die Aktien des Unternehmens unter den Vorjahres-Tiefstand, es gibt finanzielle Belange – das ist Finanzsprech für: der Firma geht das Geld aus. Zwar konnten im vergangenen Jahr ein Teil der Utica-Shale-Anteile an den französischen Konzern Total verkauft werden – was erstaunlich ist angesichts der Fehler im Accounting, aufgrund derer Total erheblich geringere Gewinne aus dem Joint Venture mit Barnett Shale erzielte –, doch nun verfügt CHK über keine weiteren gewinnversprechenden Flächen mehr, die sich verkaufen ließen.«

 

Powers schätzte den Fehlbetrag des Unternehmens für 2012 auf drei Milliarden Dollar, natürlich zusätzlich zu den enormen Schulden von 11,1 Milliarden Dollar, davon 1,7 Milliarden Dollar in Form einer revolvierenden Kreditlinie. Powers kommentiert: »Werden die außerbilanziellen Verbindlichkeiten und die Kosten hochverzinslicher Vorzugsaktien zu der bestehenden bilanziellen Verschuldung in Höhe von 11,1 Milliarden hinzugerechnet, ergeben sich für CHK jährliche Verbindlichkeiten von satten 20,5 Milliarden Dollar. Angesichts einer derart hohen Verschuldung wird CHK als ›Ramsch‹ bewertet, und das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern.« Letzten Monat hat Chesapeake Eigentumsrechte für Schiefergas in Oklahoma zu einem Schleuderpreis von einer Milliarde Dollar an Sinopec, einen der größten chinesischen Ölproduzenten, verkauft und damit noch einmal etwas Zeit gewonnen.

 

Wenn sich der zweitgrößte Erdgasproduzent der USA fast völlig aus dem Schiefergas-Geschäft zurückzieht, so ist das ein Anzeichen dafür, dass die derzeitige Preisblase beim Erdgas vor dem Platzen steht. Unter dem Druck einer SEC-Untersuchung muss Aubrey McClendon, Mitbegründer von Chesapeake Energy, zum 1. April seinen Hut nehmen.

 

Viele Länder, von China über Polen, Deutschland und England, setzen zur Deckung ihres Energiebedarfs große Hoffnungen auf Schiefergas und Öl – eine sorgfältige Prüfung kann sie vor gewaltigen Einbußen in der Zukunft bewahren.

 

 

 


 

 

 

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