Wednesday, 29. June 2016
21.01.2016
 
 

»Flüchtlinge«: Aus dem Knast direkt nach Europa?

Gerhard Wisnewski

Was ist in Köln nur passiert in der Silvesternacht 2015/16? Wie war es möglich, dass Hunderte von Migranten Frauen belästigten, begrapschten und beraubten? Ein Teil der Erklärung könnte lauten, dass Afrika sein Prekariat und seine Kriminellen in Deutschland und Europa »entsorgt«. Einige »Flüchtlinge« kamen direkt aus dem Knast zu uns ...

 

Ein Gefängnisinsasse ist lästig und teuer und nimmt anderen den Platz weg, insbesondere, wenn die Knäste aus allen Nähten platzen und wenn es schwerere Fälle gibt, die hinter Gitter gebracht werden müssen. Die »Kleinen« lässt man dann gern laufen oder auf Bewährung raus. Neuerdings gibt es aber noch eine ganz andere Option.

Afrikanische Länder zum Beispiel entsorgen einen Teil ihrer Kriminellen in Deutschland und Europa. Verschwörungstheorie? Immer schön der Reihe nach. Über den kongolesischen Diplomaten Serge Boret Bokwango hatten wir hier ja schon berichtet. Bokwango war oder ist Mitglied der Ständigen Vertretung des Kongo bei den Vereinten Nationen in Genf (UNOG). Am 8. Juni 2015 veröffentlichte die italienische Nachrichtenseite Julienews einen offenen Brief von ihm. Darin hieß es:

»Die Afrikaner, die ich in Italien sehe, sind der Abschaum und Müll Afrikas. Ich frage mich, weswegen Italien und andere europäische Staaten es tolerieren, dass sich solche Personen auf ihrem nationalen Territorium aufhalten … Ich empfinde ein starkes Gefühl von Wut und Scham gegenüber diesen afrikanischen Immigranten, die sich wie Ratten aufführen, welche die europäischen Städte befallen. Ich empfinde aber auch Scham und Wut gegenüber den afrikanischen Regierungen, die den Massenexodus ihres Abfalls nach Europa auch noch unterstützen.«

Unliebsame Bevölkerungskreise loswerden?

 

Nun – das ist natürlich drastisch formuliert und herabwürdigend. Die Wut dieses Afrikaners auf seine Landsleute ist deutlich spürbar. Das ist das eine. Das andere: Manche afrikanischen Länder packen möglicherweise die Gelegenheit beim Schopf, besonders unliebsame Bevölkerungskreise loszuwerden und nach Europa zu »entsorgen«.

 

Nehmen wir zum Beispiel die beiden »Flüchtlinge« Baba und Alhagie aus Gambia, die die Wochenzeitung Die Zeit auf Sizilien getroffen hat. Warum genau sie aus dem Land geflohen sind, haben sie nicht erzählt. »Ich hatte ein Problem mit der Regierung«, erklärt Alhagie vage gegenüber der Zeit (online, 5. Mai  2015). »Weißt du, in Gambia hast du schnell ein Problem mit der Regierung«, spricht er ganz allgemein. »Du wählst den falschen Mann, du sagst das Falsche, und schon sitzt du im Gefängnis. Manchmal weißt du nicht mal, was du falsch gemacht hast, und sie nehmen dich trotzdem fest. Und glaub mir, im Gefängnis in Gambia überlebst du nicht lange.«

 

Dabei fällt auf, dass er zwar die allgemeinen Verhältnisse in Gambia schildert, über seinen konkreten Fall aber kein einziges Wort verliert – nämlich warum genau er dort wegmusste oder im Gefängnis landete.

 

Entlassung bei Nacht und Nebel

 

Kurz und gut, wir werden nur in den seltensten Fällen erfahren, warum jemand in seiner Heimat wirklich Probleme bekam und möglicherweise sogar im Gefängnis saß. Denn nicht nur in Gambia, sondern auch in Deutschland und im Rest der Welt geben alle Gefängnisinsassen traditionell die verfolgte Unschuld. Und natürlich wird jeder, der in einem anderen Land aufgenommen werden möchte, behaupten, nur ein politischer Gefangener gewesen zu sein.

 

Bei erstbester Gelegenheit setzte sich Alhagie also aus Gambia ab und trampte per Lkw nach Libyen, wo er erneut im Gefängnis landete und seinen Kumpel Baba kennenlernte. Wer jedoch Geld hat, kann sich aus dem Knast freikaufen und sich bei Schleppern eine Überfahrt nach Europa »buchen«.

 

Der Zürcher Tagesanzeiger zitierte einen Telefonmitschnitt, in dem ein libyscher Schlepper sagte: »Ich hole jetzt 150 Flüchtlinge aus dem Gefängnis – 20 Flüchtlinge am Tag, das fällt nicht so auf.« Der 34-jährige Eritreer kaufe Gefangene frei, »um diese später in Richtung Europa verschiffen zu können. Dabei kassiert [der Schlepper] Medhane doppelt von den Flüchtlingen: einerseits für den Freikauf, andererseits für die Überfahrt«.

 

Gratispassage nach Europa

 

Baba dagegen gelang die Flucht während eines Gelegenheitsjobs außerhalb des Gefängnisses. »Reiche Leute, die kleine Jobs zu vergeben haben, sind immer wieder zum Gefängnis gekommen und haben ein paar von uns für einige Tage mitgenommen«, zitierte ihn die Zeit. »Ich habe drei Tage für einen Mann das Dach gedeckt, dann bin ich in einer Pause weggelaufen.«

 

Sein Kumpel Alhagie bekam demgegenüber eine »First-Class-Entlassung« nach Europa. Ich bin nicht aus dem Gefängnis geflohen«, sagte er laut der Zeit: »Eines Nachts kamen Soldaten, sie haben uns geweckt und etwa 30 von uns in einen Lastwagen verladen. Wir wussten nicht, wo sie uns hinbringen, ich dachte schon, sie erschießen uns. Dann haben sie uns an den Hafen gefahren. ›Das ist euer Boot‹, sagten sie. Wir mussten an Bord gehen.« Fünf Tage lang schipperte man zur italienischen Küste, wo man schließlich von der Küstenwache aufgesammelt wurde.

 

Im Gegensatz zu seinem Freund Baba, der 700 Dollar für die Fahrt berappen musste, bekam Alhagie die Überfahrt demnach umsonst. Wenn das stimmt, muss irgendjemand die Passage also bezahlt haben, denn Schlepper sind nicht gerade als wohltätige Zeitgenossen bekannt. Tatsächlich waren es nach seinen Angaben ja auch Staatsorgane, nämlich Soldaten, die Alhagie aus dem libyschen Gefängnis entlassen und auf ein Flüchtlingsboot bugsiert haben.

 

Gefängnis ist kein Grund zum Misstrauen

 

Während bei einem Deutschen ein Gefängnisaufenthalt sofort ein Verdachtsmoment oder ein Grund zum Misstrauen wäre, wird eine »Knastvergangenheit« bei einem Migranten von den Mainstreammedien sofort in einen Teil seines Leidensweges umgedeutet. Warum er im Gefängnis saß, will man gar nicht wissen – zumindest fragt man nicht genauer nach. Und schon kann man ganz offen schreiben, dass viele Flüchtlinge aus dem Gefängnis kommen. »Sie saßen im Gefängnis, wurden von Schleppern misshandelt und wären fast im Mittelmeer ertrunken.

 

Die meisten Flüchtlinge sind traumatisiert von ihrem Weg nach Deutschland«, schreibt zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung (online, 3. Dezember 2014). Eine Gefängnisvergangenheit hat bei einem Migranten immer und überall nur Teil seiner Unterdrückung zu sein. »Sie werden unterdrückt, verfolgt, einige saßen im Gefängnis ein», schrieb zum Beispiel auch die Waiblinger Kreiszeitung (online, 5. Januar 2016). »Ihr einziger Ausweg: die Flucht als einzige Hoffnung – die Hoffnung zu überleben.«

 

Oder nehmen wir beispielsweise Yasser, Ivan und Hussam, die der WAZ zufolge aus Syrien geflohen sind. Yasser und Ivan saßen beide im Gefängnis, der eine in der Türkei, der andere in Bulgarien. Auch ihre Angaben sind wenig konkret. »Über das, was sie in ihrer Heimat erlebt haben, reden sie immer noch nicht gern, bleiben eher vage«, berichtete das Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (16. August 2015).

 

Eher allgemein sprechen die beiden Migranten »von ständiger Angst vor Luftangriffen und Bomben, vor willkürlichen Verhaftungen und Bedrohungen, von Todesangst auch vor Massakern des Islamischen Staates«.

 

Wo ist die persönliche Geschichte?

 

Aber wo ist ihre persönliche Geschichte? Würde ein politisch Verfolgter oder ein Kriegsflüchtling nicht viel konkreter von seinen ganz persönlichen schrecklichen Erlebnissen erzählen, als allgemein daherzuplaudern?

 

Auch im schweizerischen Chiasso ist man mit afrikanischen Gefängnisinsassen vertraut – in diesem Fall mit geflohenen Knastinsassen. »Beweise haben wir nicht. Aber es ist ziemlich klar, dass unter den Asylbewerbern, die aus Tunesien kommen, auch Kriminelle sind, die nach dem Sturz von [Staatschef] Ben Ali aus den Gefängnissen geflohen sind«, sagte der Chef des Empfangszentrums Chiasso, Antonio Simona, der Weltwoche (online, 8. Dezember 2011).

 

»Viele verhalten sich gegenüber unserem Personal sehr aggressiv. Sie schimpfen und drohen. Es sind keine echten Flüchtlinge, und sie behaupten das nicht einmal. Sie suchen Arbeit, keinen Schutz. Im Befragungsprotokoll steht nur selten etwas von Verfolgung.«

 

Mittlerweile lebten Yasser, Ivan und Hussam in Deutschland übrigens in einer eigenen Wohnung und hätten das Gefühl, »endlich zur Ruhe zu kommen«, berichtete die WAZ. Alle drei möchten in Gladbeck bleiben. »Sie mögen diese Stadt, ›weil wir hier so viele nette Menschen gefunden haben, die uns helfen, und weil wir uns willkommen fühlen‹.«

 

»Und sie setzen auf eine Zukunft ohne Angst vor Bürgerkrieg und Bomben«, so die WAZ. Und natürlich ohne Gefängnis, darf man hinzufügen. Denn Straftaten von »Flüchtlingen« werden hierzulande nun mal gern vertuscht und heruntergespielt ...

 

 

 

 


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