Wednesday, 29. June 2016
21.02.2011
 
 

Doktor-Desaster: Guttenberg reitet sich immer tiefer rein

Gerhard Wisnewski

Skandalminister zu Guttenberg reitet sich immer tiefer rein. Erst brüskierte er die versammelte Hauptstadtpresse, dann manövrierte er sich in der Plagiatsfrage erst recht in eine Sackgasse. Und schliesslich gibt es da noch ein paar Fragen zu seiner Geheimmission in Afghanistan, nach der es plötzlich zu einer Schießerei kam...

Was eigentlich ein Befreiungsschlag werden sollte, geriet umgehend zum Desaster: Guttenbergs Erklärung zur Plagiatsaffäre vor ausgewählten Journalisten am Freitag, dem 18. Februar, in Berlin. Statt vor der Bundespressekonferenz Auskunft zu geben, ließ er die versammelte Hauptstadtpresse einfach sitzen. In den TV-Nachrichten waren von diesem Vorfall nur fein geschnittene Bilder zu sehen. In Wirklichkeit spielte sich das Ganze so ab:

 

Guttenberg-Desaster vor der Bundespressekonferenz

 

Und statt die Plagiatsaffäre wenigstens vor den wenigen zu Guttenberg vorgelassenen Journalisten aufzuklären, ritt sich der Minister noch tiefer rein:

 

Guttenbergs misslungene Erklärung zu seiner Doktorarbeit

 

Die Erklärung vom Freitag, dem 18. Februar, im Wortlaut:

 

»Für diese Stellungnahme bedurfte es keiner Aufforderung, und sie gab es auch nicht. Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinstarbeit entstanden, und sie enthält fraglos Fehler. Und über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten.«

 

Diese Äußerung wurde von den Ereignissen schnell überholt. Am Freitagabend, dem 18. Februar 2011, bestand bei 45 Prozent der Dissertationsseiten Plagiatsverdacht, am 19. Februar bereits auf 62,8 Prozent, also auf zwei Dritteln der Seiten der Guttenberg-Doktorarbeit.

 

Stand 20. Februar: Plagiate auf 68,7 Prozent der Dissertationsseiten?

 

 

Ist Guttenberg ein Hochstapler?

Vorausgesetzt, diese Zahlen stimmen, ist die Einlassung, dass Guttenberg als junger Familienvater des Nachts wacker an seiner Dissertation gebastelt hat, vor diesem Hintergrund nur noch peinlich – um nicht zu sagen: tödlich. Und dass die Zahlen stimmen, ist möglich, denn inzwischen wird berichtet, dass Guttenberg sogar komplette Papiere in seine Arbeit einfügte.

 

Doch hören wir weiter:

»Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht.«

 

Laut der Redaktion von RP Online ist das falsch. Demnach hat Guttenberg auf den Seiten 310ff. seiner Dissertation einen Text von Stefan Schieren übernommen, einem Professor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Arbeitspapier und Autor würden an keiner Stelle in der Dissertation erwähnt, heisst es auf RP Online. Ja, mehr noch: Zu Guttenberg hat demnach die Initialen des Autors sogar aus dem Text entfernt. Schieren hatte nämlich, wie Autoren das zuweilen tun, in seinem Text eine in Klammern gesetzte Anmerkung mit seinen Initialen versehen: »(i. e. Art. 100a EGV, St.S.)«. Bei Guttenberg wurde daraus: »[i. e. Art. 100a EGV]«.

 

Ein besonders dreister Klau

Wenn der Vorgang so richtig beschrieben ist, handelt es sich dabei um einen besonders dreisten Klau – und natürlich um die Widerlegung von Guttenbergs oben zitierter Erklärung. Aber statt Asche auf sein Haupt zu streuen, wurde der Freiherr in seiner Erklärung vom Freitag patzig:

»Sollte sich jemand hierdurch oder durch inkorrektes Setzen und Zitieren oder versäumtes Setzen von Fußnoten bei insgesamt 1300 Fußnoten und 475 Seiten verletzt fühlen, so tut mir das aufrichtig leid.«

Was so klingt wie: Sollte sich bei 1300 Fussnoten jemand über ein paar vergessene Fussnoten aufregen, so tut's ihm auch leid – wer wird denn so kleinlich sein!

 

Und weiter:

»Die eingehende Prüfung und Gewichtung dieser Fehler obliegt jetzt der Universität Bayreuth. Und ich werde selbstverständlich aktiv mithelfen festzustellen, inwiefern darin ein wissenschaftliches, und ich betone: ein wissenschaftliches, Fehlverhalten liegen könnte.«

Falsch. Es handelt sich nicht nur um wissenschaftliches, sondern um moralisches und möglicherweise auch strafrechtlich relevantes Fehlverhalten. Denn hier kann man möglicherweise auch von arglistiger Täuschung oder gar Betrug sprechen – nämlich gegenüber der Universität. Ferner wurde das Urheberrecht rücksichtslos mit Füssen getreten.

»Und ich werde gerne bis zum Ergebnis dieser Prüfung vorübergehend, ich betone vorübergehend, auf das Führen des Titels verzichten, allerdings nur bis dahin, anschließend würde ich ihn wieder führen.«

Das wäre nun wirklich der eigentliche Skandal.

 

 

Informationspolitik nach Gutsherrenart

 

»Ich werde mir keine anderen Maßstäbe anlegen, als ich sie bei anderen angesetzt hätte. Jede weitere Kommunikation über das Thema werde ich von nun an ausschließlich mit der Universität Bayreuth führen.«

Informationspolitik nach Gutsherrenart. Und was ist mit dem Informationsanspruch der Öffentlichkeit und dem Auskunftsrecht der Presse? Wie bereits an anderer Stelle ausgeführt, hat die Öffentlichkeit gegenüber den Behörden ein Recht auf Auskunft – will Guttenberg das auch gleich noch mit Füßen treten? Auch für die beklauten Urheber hat der Gutsherr demnach wohl keine weiteren Worte übrig.

»Die Menschen in diesem Land erwarten, dass ich mich um das fordernde Amt des Verteidigungsministers mit voller Kraft kümmere, und das kann ich auch. Wir stehen vor einer historischen Bundeswehrreform.«

Schon möglich. Vor allem aber erwarten die Menschen in diesem Land, dass sie nicht von Betrügern regiert werden.

»Und ich trage die Verantwortung für die Soldaten im Einsatz, wie ein Ereignis an dem heutigen Tag einmal mehr auf bittere Weise zeigt.«

 

Geheimmission in Afghanistan

Ja, ein seltsamer Zufall: Kaum fliegen am Mittwoch, dem 16. Februar, Guttis Plagiate auf, fliegt auch der Minister – leider nur nach Afghanistan. Und kaum fliegt zu Guttenberg da am 17. Februar wieder ab, gibt es am nächsten Tag just am selben Ort eine Schiesserei mit drei Toten, welche die Plagiatsaffäre aus den Schlagzeilen drängt.

»Nur wenige Stunden vor der Reise« am Mittwoch »waren Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg bekannt geworden«, heisst es bei Focus Online und anderen Quellen. Was kann einen Minister veranlassen, eben mal für eine Nacht nach Afghanistan zu fliegen, wenn es doch an der Heimatfront brennt? Was war der Grund für diesen »Überraschungsbesuch« (tagesschau.de) in Afghanistan? Wirklich nur, dass er sich dort »nicht pausenlos den Fragen zu seiner Schummelaffäre stellen« musste, wie die Frankfurter Neue Presse schreibt?

Interessanterweise handelte es sich um eine Geheimmission: Anders als sonst war Guttenberg praktisch allein unterwegs. Reist der Freiherr sonst gerne gleich mit Frau, Talkmaster und Journalistentross ins Kampfgebiet, bestand der Tross des Ministers »diesmal nur aus seinem Adjutanten, Sicherheitsleuten und dem Herausgeber einer großen Tageszeitung«, so die Frankfurter Neue Presse. »Das genaue Besuchsprogramm«, wurde laut Focus Online »zunächst nicht bekannt gegeben«. Interviews musste der Minister, der sich sonst so gerne vor den Medien spreizt, demnach auch »nicht geben«. Auch von unabhängigen Fotografen wurde er demzufolge nicht belästigt, denn »Bilder gab es nur von der Bundeswehr«.

 

 

Was passierte wirklich in »OP North«?

 

Eine Frage: Hat der Minister etwas zu verbergen?

 

»In einer Nacht-und Nebel-Aktion« sei zu Guttenberg am Mittwoch »mit einem Hubschrauber direkt zum Außenposten ›OP North‹ in der Unruheprovinz Baghlan« geflogen, weiß die Frankfurter Neue Presse. Von Mittwoch auf Donnerstag nächtigte zu Guttenberg also ausgerechnet in jenem Lager, wo am Freitag aus heiterem Himmel drei Bundeswehrsoldaten bei einer Schießerei tödlich verletzt wurden – wobei auch der Attentäter ums Leben kam. Schon am Samstag tat das seine Wirkung und verdrängte Guttenbergs Plagiatsaffäre aus den Schlagzeilen.

 

Was ist da wohl wirklich passiert? Und warum? Die Wahrheit steht vielleicht demnächst in dem einen oder anderen Soldatenbrief von der Front. Ob der auch ankommt, ist freilich wieder eine andere Frage, denn unter Guttenberg wird die Feldpost bekanntlich geöffnet. Im Januar 2011 kam heraus, dass Feldpost von Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan systematisch durchsucht worden war. Und welcher Bundeswehrstandort war von der Zensur betroffen? Die geöffnete Feldpost kam laut dem Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus »ausschließlich von Soldaten, die auf dem Vorposten ›OP North‹ südlich von Kunduz eingesetzt waren« (SPIEGEL ONLINE). Von der Postzensur war also ausgerechnet jenes Lager betroffen, in dem Guttenberg nun überraschend zu Besuch war, woraufhin es dort überraschend zu einer Schiesserei kam. Die Frage ist: Was ging schon damals in dem Lager so Brisantes vor, wovon die Heimat auf keinen Fall etwas erfahren darf?

 

 

Aktueller Titel von Gerhard Wisnewski

 

 


 

 

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