Friday, 26. August 2016
25.08.2010
 
 

Kirsten Heisig: Die Halbgöttin in Schwarz (Teil 8)

Gerhard Wisnewski

Es gibt keinen Abschiedsbrief der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig? In gewisser Weise doch. Zwar war dieser »Brief« nie als Abschiedsbrief gedacht, aber nach Lage der Dinge handelt es sich dabei um das schriftliche Vermächtnis der auf mysteriöse Weise verstorbenen Jugendrichterin. Die Rede ist von ihrem Buch Das Ende der Geduld – Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter. Das Werk gibt Antworten auf viele Fragen – dummerweise auf solche, die von der Politik nie gestellt wurden. Nicht zuletzt aber auch auf die Frage, ob sich Heisig wirklich umgebracht hat. Gerhard Wisnewski hat das Buch gelesen.

Man kennt Richter als strenge, kalte Sachwalter des Gesetzes, die unerbittlich ihre Urteile sprechen. Den Angeklagten erscheinen sie als Halbgötter in Schwarz, die schnell und mit chirurgischer Präzision ein Urteil verkünden und dann wieder hinter den Türen des Sitzungszimmers verschwinden. Der Richter als Black Box. Richter erscheinen als unnahbare und aseptische Respektspersonen, die über den Dingen stehen und sich die Finger nicht schmutzig machen. Bei Kirsten Heisig war gar die Rede von »Mrs Tough« oder »Richterin Gnadenlos«, weil sie sich darum bemühte, jugendliche Gewalttäter möglichst schnell und – wenn es sein musste – auch hart zu bestrafen.

 

Die Apokalypse hinter den Sonntagsreden

Umso unvorbereiteter trifft einen das Richterbild, das einem aus dem Buch von Kirsten Heisig entgegenblickt. Danach sind Richter oft genug die Putzkolonne der Gesellschaft. Sie schuften tagein, tagaus in den Katakomben der Gesellschaft, wobei ihnen die Probleme über dem Kopf zusammenschlagen. Während oben glitzernde Maschinen laufen und die Gesellschaft normal zu funktionieren scheint, tropft unten der zähe, schwarze Bodensatz in die Auffangschalen der Justiz. Ein Bodensatz aus Verwahrlosung, Kriminalität, Drogen- und Alkoholkonsum und Prostitution, kurz: die Apokalypse hinter den Sonntagsreden der offiziell gepflegten Ideologien.

Statt jedoch den Bankrott zu erklären, fährt die Politik lieber weiter mit platten Reifen über Schotterstraßen, bis das Fahrwerk zusammenbricht. Jedes Anhalten und jeder Kurswechsel wären ja eine Niederlage. Während ohne Rücksicht auf Verluste Ideologien gepflegt werden, sammeln sich genau diese Verluste in den Auffangschalen der Justiz. Hier beginnt der letzte Kampf um die Menschlichkeit, hier werden den sozialen Herzen der Menschen die letzten Stromstöße und Intensivtherapien verpasst in der Hoffnung, dass sie wieder zu schlagen beginnen.

So stellt sich das jedenfalls in Heisigs Buch dar, und was sie angeht, kann man ihr das auch abnehmen.

Doch meistens erscheint auf dem Bildschirm nur eine durchgezogene Linie: sozialer Exitus. Dementsprechend drastisch geht es zu: Man blickt in die geöffneten Lebensläufe von zu früh gescheiterten Jugendlichen. Man schaut in die kaum noch schlagenden offenen Herzen von todkranken Familien. Man blickt auf Biografien, die beendet sind, bevor sie überhaupt begonnen haben.

 

Selbstmord – absurd und verständlich zugleich

Liest man in Heisigs Buch, wird ihr angeblicher Selbstmord absurd und verständlich zugleich – zunächst.

Verständlich, weil das (in ihrem Buch ohnehin gefilterte) Elend kaum zu ertragen ist und der Kampf hoffnungslos zu sein scheint. Tausende Kinder und Jugendliche verwahrlosen und sozial – aber manchmal auch physisch – sterben zu sehen, ist nun mal nicht jedermanns Sache und schlägt aufs Gemüt.

Absurd, weil Kirsten Heisig bei einem Selbstmord nicht nur ihre Töchter allein gelassen hätte, sondern auch die riesige Problemfamilie der jugendlichen Delinquenten, die sie betreute. Zum Teil hatte sie ihre »Kunden« jahrelang auf dem Monitor, nicht nur, weil sie immer wieder vor dem Richtertisch standen, sondern auch in Gestalt von Berichten von Bewährungshelfern und Sozialdiensten. Viele waren alte Bekannte und auch Sorgenkinder. Viele sah sie nicht nur bei einer Gerichtsverhandlung, sondern begleitete sie jahrelang durch ihre kriminelle Karriere mit Sozialdiensten, Bewährungen, Bewährungswiderrufen und besuchte sie sogar im Knast.

Kirsten Heisigs eigentlicher Fehler bestand wohl darin, dass sie eben nicht nur klaglos den Bodensatz aufkehren wollte, der aus dem immer mehr stotternden sozialen und ideologischen Motor der Gesellschaft nach unten tropfte. Sie verstand sich nicht als bloße Putzfrau, sondern reckte den Kopf aus dem Schlamassel und schrie so laut, dass man es auf den Fahrersitzen der Gesellschaft hören konnte. Die Botschaft lautete: »Es reicht – ihr müsst den Kurs wechseln!«

Tatsächlich ist das Buch eine einzige implizite Anklage gegen die offizielle Sozialpolitik, die sämtliche Unterschiede zwischen Nationalitäten und Ethnien, aber auch zwischen den Geschlechtern leugnet und der Meinung ist, je mehr man alles zusammenrührt, umso besser – bis zur totalen Verwahrlosung der Gesellschaft: »Von den polizeilich erfassten jugendlichen und heranwachsenden Intensivtätern haben inzwischen 71 Prozent einen Migrationshintergrund. In Neukölln sind es sogar mehr als 90 Prozent.«

 

Verpfuschte Biografien verpfuschen Biografien

Das Verhältnis zwischen Täter und Opfer reduziert sich auf den Satz: Verpfuschte Biografien verpfuschen Biografien. Denn ungebremste Migration schadet nicht nur dem »Gastland«, sondern entwurzelt, entfremdet und entsozialisiert auch die Migranten. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik gebe es eine positive Korrelation zwischen der Schwere der Straftaten und dem Anteil der Einwanderer in einem Bezirk. Nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft liege der Anteil der Intensivtäter mit Migrationshintergrund bei 80 Prozent.

Und auch der Anteil der Mädchen an der Jugendkriminalität steigt. »Kriminalität ist nach wie vor überwiegend männlich«, schreibt Heisig, »obwohl die junger Frauen in den letzten Jahren zunimmt. Begingen sie früher überwiegend Diebstähle, sind sie mittlerweile insbesondere im Bereich der Körperverletzung stärker vertreten.« Speziell das Herausreißen großer Ohrringe (sogenannte Kreolen) aus den Ohrläppchen sei »eine blutige und häufig angewandte Methode«. Herzlichen Glückwunsch, »Emanzipation«!

Es ist geradezu rührend, wie politisch gutgläubig, ja fast naiv Heisig ihre Verbesserungsvorschläge vorträgt. Nach dem Motto: Könnte nicht dieses oder jenes helfen? Warum macht man nicht dies oder das? Könnte man es nicht auch so oder so machen? So, als glaubte sie wirklich, dass irgendjemand auf der Brücke die Titanic an dem Eisberg vorbeilenken will.

 

Es roch nach Meuterei

Da das aber niemand will, stört das Geschrei aus dem Maschinenraum nur. Die Politik ist nicht an Berichten aus dem Kesselraum interessiert. Schlimmer noch: Es riecht nach Meuterei. »Wir müssen uns gemeinsam Gedanken machen, wie es in dieser Gesellschaft weitergehen soll«, ruft Heisig zur Brücke hinauf. »Und wir müssen handeln. Jetzt.«

Das fehlte noch. Denn zu dem offiziellen Kurs des Laisser-faire sind Alternativen nicht gefragt. Das Schiff soll Kurs halten, bis die Gesellschaft auf Grund läuft oder den Eisberg rammt. Und da kann man Störer nicht gebrauchen.

Und nun? Hat sie oder hat sie nicht ... Selbstmord begangen?

Antwort: Kirsten Heisigs Buch ist ihre aktuellste und letzte öffentliche schriftliche Äußerung. Noch am Tag ihres Verschwindens konnte sie auf den Inhalt einwirken, indem sie letzte Korrekturen beim Verlag ablieferte. In ihrem Buch gibt Kirsten Heisig auf die Frage nach dem angeblichen Selbstmord eine eindeutige Antwort, und zwar in ihrem Nachwort, das sie ausdrücklich mit »Etwas Persönliches« überschreibt. Es sei notwendig, »eine ehrliche Debatte jenseits von Ideologien zu führen«, schreibt sie da. »Sie wird kontrovers, wahrscheinlich auch schmerzhaft sein. Deutschland wird sie aushalten – und mich auch.«

Ein tragischer Irrtum.

 

 

 

Aktueller Titel von Gerhard Wisnewski: Kirsten Heisig: Geheimsache Selbstmord


 


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