Wednesday, 28. September 2016
19.06.2013
 
 

NSU-Prozess: Die Pleite des Kronzeugen

Gerhard Wisnewski

Er sollte der Bundesanwaltschaft den Durchbruch bringen: der Kronzeuge Carsten S. will dem NSU-Trio die Tatwaffe geliefert haben, mit der Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe (als Helferin) mehrere Menschen erschossen haben sollen. Doch leider sind S.' Aussagen vollkommen unglaubwürdig. So will er Böhnhardt und Mundlos in einem Café getroffen haben, das es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab...

Während Bundesanwaltschaft und Medien so tun, als sei in Sachen NSU alles klar, ist das glatte Gegenteil der Fall. Die angebliche Terror-Truppe NSU ist nur eine Neuauflage des »RAF-Phantoms«. Wie bereits an anderer Stelle ausgeführt, steht die Anklage auf äußerst wackligen Beinen: Die Hauptanklagepunkte gegen Beate Zschäpe, vor allem »ihre Mittäterschaft

an den Mordtaten und auch an den Raubüberfällen, sind in einer Weise begründet, dass man schon Zweifel haben muss, ob sich das am Ende durchsetzen wird«, sagte Gerhard Strate, einer der renommiertesten Strafverteidiger Deutschlands, in der ARD-Sendung Die Story vom 15.04.2013.

 

Und auch der Rechtsexperte der ARD, Frank Bräutigam, räumte ein, dass die Ankläger »an die Grenze des Möglichen« gehen, indem sie »Frau Z. Mittäterschaft an dieser Mordserie« vorwerfen. Aber: »Dass das jetzt nicht völlig absurd ist, zeigt, dass das Gericht in München diese Anklage unverändert zugelassen hat.« Das heißt:

 

  • Für eine Anklage wegen Täterschaft bei den Döner-Morden gegen Zschäpe reicht es selbst für die Bundesanwaltschaft nicht.

  • Auch bei dem Vorwurf der Mittäterschaft gehen die Ermittler an die »Grenze des Möglichen«.

  • Das alles ist zwar »nicht völlig absurd« – aber dann vielleicht absurd?

  • Dass das Gericht die Anklage überhaupt zugelassen hat, wertet der Experte bereits als Erfolg.

Die Welt findet, »die Beweislage ist dünn«, und die Staatsanwaltschaft unterfüttere ihre Anklage »sogar mit Petitessen«.

 

Geheimwaffe der Ermittler

 

Schluss damit. Seit ein paar Tagen kommt die Geheimwaffe der Bundesanwaltschaft zum Einsatz: Carsten S., ein Mann, der behauptet, dem Trio jene Tatwaffe geliefert zu haben, mit dem die NSU-Opfer ermordet wurden. Praktisch daran ist, dass S. die Waffe nur Böhnhardt und Mundlos übergeben haben will. Da diese beiden tot sind, können sie ihm kaum widersprechen. Praktisch ist auch, dass S. behauptet, Beate Zschäpe habe von der Waffenübergabe nichts wissen dürfen. Was bedeutet, dass auch sie seiner Darstellung schlecht widersprechen kann. Solchermaßen abgesichert scheinen die Aussagen von S. unangreifbar.

 

Das NSU-Kartenhaus scheint gerettet und der Schuldspruch für Beate Zschäpe so gut wie gebongt. Nur leider ist es wie immer mit den »Kronzeugen« der Bundesanwälte. Außer Widersprüchen, Lügen und Gedächtnislücken nichts gewesen. Juristisch kann man diesen Zeugen in der Pfeife rauchen. Und das ist schlecht für die Bundesanwälte, denn »die Anklage baut in wesentlichen Teilen auf die Aussagen von Carsten S.« auf (tagesschau.de). Das kann auch gar nicht anders sein (siehe oben).

 

Anklage auf Sand gebaut

 

Und wenn das so ist, dann haben die Bundesanwälte wieder einmal auf Sand gebaut. So berichtete tagesschau.de, dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl reichten die Aussagen von S. nicht aus. Statt Klarheit in dem Fall zu schaffen, verstrickte dieser sich in Widersprüche. Hatte er in einer Vernehmung noch erzählt, den Wunsch von Böhnhardt und Mundlos nach einer Waffe mit »Bauchschmerzen« entgegengenommen zu haben, konnte er sich nun nicht mehr daran erinnern. »Die Angaben von Herrn S. sind bis auf einige wesentliche Details bei der Beschaffung der Waffe vollständig unglaubwürdig«, zitiert tagesschau.de auch den Nebenkläger-Anwalt Thomas Bliwier: »Die Aufklärungshilfe eines vollständig Geständigen sehe anders aus.«

 

Immer wieder habe es Erinnerungslücken in der Verhandlung gegeben, »vor allem, wenn es um die Beteiligung des Angeklagten ging«. Auch Rechtsanwalt Stephan Lucas, der im Prozess die Tochter des ersten NSU-Mordopfers vertrete, ist demnach nicht zufrieden: Es nutze nichts, wenn Carsten S. sage, er habe die Waffe beschafft, aber versuche, »sich vom Vorsatz von all dem loszusagen«. In der Tat eine schwierige Trennung: Wie will sich der Lieferant einer Waffe mit Schalldämpfer von dem Vorwurf reinwaschen, die Morde auch selbst gewollt zu haben?

 

Der albernste Widerspruch in S.' Aussagen ist aber die Übergabe der Waffe selber. Seinen Erzählungen zufolge will er das Schießeisen »Ende 1999 oder Anfang 2000« in einem Café in der Galeria Kaufhof in Chemnitz an die beiden angeblichen Rechtsterroristen übergeben haben. Insoweit würde das passen, denn der erste angebliche NSU-Mord fand am 9. September 2000 statt.

 

Das Problem ist nur, dass das Café im Chemnitzer Kaufhof damals überhaupt noch nicht existierte. Die Galeria Kaufhof am Chemnitzer Rathaus wurde erst fast zwei Jahre nach der angeblichen Waffenübergabe eröffnet – am 18. Oktober 2001. Zu diesem Zeitpunkt waren die ersten vier »Döner-Morde« bereits passiert. Damit dürfte die NSU wohl die erste Terrortruppe gewesen sein, die die Tatwaffe erst nach ihren Mordtaten bekam. Auf weitere Enthüllungen der Bundesanwaltschaft und ihres Kronzeugen darf man gespannt sein.

 

 

 


 

 

Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

 

  • Grüne Lügen: Das Märchen von der Nachhaltigkeit
  • Kommt Borreliose aus dem Waffenlabor?
  • Geheimdienste: Warum sich Spione über UFOs freuen
  • So lügen Journalisten: Wie diffamiert wird

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Guten Morgen, Mittelalter: Warum das NSU-Verfahren eingestellt werden muss

Gerhard Wisnewski

»Der Teufel hat sich schick gemacht«, schreibt Bild über die in München angeklagte Beate Zschäpe. Für andere ist sie schlicht eine »Mörderin«, ein »Hitlerkind« und eine »Nazi-Braut«. Opfer-Angehörige setzen das Gericht ebenso unter Druck wie Demonstranten, Politiker und eine internationale Medienindustrie. Ein unvoreingenommener und  mehr …

Staatsfeind Nr. 1: An der Wiege der NPD standen die Geheimdienste

Gerhard Wisnewski

Machen sich die Staaten und Regierungen ihre Staatsfeinde selber? Eine Frage, die sich spätestens seit den Roten Brigaden in Italien, der Rote Armee Fraktion in Deutschland und natürlich dem 11.9.2001 stellte. Und natürlich seit der angeblichen Terrortruppe »NSU«. Denn schließlich geht nichts über einen hausgemachten Staatsfeind. Da weiß man eben,  mehr …

NSU-Prozess: Die Wahrheit über den »Sitzplatz-Skandal«

Gerhard Wisnewski

Preisfrage: Wie nennt man das, wenn türkische Journalisten die Akkreditierung zu einem Prozess verpennen? Nachlässigkeit? Achtlosigkeit? Schlamperei? Keineswegs. Sondern das ist natürlich Rassismus. Und zwar von Seiten des deutschen Gerichts. Genau so wird das jetzt beim Verfahren gegen das angebliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe und andere in  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Guten Morgen, Mittelalter: Warum das NSU-Verfahren eingestellt werden muss

Gerhard Wisnewski

»Der Teufel hat sich schick gemacht«, schreibt Bild über die in München angeklagte Beate Zschäpe. Für andere ist sie schlicht eine »Mörderin«, ein »Hitlerkind« und eine »Nazi-Braut«. Opfer-Angehörige setzen das Gericht ebenso unter Druck wie Demonstranten, Politiker und eine internationale Medienindustrie. Ein unvoreingenommener und  mehr …

Die ultimative Massenvernichtungswaffe: Wettermanipulation zu militärischen Zwecken

Prof. Michel Chossudovsky

Die deutliche Ausweitung des amerikanischen Arsenals zur Wetterkriegführung, die zu den Prioritäten des Verteidigungsministeriums gehört, ist in keiner Weise Gegenstand von Diskussionen. Umweltschützer werfen der Regierung Bush zwar vor, das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet zu haben, aber das Problem der »Wetterkriegführung« und insbesondere  mehr …

Staatsfeind Nr. 1: An der Wiege der NPD standen die Geheimdienste

Gerhard Wisnewski

Machen sich die Staaten und Regierungen ihre Staatsfeinde selber? Eine Frage, die sich spätestens seit den Roten Brigaden in Italien, der Rote Armee Fraktion in Deutschland und natürlich dem 11.9.2001 stellte. Und natürlich seit der angeblichen Terrortruppe »NSU«. Denn schließlich geht nichts über einen hausgemachten Staatsfeind. Da weiß man eben,  mehr …

NSU-Prozess: Die Wahrheit über den »Sitzplatz-Skandal«

Gerhard Wisnewski

Preisfrage: Wie nennt man das, wenn türkische Journalisten die Akkreditierung zu einem Prozess verpennen? Nachlässigkeit? Achtlosigkeit? Schlamperei? Keineswegs. Sondern das ist natürlich Rassismus. Und zwar von Seiten des deutschen Gerichts. Genau so wird das jetzt beim Verfahren gegen das angebliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe und andere in  mehr …

Werbung

Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.