Friday, 30. September 2016
01.11.2010
 
 

Mord in Genf: Absurde »Vergasungsaktion«

Gerhard Wisnewski

Ein Medium hat der Witwe von Uwe Barschel gesteckt, wie ihr Mann 1987 im Hotel »Beau Rivage« in Genf ermordet wurde? Das konnte man am Sonntagabend, 31. Oktober 2010, in RTL mitverfolgen. Demnach ist der Politiker mit einem Giftgas vergiftet worden. Anstelle von Geistern kann man auch Menschen aus Fleisch und Blut befragen, wie der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident ums Leben kam. Und zwar den ehemaligen Mossad Agenten Victor Ostrovsky. Der hat alles schon 1994 en detail in seinem Buch Geheimakte Mossad aufgeschrieben...

Man schreibt den 11. Oktober 1987. Laut offizieller Geschichtsschreibung betreten am Vormittag zwei Stern-Reporter das Zimmer 317 im Genfer Nobelhotel »Beau Rivage«. Als sie ins Badezimmer kommen, trifft sie der Schlag: In der Wanne liegt angezogen der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel. Den Kopf seitlich an den Wannenrand gelehnt, wirkt er wie ein Schlafender. Doch in Wirklichkeit ist er tot.

 

Diagnose? Genau wie bei Heisig, Möllemann und anderen natürlich: Selbstmord. Monatelang war Barschel zuvor von Medien (insbesondere dem Spiegel) und politischen Gegnern an den Pranger gestellt worden, weil er angeblich den schleswig-holsteinischen Oppositionsführer Björn Engholm (SPD) bespitzeln ließ. Sein Ehrenwort, nichts mit den Machenschaften gegen Engholm zu tun zu haben, wurde umgehend als Lüge hingestellt. Barschel war weder menschlich noch politisch zu retten.

 

Nach umfangreichen Untersuchungen kamen die Staatsanwälte zu dem Schluss, dass kein »Fremdverschulden« am Dahinscheiden des Ministerpräsidenten vorliege. Vielmehr habe sich Barschel im Hotel »Beau Rivage« mit einer Überdosis Psychopharmaka und Schlaftabletten selbst vom Leben zum Tode befördert.

 

An dieser Meinung änderte sich auch nichts, nachdem man das Gegenteil längst aus berufenem Munde bzw. aus berufener Feder nachlesen konnte – nämlich in dem Buch Geheimakte Mossad des ehemaligen Mossad-Agenten Victor Ostrovsky (München 1994, S. 290 bis 299). Da beschrieb der Autor haarklein, wie die »Operation« abgelaufen war. Hintergrund der Intrige und schließlich der Ermordung war Barschels Weigerung, einen illegalen Waffendeal des Mossad zu ermöglichen. Und nun drohte auch noch Barschels Aussage vor einem Untersuchungsausschuss. Ostrovsky: »Barschel mußte gestoppt werden, bevor er als Zeuge aussagen konnte.«

 

Anruf vom Mossad

 

Also entschloss man sich laut Ostrovsky, Barschel aus seinem Urlaubsort mit dem Versprechen nach Genf zu locken, ihm dort für ihn entlastende Informationen in der Bespitzelungsaffäre gegen Engholm zu übergeben. Der Mossad-Agent »Ran« rief Barschel an. »Beim ersten Anruf meldete sich niemand. Eine Stunde später versuchte er es wieder, und jemand antwortete, daß Barschel im Moment nicht erreichbar sei. Beim dritten Versuch hatte er Barschel am Apparat und sagte ihm, daß er Informationen besitze, die helfen könnten, seinen Namen reinzuwaschen. ... Er bestand darauf, daß Barschel nach Genf kommen solle.«

 

Zuständig für die Operation sei ein »Kidon-Team« des israelischen Geheimdienstes gewesen. »Kidon« ist hebräisch und steht für »Bajonett«. »Nachdem es die Lage in Genf genau untersucht hatte, kam es zu dem Ergebnis, daß das Hotel Beau Rivage am besten seinen Zwecken dienen würde«, so Ostrovsky. Ran habe Barschel am Nachmittag des 10. Oktober 1987 in dessen Zimmer getroffen. Nachdem er eine Flasche Wein für den von ihm mitgebrachten Käse bestellt habe, habe er Barschel zuerst ein Angebot gemacht: »Barschel sollte überredet werden, seinen Sturz zu akzeptieren«“ Dabei habe ihm Ran eine großzügige Entschädigung versprochen.

 

Plan B: Mord

 

Daraufhin sei Barschel jedoch sehr wütend geworden und habe darauf bestanden, dass man ihm nun endlich die versprochenen entlastenden Beweise in der Bespitzelungsaffäre übergeben soll. Da sei Ran klar geworden, »dass es keine Möglichkeit gab, den Mann umzustimmen. Die Operation mußte in ihre zweite Phase treten, was die Beseitigung dieses Mannes bedeutete.« Denn schließlich war er nun auch eine Gefahr für die ihm jetzt bekannten Mossad-Leute geworden. Nur bei einer Einigung hätte man davon ausgehen können, dass Barschel über das merkwürdige Zusammentreffen Stillschweigen bewahren würde.

 

Ran habe deshalb den Mossad-Chef kontaktiert, der am selben Tag wie Barschel nach Genf gekommen sei und am Ende derselben Straße im Hotel »Des Bergues« gewohnt habe. Der von Ran für Barschels Zimmer bestellte Wein sei abgefangen und präpariert worden, »entweder in der Küche oder auf dem Weg nach oben.« Anschließend lief alles, wie in einem Krimi. Mossad-Mann Ran habe Barschel beruhigt, man habe ihn nur auf die Probe stellen wollen, um seine Ehrenhaftigkeit zu prüfen. »Barschel entspannte sich und trank von dem Wein. Ran täuschte Magenbeschwerden vor und lehnte ab.« Dann habe er sich entfernt, angeblich um »einige Papiere« zu holen.

 

Nach dem OK des Mossad-Chefs rief Ran »die zwei Männer im vierten Stock von Barschels Hotel an und gab ihnen grünes Licht für die Operation.« Sie hätten dann die Zeit abgewartet, bis Barschel eingeschlafen sei und zur Kontrolle sogar noch bei ihm angerufen. Dann seien sie in sein Zimmer eingedrungen: »Barschel lag auf dem Boden rechts neben dem Bett.« Er war vom dem Wein »offenbar ohnmächtig geworden und aus dem Bett gefallen.« Nun begann laut Ostrovsky die eigentliche, reichlich bizarre Mordoperation:

 

»Das Team zog ein Plastiktuch über das Bett und legte den Bewußtlosen darauf, mit den Beinen zum Kopfende, damit die nächsten Schritte einfacher wären. Ein zusammengerolltes Handtuch wurde ihm unter den Nacken gelegt, als ob er eine Mund-zu-Mund-Beatmung bekommen sollte. ….Vier kümmerten sich um das Opfer, und einer füllte die Badewanne mit Wasser und Eis; das Geräusch würde jedes andere übertönen. Ein langer, gut geölter Gummischlauch wurde dem schlafenden Mann in den Hals geschoben, langsam und vorsichtig, um ihn nicht zu ersticken. Einer schob den Schlauch, während ihn die anderen Männer für den Fall einer plötzlichen Konvulsion festhielten. Sie alle hatten so etwas schon vorher gemacht.«

 

Abwechselnd Pillen und Wasser

 

Sobald der Schlauch den Magen erreicht gehabt habe, hätten sie am oberen Schlauchende einen kleinen Trichter angebracht, durch den sie abwechselnd verschiedene Pillen und Wasser verabreicht hätten, »damit sie auch tatsächlich den Magen erreichten«. Danach habe man Barschel die Hosen heruntergezogen. Während ihm zwei Männer die Beine hoch gehalten hätten, habe ihm ein dritter rektal Zäpfchen mit einem starken Beruhigungsmittel und einem fiebererzeugenden Medikament eingeführt. Anschließend seien Barschel die Hosen wieder hochgezogen worden, »und die Leute warteten auf die Wirkung der Medikamente«, wobei sie ihm ein Thermometer auf die Stirn gelegt hätten, um seine Temperatur zu beobachten.

 

Nachdem Barschel eine Stunde später hohes Fieber entwickelt habe, habe man ihn in das Eisbad gelegt, um so etwas wie eine Herzattacke zu erzeugen: »Nach ein paar Minuten stellte das Team fest, daß er wirklich tot war, und begann das Zimmer aufzuräumen, um keine Spuren zu hinterlassen.... Nachdem sie das Zimmer verlassen und das Schild ‘Bitte nicht stören angebracht hatten, ging jeder seiner Wege.«

 

Obduktionsergebnisse stützen die Ostrovsky-Version

 

Tatsächlich wurde der Hergang durch Obduktionsergebnisse bestätigt. Demnach fanden sich zwar Medikamentenreste in Barschels Magen, nicht aber in der Speiseröhre – ungewöhnlich bei einer Selbsteinnahme. Ausserdem wurde am Mageneingang eine leichte Rötung entdeckt, wie sie beim Einführen eines Schlauches durch die Speiseröhre entsteht. (siehe Baentsch: Der Doppelmord an Uwe Barschel, München 2006, S. 198f.)

 

Das alles müsste eigentlich auch Barschels Witwe Freya wissen. Schließlich konnte man Ostrovskys Schilderung viele Jahre lang in jeder Buchhandlung kaufen. Doch dieser Weg zur Aufklärung ist bereits versandet. Die Staatsanwaltschaft fochten Ostrovskys Enthüllungen nicht an. Sie befand es nicht einmal für nötig, den in Kanada weilenden Ex-Mossad-Mann als Zeugen zu vernehmen. 1998 wurden die Ermittlungen beendet, weil man partout keine »neuen Ermittlungsansätze« mehr sah.

 

Die Stunde der Wahrheit?

 

Daher sollte nun am Sonntagabend, 31. Oktober 2010, endlich die Stunde der Wahrheit schlagen: »Sonntag ab 19.05 Uhr spricht Freya in der RTL-Sendung 'Das Medium' mit ihrem toten Uwe. Den Kontakt ins Jenseits stellt angeblich Kim-Anne Jannes (39) her. Jannes arbeitet seit 14 Jahren als sogenanntes Medium«, meldete die Bild-Website.

Freya Barschel dürfe tatsächlich die Frage stellen: »Wie ist er gestorben?« Und Uwe Barschel bzw. »der Geist des Ministerpräsidenten« antworte: »ICH WURDE ERMORDET!« Nun, das ist, wie gesagt, keine grosse Überraschung, denn erstens die reine Wahrheit, und zweitens kann man eine genaue Beschreibung des Mordes seit 1994 in jeder Buchhandlung kaufen.

 

Und diese Beschreibung ist der »des toten Ministerpräsidenten« bei weitem überlegen. Denn danach behauptet angeblich der »tote Barschel«, dass Giftgas durch die Lüftung in sein Hotelzimmer geleitet worden sei. Halb bewusstlos sei er in die Wanne gestiegen oder gelegt worden, um den Niederschlag des Gases von seinem Körper abzuwaschen. Danach habe er das Bewusstsein verloren.

 

Absurde »Vergasungsaktion«

 

Ein Hotelzimmer als Gaskammer? Unmöglich. Eine solche »Vergasung« in undichten Räumen ist grundsätzlich nicht zu empfehlen:

 

• Das Gas kann unkontrolliert durch Türen in Gänge und Nebenräume entweichen und andere Hotelgäste und sogar die Täter gefährden.

• Der Gaseinsatz setzt einen technischen Zugang zur Lüftung des Hotels voraus.

• Ausserdem darf die Lüftung auf keinen Fall eine Verbindung zu anderen Räumen besitzen, etwa zu Nebenzimmern.

• Das »Handling« des Giftgases und sein Anschluß an die Lüftung dürften kompliziert und gefährlich sein.

• Das »Team« würde beim Vorgehen gegen Barschel in jedem Fall Gasmasken und eventuell sogar Schutzkleidung benötigen.

• Bei der Entlüftung des Zimmers durch das Fenster (natürlich mit Schutzkleidung und Gasmaske), besteht die Gefahr, dass ein Gasschwall in darunter oder darüberliegende Fenster eindringt.

• Ein Gas, das sich auf dem Körper niederschlägt, würde sich selbstverständlich überall niederschlagen und wäre überall nachweisbar, vor allem im Badewasser.

 

Kurz: Während die Ostrovsky-Version wie eine Version aus einem guten Krimi erscheint, erscheint eine solche Vergasungsaktion als Version aus einem schlechten Krimi – einem sehr schlechten. Vermutlich versucht Freya Barschel, nachdem sämtliche juristischen Wege versandet sind, einen ganz anderen medialen Zugang zum Mord an ihrem Mann zu legen. Warum sie sich dafür freilich eine solch abwegigen Verlauf auswählt, bleibt wohl ihr Geheimnis...

 

Weiterführende Artikel:

 

http://www.gerhard-wisnewski.de/Allgemein/News/Der-verletzte-und-der-unverletzte-Barschel.html

 

http://www.gerhard-wisnewski.de/Allgemein/Kriminalfaelle/Aufgeklaert-Der-Doppelmord-an-Uwe-Barschel.html

 

 


 

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