Friday, 30. September 2016
27.02.2012
 
 

Akademiker und Vollbeschäftigung? Die perfekte Illusion durch manipulierte Statistiken

Jens Romba

Insbesondere in den MINT-Fächern (dies sind Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und Technik) sollen Akademiker aufgrund des so genannten Fachkräftemangels heute und in Zukunft hervorragende Berufs- und Aufstiegschancen haben. So jedenfalls steht es sehr oft in der Mainstreampresse. Dipl. Met. Uwe Borchert hat nach einer Beschäftigung mit dem MINT-Arbeitsmarkt  sowie beim Durcharbeiten der Publikationsreihe Arbeitsmarkt Kompakt* der Bundesanstalt für Arbeit für den Zeitraum bis etwa 2008 allerdings Informationen zusammengetragen, welche derartige, angeblich auch statistisch untermauerte Behauptungen, schlichtweg als unwahr enttarnen. Die in vielen Medien veröffentlichten Arbeitslosenzahlen unter Akademikern bilden demnach bei weitem nicht die reale Langzeitarbeitslosigkeit ab. Vielmehr werden die Statistiken vorsätzlich manipuliert, um der Presse »gute Ergebnisse« vorweisen zu können.

Sicher ist es so, dass die in den gängigen Statistiken erfassten Akademiker oftmals auch adäquat beschäftigt sind. Diejenigen Akademiker aber, die entweder nur prekär beschäftigt, nicht adäquat beschäftigt, fachfremd beschäftigt, arbeitslos oder aber sogar obdachlos sind, werden von diesen Statistiken einfach nicht erfasst. Hier kann von einer Untererfassung gesprochen werden, die in diesen Statistiken, welche ja eigentlich den letztendlichen Verbleib der ausstudierten Akademiker erfassen sollen, sogar besonders hoch ist. Was nicht genehm ist, wurde bis 2008 entweder nicht

gezählt, nicht erfasst oder einfach weggelassen. Getreu dem Motto, dass, was nicht sein kann oder was nicht sein soll, statistisch gesehen auch nicht sein darf. Und es ist kaum anzunehmen, dass sich daran bis heute etwas geändert hat.

Genauere Betrachtungen und Berechnungen führten zu dem Ergebnis, dass bei der Erfassung im Gesamtbereich MINT nur jeder zehnte  Absolvent überhaupt betrachtet wird. Und das sind die Absolventen, welche vorher nicht fachfremd gearbeitet haben oder aber längere Zeit arbeitslos waren. Von zehn Absolventen aber arbeitet gerade noch einer im Rahmen einer adäquaten Beschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Drei Absolventen sind dagegen im Ausland, während die restlichen sechs entweder Hamburger braten, Taxi fahren, abhartzen oder ähnliches oder vielleicht auch nichts tun.

 

Dementsprechend liegt die Schlussfolgerung nahe, dass es solche extremen Flüsse aus einem Arbeitsmarktsegment nur dann geben kann, wenn lediglich für die wenigsten MINT-Absolventen auch adäquate Jobs zur Verfügung stehen, sich hier die Arbeitgeber also die Leute aussuchen und so die Preise selbst für Spitzenleute drücken können. Demnach kann, nach Betrachtung verschiedener Faktoren, die Erwerbslosigkeit von Akademikern und Ingenieuren (inklusive Hartz-IV-Problematik, Aufstockung und Beschönigungen diverser Statistiken), auch in den vielgepriesenen MINT-Disziplinen nicht niedriger als der aktuelle Durchschnitt sein. Denn schließlich ist es absolut undenkbar, dass Massen von (zumindest durchschnittlich intelligenten) Studenten sich zunächst in den MINT-Fächern ausbilden lassen, dann aber völlig andere Dinge machen, mit denen sie sich schon lange vorher hätten finanzieren können.

Besonders lesenswert ist hier das Werk Kreatives Zählen von Uwe Borchert, in welchem dieser ab Seite 19 den Zusammenhang von Qualifikation und Arbeitslosigkeit näher untersucht. Aus Daten, die sogar auf die Bundesagentur für Arbeit zurückgehen, geht hervor, dass der Stand der offiziell erfassten Absolventen in der Mathematik und in der Physik im Jahre 2005 bei 5.595 lag. Die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen für diese Berufsgruppe wird jedoch mit 21.372 für das Jahr 2006 angegeben. Bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 35 Jahren im Beruf ergäbe das eine mittlere jährliche Rate von 611 zu ersetzenden Arbeitnehmern jedes Jahr. Die Anzahl der Absolventen ist aber fast zehnmal so hoch. Und das nicht nur in den Jahren 2005 und 2006. Sondern auch davor und danach.

 

Weiter werden bei den Chemikern im Jahr 2005 offiziell 4.533 Absolventen gezählt. Für das Jahr 2006 werden 33.820 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen angegeben, womit sich formal ein nur knapp fünffaches Überangebot ergeben würde. Da aber auch die Chemieingenieure in dieses Marktsegment drängen, dürfte der Schnitt hier sogar sehr viel schlechter ausfallen als anderswo.

 

Ebenfalls werden Akademiker, die in anderen Bereichen gearbeitet haben, nicht mehr im alten Beruf gezählt. Und sobald ein Betroffener in den Rechtskreis SBG-II, also Hartz IV, wechselt, wird er nicht mehr mit seiner Qualifikation erfasst. Ebenso werden ehemalige Selbstständige, also vielfach auch Ältere, die direkt nach SGB-II gehen, nicht mit ihrer Qualifikation erfasst. Somit bilden die in vielen Medien veröffentlichten Arbeitslosenzahlen unter Akademikern nicht die reale Langzeitarbeitslosigkeit ab. Vielmehr wird durch diese massive Untererfassung von arbeitslosen, prekär oder fachfremd beschäftigten Akademikern der Eindruck erweckt, dass die wenigen tatsächlich erfassten Arbeitslosen wohl eher auf persönliche Probleme der Betroffenen zurückzuführen sind. Eines dieser persönlichen Probleme mag sein, dass eben diese Leute, im Gegensatz zu vielen anderen, tatsächlich noch erfasst werden.

 

Wie massiv nicht nur seit Jahren, sondern bereits seit Jahrzehnten die Arbeitsmarktzahlen manipuliert werden, kann auch im Dok-Zentrum in einem Bericht über einen sehr engagierten Arbeitsamtsmitarbeiter gelesen werden, welcher, nachdem er so manchen Missstand couragiert aufgedeckt und veröffentlicht hat, auf politischen Druck hin in den vorzeitigen Ruhestand gehen musste. Nur leider wurden seit damals die Manipulationen nicht beendet. Es sind bis heute sogar im Gegenteil noch weitere hinzugekommen. Die daran Beteiligten haben die Missstände zunächst zwar öffentlich zugegeben, dann aber aus ihren »Fehlern« gelernt und manipulieren nun weitaus geschickter.

 

Zur Übersicht nun noch zusammengefasst die Faktoren, welche arbeitslose, fachfremd oder prekär beschäftigte Akademiker aus der offiziellen Statistik herausfallen lassen:

 

- Im Ausland tätig oder tätig gewesene Akademiker.

- Fachfremd, also in anderen Bereichen beschäftigte Akademiker.

- Akademiker als Hartz-IV-Empfänger.

- Ehemalige selbstständige Akademiker.

- Prekär beschäftigte Akademiker als Aufstocker.

- Akademiker als Minijobber.

- Mit vermögenden Partnern zusammenlebende Akademiker, welche somit aus

jedweder Erfassung (auch Hartz IV) herausfallen.

- In Maßnahmen der Arbeitsagentur oder weiteren Fortbildungen geparkte

Akademiker.

- Akademiker, die, aus welchen Gründen auch immer, auch im Falle der Bedürftigkeit

die Arge nicht aufsuchen und so keine Unterstützung bekommen.

- Obdachlose Akademiker.

 

Ja, Sie haben richtig gelesen. Auch obdachlose Akademiker existieren mittlerweile. Und das nicht nur im Ausland oder unter irgendwelchen Migranten. Allein drei deutsche Beispiele einer ZDF-Dokumentation zeigen, dass es nahezu jeden treffen kann. Wie in der bereits in vorangegangenen Artikeln erwähnten ARD-Dokumentation liegen die Guten hier im wahrsten Sinne des Wortes tatsächlich auf der Straße. Und da sie keiner haben will, oftmals auch unter Brücken oder im Obdachlosenasyl. Zählen tun diese Leute dann schon lange nicht mehr. Denn da das Überleben auf der Straße zuweilen recht anstrengend ist und somit in gewissem Sinne auch als »Vollbeschäftigung« gesehen werden kann, fallen derartige Akademiker dann ja auch völlig zu (Un-)Recht aus jeder Arbeitslosenstatistik heraus.

 

Anmerkung:

Die Zahlen aus der Publikationsreihe Arbeitsmarkt Kompakt der BA [1] für den Zeitraum bis etwa 2008 zeigen sogar ein extremes Überangebot an MINT-Akademikern auf. Dipl. Met. Uwe Borchert hat diese Daten bis etwa 2008 zusammengetragen und dabei Zahlen vorgefunden, die einem Fachkräftemangel widersprechen. Diese Daten haben in einer Bilanzgleichung der Zu- und Abflüsse und Bestände keinen sinnvollen Zustand einer Strömungsgleichung ergeben. Die Publikationsreihe verschwand jedoch kurz danach von der Bildfläche. Die Daten scheinen unangenehm gewesen zu sein. Eine später folgende Untersuchung von Karl Brenke (DIW) [2][3] zeigte in der veröffentlichten Version eine ähnliche Tendenz auf. Jedoch konzentrierte sich dabei der Autor auf Ingenieure aus den Bereichen Maschinen- und Fahrzeugbau. Diese sind nach den Auswertungen der Publikationsreihe Arbeitsmarkt Kompakt der BA noch als Günstlinge des Arbeitsmarktes einzustufen. Was in der ersten, unveröffentlichten Version stand ist unbekannt, da der Autor von seinem Dienstherrn zum Umschreiben des Berichts ermuntert wurde [4].

 

 

 


 

 

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