Wednesday, 25. May 2016
12.05.2011
 
 

Koch-Mehrin: Politisches Ende der Vorzeigefrau

Gerhard Wisnewski

Was musste ich mir nicht alles anhören, nachdem ich die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin in meinem aktuellen Jahrbuch 2011 kritisiert hatte. Dort war mir nämlich aufgefallen, wie wenig Ahnung Koch-Mehrin offenbar von Geld und Staatsverschuldung hatte, obwohl sie ihre Doktorarbeit über das Thema Währungen geschrieben hatte. Nun wissen wir vielleicht auch, warum sich Koch-Mehrin so ahnungslos zeigte: Berichten zufolge hat sie große Teile ihrer Doktorarbeit abgeschrieben. Nun ist sie von ihren politischen Ämtern zurückgetreten.

»Mit sofortiger Wirkung lege ich mein Amt als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament nieder. Infolgedessen bin ich auch ab sofort nicht mehr Mitglied des Präsidiums der FDP. Ich hoffe, dadurch meiner Partei den Neuanfang mit einem neuen Führungsteam zu erleichtern.« So beginnt die kurze und knappe Erklärung des Shootingstars der FDP, Silvana Koch-Mehrin, vom 11. Mai 2011, die damit auch von ihrem Amt als Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments zurücktrat.

Nach der Doktorarbeit von CSU-Mann Karl-Theodor zu Guttenberg hatten die Internetrechercheure auch andere Dissertationen unter die Lupe genommen, darunter auch die der Stoiber-Tochter Veronica Saß und der FDP-Frau Koch-Mehrin. Und siehe da: In beiden wurden sie fündig. Am 11. Mai 2011, demselben Tag, an dem die Uni Bayreuth ihren Bericht über die zusammengeklaute Doktorarbeit zu Guttenbergs herausbrachte, verlor auch Veronika Saß ihren Doktortitel. Koch-Mehrin könnte das daher als strategisches Datum betrachtet haben, die Flucht nach vorn anzutreten: Ein Tag, an dem zwei andere prominente Plagiatoren die Schlagzeilen beherrschen würden, mag als idealer Zeitpunkt erschienen sein, selber hurtig die Segel zu streichen. Gemäß den Recherchen der Plagiatsforscher kupferte die smarte Blonde auf nicht weniger als 56 Seiten ihrer Doktorarbeit aus 15 verschiedenen Quellen ab, ohne die Stellen hinreichend als Zitat zu kennzeichnen.

 

Plagiate keine Überraschung

Für Kenner von Koch-Mehrin waren die entdeckten Plagiate allerdings keine große Überraschung. Blenden wir zurück: Man schrieb den 5. Mai 2010, da neigte sich die ARD-Talkshow Hart aber fair ihrem Ende zu. Thema: »Hurra, wir retten den Euro«. Wie immer stellte Plasberg am Ende der Sendung der Runde noch  eine Abschlussfrage. Diesmal lautete sie: Um wie viel ist die deutsche Staatsverschuldung (1,6 Billionen Euro) im Laufe der 75-minütigen Sendung wohl gestiegen? Bei einer Staatsverschuldung von 1,6 Billionen Euro sind 75 Minuten, in denen beispielsweise Zinsen anfallen, natürlich eine lange Zeit. Doch Koch-Mehrin schätzte, dass die Verschuldung des gesamten deutschen Staates in einer Stunde und 15 Minuten um lediglich 6.000 Euro zugenommen habe.

 

 

Von Finanzen keine Ahnung?

Damit bewies die kesse Blonde, dass sie nicht die leiseste Ahnung von den Größenordnungen staatlicher Haushalte und Verschuldungen hatte. In Wirklichkeit stiegen die deutschen Staatsschulden während der Talkshow um 20 Millionen Euro – Koch-Mehrin hatte sich etwa um den

Aktueller Titel von Gerhard Wisnewski

Faktor 3.000 verschätzt. Und das, obwohl die FDP-Frau ihre Doktorarbeit ausgerechnet über Währungen geschrieben hatte. Thema der Dissertation: »Historische  Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik. Die Lateinische Münzunion 1865–1927«. Überdies, so schrieb ich in meinem Jahrbuch 2011, sei Koch-Mehrin Vize-Präsidentin des Europäischen Parlaments, und »als solche sollte sie schon eine Ahnung von den wichtigsten Kennziffern der Mitgliedsstaaten haben. Gleichwohl scheint ihre finanzpolitische Ahnung begrenzt zu sein.«

Das hätte ich wohl besser nicht getan. Bei amazon.de hagelte es gleich miese Bewertungen. Das Urteil stand schnell fest: Buch und Autor seien »frauenfeindlich«. Nun stellt sich allerdings heraus, dass ich wohl den richtigen Riecher hatte. Koch-Mehrins Doktorarbeit ist wohl nicht ausschließlich auf ihrem eigenen Mist gewachsen, ihr finanzpolitischer Sachverstand scheint nur vorgetäuscht.

Aber immerhin ist Koch-Mehrin noch beim Thema Geld geblieben. Denn in einem Fernsehinterview verirrte sich die französische Ex-Justizministerin Rachida Dati sogar in eine völlig andere »Disziplin«, als sie »Inflation« glatt mit »Fellatio« verwechselte: »Wenn ich sehe, wie einige auf Gewinne von 20 bis 25 Prozent aus sind – in einer Zeit, in der es fast keine Fellatio gibt …«, sagte Dati. Gemeint war natürlich: »... in einer Zeit, in der es fast keine Inflation gibt.« Na ja, kann doch mal vorkommen. Schließlich hat ja beides etwas mit »Blasen« zu tun ...

 

 


 

 

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