Friday, 27. May 2016
20.09.2010
 
 

Ultraschall: Der Horror aus Nachbars Garten?

Gerhard Wisnewski

Sie lauern überall: In Dachböden und in Kellern ebenso wie am Straßenrand und in Nachbars Garten. Wo man auch geht und steht, werden kleine Apparate aktiv und senden schrille Ultraschall-Töne aus, die lauter sind, als ein startendes Flugzeug: Sogenannte Marder- und Ungezieferschreckgeräte. Besonders am Stadtrand oder auf dem Land sollen sie die lästigen kleinen Nager und andere Störenfriede aus unseren Autos, Vorgärten und Häusern vertreiben. Ein Schweizer Ingenieur hat den Verdacht, dass die Geräte in Wirklichkeit für Hunderttausendfachen Tinnitus verantwortlich sind. Ist Ultraschall überhaupt eine unterschätzte Gefahr?

Anfang 2007. Der damals 47-jährige Ingenieur Kurt Boss aus Oberthal bei Bern hatte schon mehrmals Ärger mit einem Marder, der sich an seinem Auto zu schaffen machte. Deshalb schreitet Boss nun zur Tat und montiert an seinem Carport ein sogenanntes »Marderschutzgerät«. Der kleine Apparat soll - für das menschliche Ohr unhörbar - extrem laute Ultraschalltöne aussenden, die den Marder in die Flucht schlagen sollen. Schon nach kurzer Zeit reagieren die Tiere aber nicht mehr darauf. Im April 2007 nimmt sich Boss das Gerät deshalb nochmals vor, um die Frequenz des Ultraschalltones zu verstellen – »Gewöhnungseffekte« sollen so vermieden werden. Und dabei sei es dann geschehen: Im selben Augenblick, als er den Testknopf des Gerätes gedrückt habe, habe er im rechten Ohr einen kurzen stechenden Schmerz verspürt, »ähnlich einem Wespenstich«. Seine Ärztin habe später ein beidseitiges Knalltrauma diagnostiziert. Als Folge leidet Boss heute nach eigenen Angaben an Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis) und Tinnitus. Er habe sehr oft starke Kopfschmerzen, Übelkeit mit Gleichgewichtsstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Anfangs hatte er deshalb Stürze mit dem Fahrrad, dem Tretroller oder auch zu Fuss erlitten und ist auch von der Leiter gefallen, berichtet Boss.

 

Ein anderes Beispiel ist Markus Scheuner aus Romanshorn am Bodensee. Er habe aus der Zeitung von Boss' Missgeschick erfahren und sich daraufhin bei ihm gemeldet, erzählt Boss. Als sich Scheuner im Juni 2007 dem Garten eines Nachbarn genähert habe, habe er einen Pfeifton wahrgenommen und gleichzeitig »einen Nadelstich in seinen Ohren« verspürt. Sein Ohrenarzt habe später ein Knalltrauma diagnostiziert. Als Folge des Unfalls leide auch Scheuner an Hyperakusis und Tinnitus.

 

»Theoretisch ist eine Schädigung möglich«

 

Kann das wahr sein? Kann es wahr sein, dass wir unsere Umgebung mit Apparaten voll pflastern, die uns ein Leben lang schädigen, in dem sie eine Reihe von schweren Gesundheitsstörungen verursachen – vom Tinnitus über Geräuschüberempfindlichkeit bis hin zu gefährlichen Gleichgewichtsstörungen? Und kann etwas, das man nicht hört, laut sein? Oder: Kann etwas, das man (fast) nicht hört, das Gehör schädigen?

Dumme Frage: Was man nicht hört, kann natürlich keinen Schaden anrichten - oder vielleicht doch? »Theoretisch ist eine Schädigung durch solche Geräte möglich, je nach Frequenz und Schalldruckpegel«, sagt der HNO-Arzt und Präsident der Schweizerischen Tinnitus-Liga, Andreas Schapowal, laut Basler Zeitung Online (15.4.2010).

 

Die Lautstärke der Marderabwehr-Geräte ist enorm. Mit ihren trichterförmigen Hochtönern sehen manche aus, wie eine Lautsprecher-Anlage bei einem Rockkonzert. Und das ist kein Zufall, denn genau um solche Lautstärken geht es ja. Bei einigen »Marderschutzgeräten« werden Schalldrücke bis zu 140 Dezibel angegeben, ein Wert, der auf den meisten Lärmskalen gar nicht mehr vorkommt und sich weit oberhalb des Krachs eines startenden Düsenjägers befindet. Wenn überhaupt, dann ist der Wert vielleicht noch mit dem Überschallknall einer Concorde zu vergleichen.

Wobei: Dezibel (dB) sind ein sogenannter »logarithmischer Maßstab«. 140 dB entsprechen zum Beispiel nicht einem um 40 Prozent höheren, sondern einem 10.000 Mal höheren Schalldruck als 100 dB. »Lautstärkepegel oberhalb 100dB zu messen«, ist wegen drohender „Hörschäden der 'normalhörenden' Probanden“ glatt verboten, heisst es in einem Fachartikel über das menschliche Gehör. Der »Schädlingsvertreiber Repeller Maus Ratte Marder Schabe« beispielsweise wird bei amazon.de mit einem »Schalldruck« von »mind. 130 dB« (Dezibel) beworben: »260 Grad Abstrahlwinkel garantieren flächendeckenden Schutz. … Der Wirkungsbereich umfasst ca. 300 bis 400 qm.« Natürlich ist das alles »unschädlich für Haustiere« und »unhörbar für Menschen«.

 

Wirklich? »Unschädlich für Haustiere« und »unhörbar für Menschen« klingt zwar wie »Unhörbar und unschädlich für Menschen und Haustiere« - ist aber nicht dasselbe. Zwei Dinge werden damit überraschenderweise in Wirklichkeit nicht behauptet:

 

  • 1. Dass die Geräte für Haustiere unhörbar seien
  • 2. Dass die Geräte für Menschen unschädlich seien

 

Das heisst:

1. Wenn Haustiere die Geräte hören, sind Gehörschäden sehr gut möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich. Denn wenn sich eine Katze oder ein Hund neben einem startenden Düsenjäger wiederfindet, wird ihr/sein Gehör wohl kaum unbeschädigt bleiben. Allerdings wird sich so ein Schaden kaum beweisen und die Behauptung »unschädlich für Haustiere« so kaum widerlegen lassen. Wird hier etwa im großen Stil Tierquälerei betrieben?

2. Wenn Hersteller und Händler nicht einmal selber behaupten wollen, dass die Geräte für Menschen unschädlich seien, wird es wirklich kritisch. Dann sollte man wirklich vorsichtig mit solchen Apparaten sein.

 

Nervtötendes Piepsen

 

»Habe das Gerät unter meinem Carport aufgestellt, da ich schon mehrfach Besuch vom Marder hatte«, berichtet ein amazon-Kunde über einen anderen »Ungeziefervertreiber«, »so auch dieses Mal wieder, trotz eingeschaltetem und extrem nervtötend piepsendem Gerät. Wirkungsgrad zur Marderabwehr tendiert also gegen Null oder der Marder in unserer Siedlung ist taub.« Was wie ein Witz klingt, ist vielleicht die Wirklichkeit: Denn natürlich würde das erklären, warum die Geräte oft ihre Wirkung »verlieren«. »Die Tiere gewöhnen sich nicht an die überlauten Töne», glaubt denn auch der Schweizer Kurt Boss, »sie können sie bloss nicht mehr hören! Der 'Gewöhnungseffekt' zeigt nichts anderes, als dass den Tieren das Gehör zerstört wurde.« Was erstens bedeuten würde, dass davon auch Haustiere betroffen sein könnten. Und zweitens, dass die Schädlinge danach einfach wiederkommen. Die Hersteller begegnen diesem »Gewöhnungseffekt« durch verstellbare Frequenzen oder sogar einen automatischen Frequenzwechsel. Was möglicherweise wiederum bedeutet, dass das Gehör der Tiere nun »flächendeckend« zerstört wird.

 

»Nach 30 Minuten extreme Kopfschmerzen«

 

Und auch das Gehör des Menschen? Ein anderer amazon-Kunde berichtete über den erwähnten »Ungeziefervertreiber«, »dass es nicht zumutbar war, sich im eingeschaltetem Zustand neben das Gerät zu setzen.« Der Ton sei »absolut störend und nervend. Ich selbst habe nach ca. 30 min. extreme Kopfschmerzen bekommen...«

Aber auch wenn man einen Ton nicht oder kaum hört, bedeutet das noch lange nicht, das dieser nicht das Gehör schädigen kann. Erstens sinkt die Schmerzgrenze umgekehrt proportional zur Frequenz. Sprich: Höhere Töne sind bei gleicher Lautstärke viel schmerzhafter und auch schädlicher als niedrige Töne. Zweitens: Selbst wenn das Gehör einen Ton nicht mehr in eine Wahrnehmung umsetzen kann, bleibt der physikalische Schalldruck natürlich vorhanden. So kann sich beispielsweise ja auch ein Blinder einen Sonnenbrand holen, obwohl er das Sonnenlicht nicht sehen kann. Denn das Licht und die UV-Strahlung sind selbstverständlich trotzdem da.

 

Weil der Mensch die Apparate meistens nicht oder kaum hört, unterschätzt er die Gefahr. Quasi taub tappt er durch den Höllenkrach und bekommt von der Lärmattacke nichts mit. Da die Geräte meist versteckt montiert sind und oft eine große Reichweite haben, kann kaum jemand seinen plötzlichen »Hörsturz« oder Tinnitus mit einer »Ungezieferscheuche« in Zusammenhang bringen – vielleicht nicht einmal der Besitzer. Denn der hat erstens möglicherweise gar nichts »gehört«, und zweitens hat ihm die Elektrobranche – vermeintlich - die völlige Ungefährlichkeit des Gerätes versichert.

 

Eine unheimliche Begegnung

 

»Es ist unheimlich; es genügt eine einzelne Begegnung«, sagt Boss. Dass er seinen Ohrenschmerz und Tinnitus direkt mit dem Marderschutzgerät in Verbindung bringen konnte, war sozusagen Glück im Unglück. Theoretisch kann jedem irgendwo auf der Straße, in einem Haus oder in einem Garten plötzlich ein stechender Schmerz ins Ohr schießen, und er wird nie erfahren, wo er seinen Tinnitus her hatte. Ja, mehr noch: Weil sich fast jeder Mensch jederzeit irgendwie im »Stress« befindet, wird er den Tinnitus wahrscheinlich auf »Stress« zurückführen – tatkräftig unterstützt von der Industrie.

Besonders schlimm findet Boss die Gefahr für Kinder. Da diese ein besonders empfindliches Gehör hätten, seien sie besonders gefährdet. Viele Jugendliche mit Tinnitus und Gehörschäden wüssten nicht, wie es dazu kommen konnte. Boss: «Sie suchen in ihrer Vergangenheit nach Knalltraumata oder ähnlichem, dabei könnten Marderschreckgeräte der Grund sein. Wenn ich nicht diesen stechenden Schmerz gespürt hätte, wüsste ich es auch nicht.» Weil die Eltern mit ihrem »älteren« Gehör die schrillen Geräte nicht wahrnehmen, glauben sie ihrem Nachwuchs nicht - und schieben die Schuld auf die Kinder: Diese hätten eben den MP3-Spieler zu laut aufgedreht oder wären in einer zu lauten Disco gewesen. Zwar ist natürlich auch das eine häufige Ursache für Hörschäden. Vielleicht sollten in Zukunft aber auch »Ungezieferscheuchen« in Haus und Garten als Ursache in Betracht gezogen werden.

 

Gefahrenquelle Ultraschall

 

Denn der Markt wird immer mehr ausgeweitet. Heute dreht die Branche ihre Geräte dem Kunden gegen alles und jeden an: Marder, Ratten, Mäuse, Fledermäuse, Eichhörnchen, Schaben, ja sogar Mücken, Flöhe, Spinnen und Zecken sollen wir mit den Ultraschallkanonen vertreiben. Irgendwann gehört die »Ungezieferscheuche« zum Haus wie die Aussenbeleuchtung. Wobei die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Schädlingsscheuchen und Tinnitus eigentlich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Ultraschall und Gehörschäden ist.

Etwa eine Million Menschen sollen in Deutschland heute unter einem Tinnitus leiden. Weil wir Ultraschall nicht oder kaum hören können, gilt er als völlig unschädlich, während er in Wirklichkeit gerade deshalb besonders gefährlich ist. Während man sich bei einem vorbei rasenden Krankenwagen mit Martinshorn die Ohren zuhalten kann, geht das bei einer Ultraschallquelle meistens nicht. Ob Sonografie oder Zahnsteinentfernung, ob Schmuck- und Brillenreinigung oder Entfernungsmessung – Ultraschallgeräte sind heute überall. Haben sich Gehörschäden und Tinnitus etwa deswegen zur Volkskrankheit entwickelt?

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