Thursday, 28. July 2016
21.07.2014
 
 

Das deutsche Establishment und das Dilemma von Buridans Esel

F. William Engdahl

Seit etwa einem Jahr sind die gespannten Beziehungen zwischen der Merkel-Regierung und Washington bislang nicht gekannten Prüfungen ausgesetzt, die die Mehrheit der Deutschen veranlassen, die besondere Freundschaft, die seit über 60 Jahren zwischen beiden Ländern bestand, in Zweifel zu ziehen. Währenddessen eskaliert die Regierung Obama – anstatt ernsthaft zu versuchen, Probleme wie die unerhörte NSA-Spionage aus dem Weg zu räumen – offenbar den Eingriff in die interne Politik Deutschlands, indem sie Informanten für die CIA rekrutiert. Gleichzeitig setzt Washington Deutschland mit dem Hinweis auf die Ukraine unter ungeheuren Druck, die Verbindungen zu Russland zu kappen. Die etablierten Institutionen in Deutschland stehen vor dem Dilemma von Buridans Esel.

 

Der legendäre Esel wurde genau in die Mitte zwischen zwei gleich großen Heuhaufen gesetzt. Da er sich nicht für einen entscheiden konnte, verhungerte der arme Esel. Das deutsche Establishment wird hoffentlich weise genug sein, diesem Schicksal zu entgehen. Aber es ist mit der grundsätzlichen geopolitischen Entscheidung konfrontiert, sich nach Westen oder nach Osten zu wenden.

 

Die Ukraine als letzter Strohhalm?

 

Wie jede Familie, in der intern erbittert gestritten wird, baut auch die deutsche Regierung gegenüber der Welt eine Fassade auf: Die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten seien

unverzichtbar und gut. Privat waren sie nie schlechter. Der vom US-Außenministerium angeführte Putsch in der Ukraine am 22. Februar dieses Jahres richtete sich direkt gegen den deutsch-französisch-polnischen Versuch, in letzter Minute einen Bürgerkrieg zu verhindern und einen Kompromiss zwischen Janukowytschs gewählter Regierung und den drei Oppositionsparteien auszuhandeln.

 

Der Kompromiss, durch den die Wahlen auf den Dezember verschoben worden wären, wurde durch Scharfschützen des Rechten Sektors sabotiert, die höchstwahrscheinlich von der amerikanischen CIA eingesetzt wurden, um eine Lösung zwischen der EU, der Ukraine und Russland unmöglich zu machen. Seither unterstützt die Obama-Regierung ein Kiewer Regime aus Neonazis, Kriminellen, mutmaßlichen Scientology-Angehörigen und Oligarchen, die sich lediglich durch ihren unterwürfigen Gehorsam gegenüber Washington auszeichnen.

 

Die eskalierenden Kiewer Provokationen gegen ethnische Russen in der Ukraine in diesem Frühjahr – darunter der Vorschlag, die Verwendung der russischen Sprache zu verbieten – führten, wie vorherzusehen war, zur Annexion der Krim durch Russland. Die Krim ist historisch russisches Gebiet und für Russland von militärstrategischer Bedeutung. Die Neokonservativen in Washington haben versucht, diese Annexion der Krim zu nutzen, um Putin als neuen Hitler oder noch Schlimmeres darzustellen und alles Russische zu verteufeln. Wirtschaftssanktionen unter Führung der USA, die, wie man in Washington sehr wohl weiß, nur dazu führen werden, Putin noch entschlossener zu machen, drohen, eine wirtschaftliche und politische Spaltung zwischen der EU, insbesondere Deutschland, und Russland zu erzwingen.

 

Angesichts dieses Dilemmas sind Kreise des deutschen Establishments überzeugt, man könne es sich nicht mehr leisten, dumm zwischen zwei Heuhaufen zu stehen – der strategischen Militärallianz der NATO und der aufstrebenden Wirtschaftsregion nicht nur Russland, sondern ganz Eurasien, symbolisiert durch die soeben beendete Konferenz der BRICS-Staaten in Rio. Dort war beschlossen worden, eine BRICS-Entwicklungsbank mit einem Kapital von 100 Mrd. Dollar zu gründen, die große Infrastrukturprojekte wie den Bau von Eisenbahnen und Kanälen finanzieren soll.

 

Schon bald muss sich Deutschland für Ost oder West entscheiden oder wirtschaftlich verhungern. Bisher berichtet die wichtige Stimme der deutschen Industrie Die Wirtschaft unter Hinweis auf das erhebliche wirtschaftliche Interesse Deutschlands über lautstarke Opposition gegen die US-Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Der Umfang des jährlichen Handels zwischen der EU und Russland beträgt heute 330 Milliarden Dollar. Der amerikanisch-russische Handel nimmt sich dagegen mit nur 38 Milliarden Dollar mehr als bescheiden aus.

 

Vor Kurzem hat die Körber-Stiftung eine Studie über die außenpolitische Rolle Deutschlands in Auftrag gegeben. Fast 56 Prozent der Befragten bevorzugten die USA, aber 53 Prozent nannten Russland, eine dramatische Veränderung zugunsten Russlands. Das umso mehr, als ein Großteil der deutschen Mainstreammedien schamlos pro NATO orientiert ist. Und laut einer Umfrage des Spiegel sind 57 Prozent der Deutschen der Ansicht, Deutschland solle in der Außenpolitik unabhängiger von den Vereinigten Staaten sein. Die Merkel-Regierung braucht keinen Wahrsager, der ihr erklärt, dass sich gegenüber der Ära des Kalten Krieges ein deutlicher Wandel weg von der atlantischen Allianz vollzieht.

 

Die vielversprechenden wirtschaftlichen Aussichten Eurasiens

 

Industrie und Bevölkerung in Deutschland reagieren eindeutig schneller als die etablierten Politiker in Berlin. Die Zukunft der EU, insgesamt ein stagnierender bis darniederliegender Wirtschaftsraum, liegt im Osten. Entscheidend für den US-Coup in Kiew in diesem Jahr war die Entscheidung der Janukowytsch-Regierung vom November 2013, die günstigen Bedingungen zu akzeptieren, die Russland für den Beitritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion mit Russland, Kasachstan, Armenien und Weißrussland bot, statt auf ein vages und wenig attraktives Angebot für einen »Assoziierungs«-Status mit der EU einzugehen. Danach wäre die Ukraine gezwungen gewesen, sich der Forderung des IWF nach Privatisierung und Reform zu unterwerfen, als Gegenleistung für magere Finanzhilfen für die notleidende Wirtschaft.

 

Die Entscheidung zwischen Ost und West ist keine kleine Sache. In den letzten 100 Jahren ist es der britisch-angelsächsischen Politik gelungen, Deutschland in zwei Weltkriege gegen Russland zu manipulieren. Die USA und Großbritannien konzentrierten sich während des Kalten Krieges von 1945 bis 1989 darauf, Deutschland gegen Russland aufzubringen, sodass Washington behaupten konnte, der Atomschirm sei für Deutschlands Sicherheit lebenswichtig.

 

Die führenden Kreise in Washington zeigen deutlich, dass sie die Trennung Deutschlands und der EU von Russland und Eurasien für nötig halten. Zbigniew Brzeziński schreibt in seinem aufschlussreichen Buch Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft:

Seit den Anfängen der Kontinente übergreifenden politischen Beziehungen vor etwa 500 Jahren ist Eurasien stets das Machtzentrum der Welt gewesen …. Eine Macht, die Eurasien beherrscht, würde über zwei der drei höchstentwickelten und wirtschaftlich produktivsten Regionen der Erde gebieten. Ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu erkennen, dass die Kontrolle über Eurasien fast automatisch die über Afrika nach sich zöge und damit die westliche Hemisphäre und Ozeanien gegenüber dem zentralen Kontinent der Erde geopolitisch in eine Randlage brächte. Nahezu 75 Prozent der Weltbevölkerung leben in Eurasien, und in seinem Boden wie auch seinen Unternehmen steckt der größte Teil des materiellen Reichtums der Welt. Eurasien stellt 60 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts und ungefähr drei Viertel der weltweit bekannten Energievorkommen.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat gerade eine historische Vereinbarung mit seinen Amtskollegen der BRICS-Staaten – Brasilien, Indien, China und Südafrika – zur Schaffung einer neuen Alternative zu Washingtons IWF unterzeichnet. Sie diskutieren über Wege, wie die Rolle des Dollars im gegenseitigen Handel drastisch reduziert werden kann. Auch Frankreich bewegt sich in diese Richtung, nach der Empörung über die Strafmaßnahmen der USA gegen die französische Bank BNP Paribas, die verhängt wurden, nachdem es Frankreich abgelehnt hatte, die Auslieferung seiner Kriegsschiffe der Mistral-Klasse an Russland auszusetzen.

 

Mao hat einmal einem Mitstreiter, der ihn an seinen Ausspruch erinnerte, Amerika sei ein Papiertiger, geantwortet, der »Papiertiger hat Atom-Zähne«. Heute verfaulen diese Atomzähne und die US-Wirtschaft befindet sich in einem dramatischen Absturz, nachdem Washingtoner Politiker in den letzten 30 Jahren das Land einer Handvoll von Gangster-Bankern an der Wall Street ausgeliefert haben. Deutschlands wirtschaftliche Zukunft für die nächsten 20 Jahre liegt eindeutig im Osten, mit Russland, China und anderen Ländern. Deutschland könnte eine entscheidende Rolle dabei spielen, Weltfrieden und wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Der Schlüssel dazu liegt darin, die Lähmung durch Buridans Dilemma zu überwinden.

 

 

 

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Leser-Kommentare (14) zu diesem Artikel

26.07.2014 | 22:52

GLADIO

Hallo@Ich >>> genau so ist das, den Nagel auf dem Kopf getroffen. Wie schon Obama im Jahr 2013 bei einem Besuch auf der US-Base Rammstein (Deutsches Besatzungsgebiet) vor der Truppe bemerkte >>> Deutschland ist besetztes Gebiet, und bleibt es, mindestens bis 2099 <<< !


22.07.2014 | 21:22

Thorsten

Schröder müsste noch Kanzler sein!!! Der hat auch nicht den Afgahnistan-Feldzug von Bush unterstützt und kann gut mit Putin, deshalb musste er auch gehen! Da wir noch immer keinen Friedensvertrag haben, wird fast alles was in unserem Land geschieht von den Besatzern bestimmt / kontrolliert. Wenn die wollen ist morgen alles voll mit ihrem Militär, als Europabasis für ihren Russlandfeldzug!! Wer sich mit dem Thema, bzw. diesen Themen beschäftigt: Historie, Weltkriege, Wirtschaft,...

Schröder müsste noch Kanzler sein!!! Der hat auch nicht den Afgahnistan-Feldzug von Bush unterstützt und kann gut mit Putin, deshalb musste er auch gehen! Da wir noch immer keinen Friedensvertrag haben, wird fast alles was in unserem Land geschieht von den Besatzern bestimmt / kontrolliert. Wenn die wollen ist morgen alles voll mit ihrem Militär, als Europabasis für ihren Russlandfeldzug!!

Wer sich mit dem Thema, bzw. diesen Themen beschäftigt: Historie, Weltkriege, Wirtschaft, Finanzen usw., dem wird einiges klar! Die Doktrin, die hier verfolgt wird, stürzt die Welt in ein Unheil nach dem anderen! Und das alles mit VORSATZ!!!

Ich kann diese Kranken Menschen nicht verstehen, und ihr wahrscheinlich auch nicht. Aber ich hoffe dass immer mehr Menschen aufwachen und diese "DIKTATUR des GELDES" bald ein Ende hat!!!


22.07.2014 | 18:44

Tom

Wer der Deutschen Freund oder Feind ist, lässt sich daran feststellen, wer Deutschland besetzt hält und wer nicht.


22.07.2014 | 12:31

R. G.

Sehr guter Artikel, Herr Engdahl, aber lassen Sie bitte Scientology aus dem Spiel. Ein einziger involvierter mutmaßlicher Scientologe rechtfertigt nicht, alle Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft mit diesem unsäglichen Ukraine-Konflikt in Verbindung zu bringen. Etwaige Mitglieder anderer Religionen und Glaubensgemeinschaften zählen Sie ja auch nicht auf. Liebe Grüße RG


22.07.2014 | 01:17

Hiltrud Volkmer-Schnütgen

....ihr habt alle recht, liebe Vorredner, aber die Deutschen inzwischen selbst am Bettelstab, lassen mit Vergnügen die NSA Pleitegeier über ihre Häupter kreisen, um diese noch mit Wohlgefallen und spitzen Krallen auf ihren Schultern landen zu lassen. Dabei haben wir schon unser Gesicht verloren! Ich schäme mich für unser Land!


21.07.2014 | 22:09

merxdunix

Herr Engdahl scheint die deutschen Politiker nicht zu kennen. Seit wann haben die einen Konflikt? Nach meiner Erfahrung werden die wohl das Heu beider Häufen verdrücken und uns dafür mit doppelt soviel Ausscheidungen beglücken. Warum auch nicht? Die Deutschen können doch mit ihren Untergangsneurosen garnicht anders, als ihre Politiker trocken zu legen. Wo sollen wir sonst mit den vielen Wattepacken hin, die wir alle Tage produzieren.

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