Thursday, 30. June 2016
02.05.2012
 
 

Eine Reise in den Iran: KOPP-Autor Wisnewski traf Mahmud Ahmadinedschad (Teil 1)

Gerhard Wisnewski

Ganz Deutschland hat Angst vor dem Iran und seinem »irren« Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad! Ganz Deutschland? Nein: Ein mutiges Häuflein unerschrockener  Journalisten, Fotografen und Intellektueller machte sich auf, um zehn Tage lang den Iran zu bereisen und sich selbst ein Bild vom neuen »Reich des Bösen« zu machen. Auf der anderen Seite nahm auch Präsident Ahmadinedschad seinen ganzen Mut zusammen, um in das Weiße im Auge des Westlers zu blicken. KOPP-Autor Gerhard Wisnewski war dabei. Hier sein erster Bericht.

Gleich kommt er, der »Irre von Teheran« (Bild). Ob er wohl Hörner hat wie der Teufel? Oder einen Klumpfuß wie Joseph Goebbels? Oder vielleicht Hufe und einen Schwanz? Wahrscheinlich alles zusammen. Denn schließlich erinnert das Bild, das die Medien von Ahmadinedschad zeichnen, an alte Teufelsdarstellungen aus dem Mittelalter. Gerade, als ich überlege, wie er wohl in natura aussieht, wird das Licht in dem stuckverzierten Saal heller gedreht. Auf den Schwefelgestank, den der venezolanische Präsident Hugo Chávez nach einer Rede von George W. Bush in der UNO wahrgenommen haben will, warte ich jedoch vergebens. Und wenn das die Hölle sein sollte, dann ist es dafür auch eindeutig zu kühl.  Aus dem hinteren linken Eck des Saals bläst mir eine

mächtige Klimaanlage ins Gesicht. Wir, 16 Journalisten, Filmemacher, Fotografen und Intellektuelle aus Deutschland, haben links und rechts auf je einer Reihe Barockstühle Platz genommen. Der einzelne Stuhl ganz vorne ist für den Präsidenten reserviert. Auf einer Seite des Raums bauen sich Kamerateams und Fotografen auf. Der Seiteneingang, durch den wir hereingekommen sind, wird geschlossen. Alles starrt jetzt auf die großen Flügeltüren am unteren Ende des Raums.

 

Entspannt und freundlich

Und plötzlich gehen sie auf. Herein kommt ein relativ kleiner, in dunklen Zwirn gekleideter Mann mit schwarzen Haaren, Dreitagebart und – wie in der muslimischen Welt üblich – mit offenem Hemdkragen und ohne Krawatte. Denn dieses Zeichen der Anpassung an die aalglatte westliche Politikwelt gilt hier als verpönt. In etwa so wie eine Hundeleine. Während er freundlich, ja herzlich, lächelt, schüttelt er jedem die Hand. Wie ebenfalls unter Muslimen üblich, spart er die Frauen dabei aus. Stattdessen hebt er seine Hände in einer Art Gebetsstellung, verneigt sich leicht und lächelt dabei freundlich. Für einen Teufel wirkt Ahmadinedschad ziemlich klar und entspannt. Der Mann scheint in sich zu ruhen und mit sich und der Welt im Reinen zu sein.

 

Erst kommt die Bild-Zeitung, dann kommt die NATO

Moment: Den Präsidenten des Iran besuchen – darf man das überhaupt? Nein – man muss es sogar. Denn in Zeiten der Kriegshetze und Propaganda kommt es gerade darauf an, künstlich geschaffene Kluften zu überwinden, um Spannungen abzubauen. Wer das Bild des Iran und seines Präsidenten den etablierten Medien überlässt, steht einem bevorstehenden Massenmord gleichgültig gegenüber. Denn erst kommt die Bild-Zeitung,  dann kommt die NATO. Das war schon bei Gaddafi so, wo eine NATO-Allianz Hunderttausende von Menschen tötete und ein entwickeltes Land dem Wüstenboden gleich machte. Erst, wenn ein Mensch oder ein Land außerhalb der globalen Gesellschaft gestellt wurde, können die militärischen Kommandos anrücken. Denn der Rufmord geht dem Mord voraus.

 

Rede statt Stichflamme

Nachdem er sich gesetzt hat, öffnet Ahmadinedschad den Mund. Heraus kommt allerdings keine Stichflamme, sondern eine Rede. Der Präsident des 72-Millionen-Volks spricht frei und ohne Manuskript. Da er Muslim und der Iran ein Gottesstaat ist, handelt es sich gleichzeitig um eine philosophische, theologische und politische Rede. Aus Sicht des Iran lässt sich das nicht voneinander trennen. Der Stil der Ansprache ist ebenfalls einfach und klar. In einer knappen Stunde breitet Ahmadinedschad sein Weltbild aus. Wer schuld sei an der gegenwärtigen Finanzkrise, fragt er. Der kleine Mann? Der kleine Arbeiter? Oder vielleicht der kleine Bauer? Natürlich nicht. Sondern Schuld haben aus seiner Sicht das Finanzsystem und die globalen Kapitalisten. Die Unterdrücker seien die führenden Figuren des internationalen Finanzsystems, die sich an der Spaltung und gegenseitigen Aufhetzung von Nationen bereichern. Die gegenwärtige globale Finanzkrise hätten sie selbst verursacht und wollten das von ihnen verprasste Geld nun den kleinen Leuten aus der Tasche ziehen. Deshalb gebe es Überschuldung, Sparmaßnahmen sowie Armut und Hass zwischen den Menschen.

 

Künstliche Barrieren im Dienste des Kapitals

»Stellen Sie sich eine Welt vor, in der alle eine Sprache beherrschen und in der es keine Hautfarbe und andere Unterschiede gibt«, sagt er. Wenn man alle Unterschiede abziehe, »was bleibt dann übrig?« Antwort: Der reine oder wahre Mensch. Denn alle diese Merkmale übertünchten nur den reinen Menschen. Viele dieser Barrieren und Aversionen wurden in seinen Augen von den globalen Finanzkapitalisten geschaffen. Mit Hilfe eines grausamen Systems hätten beispielsweise die USA ihr Defizit auf Kosten anderer Nationen aufgeblasen. Seit 1973 hätten sie der Weltwirtschaft jährlich Milliarden Dollar an Schulden aufgebürdet, und aufgrund dieser Situation lebten heute drei Milliarden Menschen auf der Erde in Armut. Würden Jesus, Mohammed und all die anderen Propheten das gut heißen? Natürlich nicht. Sondern sie seien erwählt worden, um den wirklichen Weg zu wahrer Menschlichkeit aufzuzeigen. Doch persönliche Begierden, das Streben nach mehr und immer mehr sowie der Glaube an die eigene Überlegenheit gegenüber anderen seien die Ursachen für die Probleme von heute. Wenn es dagegen nichts mehr gebe, was die Menschen noch voneinander trennen und zu einem Krieg motivieren könnte, spiegele sich Gott in den Menschen. Ahmadinedschad sieht nur einen Weg zu diesem Ziel, nämlich Liebe und Gerechtigkeit.

 

Weltfremde Worte?

Aus der Sicht des Westlers erscheinen diese Worte als naiv und »nicht von dieser Welt«. So ähnlich wie das Wort zum Sonntag oder die üblichen Papstreden zu Weihnachten und Ostern, die wie ein heuchlerisches Grundrauschen über dem ganzen Chaos liegen, das der Erdball darstellt. Was aus der Sicht des Westlers weltfremd und utopisch klingt – ohne jeden Bezug zur Realität –, meint ein Muslim wie Ahmadinedschad jedoch ganz praktisch und ernst. Er glaubt wirklich daran, dass die Welt nur besser werden kann, wenn die Menschen zu ihrem inneren Kern zurückkommen, der übrig bleibt, wenn man alles Trennende abzieht.

 

Schön – aber was ist mit der iranischen Atombombe? Darauf kommt Ahmadinedschad an diesem Tag nicht zu sprechen. Im Iran ist diese Frage nämlich längst geklärt. Spätestens seit 2005 ist der Bau von Atombomben durch ein Rechtsgutachten (»Fatwa«) des Staatsoberhauptes Ali Chamene‘i offiziell verboten. Seitdem wurde das Verbot durch andere Geistliche weiter festgeklopft: »Der Bau und der Einsatz von Atomwaffen und Massenvernichtungswaffen sind aus vernunftmäßigen und religionsgesetzlichen Gründen (aqlan wa shar’an) verboten«, erklärte 2009 auch Großajatollah Hossein Ali Montazeri.  »Als Grund für das Verbot nennt er die verheerende Wirkung der Waffen und das generelle Tötungsverbot des Islams«, schrieb dazu faz.net. »Montazeri nimmt zudem die Muslime in die Pflicht, sich nicht nur für die Abschaffung von Atomwaffen einzusetzen, sondern für das weltweite Verbot aller Waffen«. Genau das ist heute offizielle Politik des Iran. Im schiitischen Islam »sind Fatwas rechtsverbindlich; man muss ihnen Folge leisten«, erklärt die Islamwissenschaftlerin Dr. Christine Schirrmacher. Den Iran zum Verzicht auf Atomwaffen aufzufordern ist daher so ähnlich, als würde die »internationale Gemeinschaft« Deutschland zur Abschaffung der Todesstrafe drängen und darauf bestehen, wieder und wieder jedes Gefängnis zu durchkämmen, ob nicht doch irgendwo eine Hinrichtung stattgefunden hat.

Nach etwa 70 Minuten ist der Besuch bei Ahmadinedschad beendet. Der Präsident verschwindet ebenso schnell durch die großen Flügeltüren, wie er gekommen ist. Wir schauen uns an und stellen fest: Ein »Irrer« sieht wohl anders aus.

 

 


 

 

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