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Allein der Verdacht ist bereits tödlich, erst recht, wenn er gut begründet ist: Der Verteidigungsminister zu Guttenberg könnte sich seinen Doktortitel mithilfe von zahlreichen Plagiaten praktisch erschwindelt haben. Angesichts der Beweislage ist zwar ein umgehender Rücktritt bzw. Rausschmiss fällig – aber siehe da: zahlreiche Kollegen üben sich in auffälliger Milde. »Jedem passiert vielleicht auch mal ein Fehler«, meldete sich Dr. jur. Wolfgang Schäuble zu Wort. Er selbst habe die Arbeit einmal gelesen, sagte Schäuble laut Focus Online. »Vieles halte er für eine typische Übertreibung der Medien.«
Der Bundeskanzlerin Dr. rer. nat. Angela Merkel reichte erstmal eine »Erklärung«: »Merkel habe einige Erklärungen von dem Minister verlangt«, hieß es auf Spiegel Online. »Offenbar empfand sie diese als zufriedenstellend. Denn am Freitag bekundete sie trotz der Affäre um seine Doktorarbeit ›volles Vertrauen‹ in ihren Verteidigungsminister.« Das Problem ist nur: Für offenbar systematische Plagiate in einer Doktorarbeit kann es keine »zufriedenstellenden« Erklärungen geben.
»Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein«
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»Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein«, äußerte sich gar Dr. jur. Edmund Stoiber. »Viele erfolgreiche Politiker in Deutschland«, fährt Stoiber fort, »…mussten schon schwierige Situationen bestehen.« Ach so – wir dachten schon, viele erfolgreiche Politiker in Deutschland hätten ihre Doktorarbeiten getürkt.
Die Wahrheit ist: In Berlin herrscht bereits das große Fracksausen. Laut t-online.de zeigte sich der FDP-Parlamentsgeschäftsführer Jörg van Essen »besorgt, dass nun eine Hetzjagd auf promovierte Politiker beginnen könnte«. Momentan sei »das große Jagdfieber ausgebrochen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis gegen andere promovierte Politiker Plagiatsvorwürfe erhoben werden«, sagte Essen laut t-online.de der Neuen Osnabrücker Zeitung. Es dürfe nicht dazu kommen, dass »alle Politiker mit Doktortitel unter einen Generalverdacht gestellt werden«, warnte der FDP-Abgeordnete.
Nein, aber es muss dazu kommen, dass sämtliche Doktorarbeiten nach Plagiaten durchforstet werden – besonders die von Politikern.
Ein Fall für den »Promotionsberater«
Denn schließlich gibt es da das Business der sogenannten »Promotionsberater«. Wozu man einen Promotionsberater braucht, fragen Sie? Reichen denn nicht der Doktorand und der Doktorvater? Im Prinzip ja, sagt Radio Eriwan. Allerdings hat diese Zweierkonstellation den Nachteil, dass man dann die Arbeit selbst schreiben muss.
Leichter geht es mit einem »Promotionsberater«. Im schlechtesten Fall (oder im besten Fall, je nach Perspektive) sieht dessen Arbeit so aus: Der Promotionsberater
- sucht eine Uni mit möglichst laxer Promotionsordnung und einen willigen Doktorvater;
- sucht einen Ghostwriter, der die Arbeit schreiben kann. Große Promotionsberater-Unternehmen halten einen Stab von freien Mitarbeitern bereit;
- koordiniert und bezahlt Ghostwriter und Doktorvater, damit Letzterer den Doktoranden durchwinkt.
Und alle sind zufrieden. Der Politiker kriegt seinen Doktor, Ghostwriter, Professor und Promotionsberatung eine Stange Geld. Für einen Doktortitel können so schon zwischen 20.000 und 50.000 Euro zusammenkommen.
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| Aktueller Titel von Gerhard Wisnewsk |
Professor verdiente 150.000 Euro
Laut einem Urteil vom Juli 2008 hatte ein Promotionsberater einem Rechtsprofessor der Uni Hannover »jedes Mal 4.100 Euro bezahlt, wenn der einen Kunden des Beratungsinstituts zum Doktor machte«, hieß es auf Spiegel Online. »Die eine Hälfte gab es für die Annahme des Kandidaten, die andere nach erfolgreicher Promotion, in der Regel auf das Konto eines Strohmanns oder einer Strohfrau aus der Verwandtschaft des Empfängers.« Auf diese Weise landeten im Laufe der Zeit schlappe 150.000 Euro bei dem Professor.
Gezahlt werden konnte demzufolge aber auch in Naturalien. »Studenten hatten kundgetan, dass sie bei dem Mann keine Prüfung ablegen wollten, weil der Professor Kommilitoninnen gute Noten gegen Sex gegeben haben soll«, so das Karrierenetzwerk e-fellows.net. Ende Februar 2008 verurteilte das Landgericht Hildesheim eine frühere Jura-Studentin zu einer Strafe von 1.800 Euro: »Die junge Frau hatte zugegeben, rund fünf Jahre eine sexuelle Beziehung zu dem 53-Jährigen gehabt zu haben. Nach Ansicht der Richter hatte sie Vorteile aufgrund ihrer engen persönlichen Beziehung zu dem Professor erlangt: Neben guten Noten brachte ihr das Liebesverhältnis auch einen Job am Lehrstuhl.« (Focus Online, 02.04.2008)
Die Doktor-Industrie
Die Promotionsberatung ist eine eigene Industrie: 2009 ermittelte die Staatsanwaltschaft Köln wegen Bestechlichkeit gegen rund 100 Professoren aus dem ganzen Bundesgebiet: »Nach den bisherigen Ermittlungen sollen die Professoren für die Annahme der Kandidaten und einen erfolgreichen Promotionsabschlusses jeweils zwischen 2.000 und 5.000 Euro erhalten haben«, so nw-news.de am 22. August 2009. Das Wort »Honorarprofessor« bekommt so einen ganz anderen Beigeschmack.
Ob das im Fall Guttenberg auch so lief, wissen wir noch nicht. Der Verdacht liegt allerdings nahe:
- Die Orgie von Plagiaten in Guttenbergs Arbeit spricht für eine gewisse Ferne zum Doktoranden, also für jemanden, der die Dissertation ohne Rücksicht auf den »Kunden« regelrecht »kompiliert« hat. Würde sich ein Politiker auf diese Weise wirklich selbst ein Grab schaufeln?
- Dass sogar der erste Satz in der Einleitung abgeschrieben wurde, spricht ebenfalls für eine große Ferne zum Doktoranden. Erstens ist das Entdeckungsrisiko enorm, zweitens sollte der Autor hier ja Fragestellung und Anliegen seiner Arbeit darlegen – wenigstens die Einleitung sollte er also schon selbst schreiben.
Aufgrund der Vielzahl der Fälle führt kein Weg daran vorbei, sämtliche Doktorarbeiten auf den Prüfstand zu stellen, insbesondere die unserer Eliten, vor allem der politischen. Das Internet hat dafür ein wirksames Werkzeug (http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki) entwickelt.
Lesen Sie demnächst: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. – Guttis Doktorvater
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