Thursday, 20. June 2013
14.09.2012
 

NSU: V-Mann besorgte Sprengstoff

Gerhard Wisnewski

Die Anzeichen dafür, dass es sich bei dem so genannten »braunen NSU-Terror« um Staatsterrorismus handelte, verdichten sich. Laut Spiegel-Informationen war der Sprengstofflieferant der NSU-Truppe ein V-Mann der Berliner Polizei. Womit endgültig klar wird, das niemand anderer als Polizei und Geheimdienste hinter dem Terrorismus stecken. Das war bei der RAF schließlich auch schon so...

Der Mann ist ein Beschuldigter in einem Terrorverfahren. Er lieferte Sprengstoff an die so genannte »NSU-Terrorzelle« um Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Und er arbeitete für die Polizei: »Nach Spiegel-Informationen wurde Thomas S. mehr als zehn Jahre lang als

›Vertrauensperson‹ (VP) des Berliner Landeskriminalamts (LKA) geführt: Von Ende 2000 bis Anfang 2011.«

 

Na, und? Den Terrorismus zu fördern, Anschläge zu initiieren sowie Waffen und Sprengstoff zu besorgen, ist schließlich das tägliche Brot unserer »Sicherheits«-Behörden. Ohne sie würde es den Terrorismus in der heutigen Form gar nicht geben. Ob 11.9., »NSU« oder »RAF« – überall haben Geheimdienste und Polizei die Finger im Spiel. Denn erstens schaffen sie sich damit immer neue Daseinsberechtigungen und zweitens steuern sie so die Gesellschaft in die gewünschte Richtung. Je nachdem, welchem politischen Hintergrund die angeblichen Terroristen entstammen, wird dieser Hintergrund wirkungsvoll diffamiert und neutralisiert. In den 60-er und 70-er Jahren waren es mehr die Linken, heute sind es die Rechten. Inszeniert wird der Terror in jedem Fall. Das war schon zur Entstehungszeit von »RAF« und »Bewegung 2. Juni« Ende der 60-er Jahre so.

 

 

»Köstliche Staats-Mollies« frei Haus

 

Die »RAF« war noch gar nicht entstanden, da mischten bereits V-Leute und Spitzel in den Protestbewegungen Ende der 60-er Jahre mit. Auch damals schon war (West-) Berlin das Labor für künstlichen Terror und Revolte (siehe auch Wisnewski u.a.: Das RAF-Phantom, München 2008). Ein Mann namens Peter Urbach war besonders hilfsbereit. Überall in der Berliner Szene machte er sich nützlich, reparierte und baute in den Wohnungen von »Genossen« und hatte ansonsten alles dabei, was man für den späteren revolutionären Kampf so brauchte: »Haschisch und harte Drogen, Knallkörper und Rohrbomben, Schreckschusspistolen und großkalibrige Waffen. Er belieferte die Drogenszene, besorgte Materialien für die Aktionen der ›Kommune I‹ und später für die entstehende Stadtguerilla.« (Aust, Stefan: Der Baader-Meinhof-Komplex, München 1989, S. 55)

 

Der unentbehrliche Revoluzzer Peter Urbach war nicht irgendjemand, sondern Agent des Berliner Verfassungsschutzes. Beim Coming-out der revolutionären Bewegung spielte er den Geburtshelfer. Als am 11. April 1968 die Schlacht um die Springer-Verlagshäuser tobte und einige Demonstranten den Strahl von Wasserwerfern umlenkten, hatte Urbach den Stoff dabei, aus dem die Revolution ist – Molotowcocktails: »Er fand unter den Demonstranten bereitwillige Abnehmer für seine heiße Ware. Wenig später brannten die Auslieferungsfahrzeuge des Springer-Verlags, angesteckt mit Peter Urbachs Molotowcocktails. Die Fotos der lodernden Lastwagen gingen als Beleg für die Gewalttätigkeit der Berliner Studenten durch die Zeitungen.« (Aust, ebenda, S. 67)  »Bommi« Baumann, ehemaliger Aktivist der »Bewegung 2. Juni« (benannt nach dem 2. Juni 1967, an dem der Student Benno Ohnesorg durch Polizeikugeln starb), erinnert sich ebenfalls an die Springer-Demonstrationen. Dort habe er seinen »besonderen Freund Peter Urbach« getroffen, »mit den köstlichen Mollies«. »Wir haben die Mollies aus seinem Auto geholt und die dann gegen die Springer-Lieferwagen geschmissen … Am Abend nach den brennenden Autos, da bin ich mit Urbach … rumgefahren im VW mit einer Kiste mit den restlichen Mollies, und wir haben überlegt, was wir nun noch anstecken können …« (Gössner, Rolf: Das Anti-Terror-System, Hamburg 1991, S. 187 ff.)

 

 

Eine Zeitzünderbombe vom Verfassungsschutz

 

Tja – der Staat macht's möglich. Die praktische Aktion des V-Mannes wurde von anderen aufgegriffen und sogleich in Theorie umgemünzt: »Wirft man einen Stein, so ist das eine strafbare Handlung. Werden tausend Steine geworfen, ist das eine politische Aktion. Zündet man ein Auto an, ist das eine strafbare Handlung; werden Hunderte Autos angezündet, ist das eine politische Aktion«, erklärte die spätere »RAF«-Terroristin Ulrike Meinhof am Tag darauf. (Aust, ebenda, S. 67) Eine der nächsten Aktionen des V-Mannes Urbach bestand darin, jene Zeitzünderbomben zu besorgen, die beim Berlinbesuch des amerikanischen Präsidenten Nixon 1969 an der Fahrtroute abgelegt und im Jüdischen Gemeindehaus und beim Juristenball in Westberlin deponiert wurden. Dazu »Bommi« Baumann: »Peter Urbach hat uns dann eine köstliche Zeitzünderbombe in einer Plastiktüte kredenzt, die ich sofort da hingebracht habe. … der Verfassungsschutz [hat uns] über Urbach die Bombe in die Hand gedrückt, das haben wir zu der Zeit gar nicht übersehen, da waren wir Handlanger einer ganz bestimmten Bullenstrategie.« (Gössner, ebenda, S.189)

 

Und so war Agent Urbach auch ein guter Bekannter der Kommunarden Dieter Kunzelmann und Rainer Langhans, aber auch von Horst Mahler und Andreas Baader, dem späteren Kopf der »RAF«. Baader wandelte sich in jener Zeit vom kleinkriminellen Junkie und Aufschneider zur treibenden Kraft des deutschen Terrorismus. Zusammen mit Baader buddelte Behördenmitarbeiter Urbach nach Waffen. Der Kriminologe Fritz Sack meinte zu diesen Vorgängen, dass der frühe Einsatz von V-Leuten einige der späteren, als terroristisch verfolgten Handlungen erst »ermöglichen und vorbereiten half«; der Weg in den Terrorismus sei durch diese und andere Geheimeinsätze beschleunigt worden. Die gewalttätige Eskalation der Studentenbewegung könne nur unter Berücksichtigung der Verstrickung staatlichen Handelns erklärt werden...

 

 


 

 

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