Saturday, 1. October 2016
24.09.2011
 
 

»Urlaub vom ›Donaukurier‹«: Grüne rufen wegen Sarrazin-Lesung zu Zeitungsboykott auf

Laura Küchler

Am 26. September liest Thilo Sarrazin in Ingolstadt aus seinem heftig diskutierten Bestseller Deutschland schafft sich ab. Gegen diese Veranstaltung meldet nun der örtliche Kreisverband der Grünen Bedenken an und ruft nun unter anderem bei Facebook zu einem Boykott des Veranstalters, der Zeitung Donaukurier, auf.

Im Rahmen der Reihe »Leselust im DK-Forum« soll der Ex-Bundesbankvorstand sein Buch vorstellen. Im Anschluss an die Lesung darf mit dem Autor über das Gehörte diskutiert werden. Dieses wird DK-Chefredakteur Gerd Schneider moderieren.

Bei den Ingolstädtern fällt die Veranstaltung auf fruchtbaren Boden. Über 300 Karten sind bisher verkauft worden. Doch nicht alle Ortsansässigen bewerten die Lesung mit anschließendem Gespräch positiv. Der Kreisverband der Grünen warnt nicht nur vor der Veranstaltung, sondern fordert auch Abonnenten des Donaukuriers auf, »Urlaub« von dem Blatt zu machen. Das bedeutet im Klartext: Die Abonnenten sollen ihr Blatt eine Woche lang ins Grünen-Büro schicken lassen.

Petra Kleine, die Fraktionsvorsitzende der genannten Partei, nennt dies ein »Zeichen der Solidarität« mit den in Ingolstadt lebenden Migranten und ist des Weiteren der Ansicht, dass auf diese Weise »der Protest und das Unbehagen« zum Ausdruck gebracht werden könne, ohne der ganzen Sache »zu viel Aufmerksamkeit« entgegen zu bringen.

Die Begründung der Dame mutet allerdings bestenfalls grotesk an. Am 18. September nannte sie die von Sarrazin vertretenen Thesen »kontraproduktiv« gegenüber dem Bemühen der Ingolstädter, über Integrationsprobleme und kulturelle Unterschiede offen zu berichten. Man kann nun durchaus naiv fragen: Ist es nicht genau das, was Sarrazin mit seiner schriftstellerischen Arbeit getan hat? Er hat in seinem Buch zunächst eine bis dato nicht vorhandene Problemcharakterisierung betrieben. Die Qualifikation dazu hat er von 2002 bis 2009 als Finanzsenator in Berlin erworben, wo er mit vielen Komplikationen von Migration und Integration tagtäglich zu tun hatte. In Deutschland schafft sich ab werden also – wie von Frau Kleine gewünscht – Besonderheiten und kulturelle Unterschiede festgestellt und auch die sozialen Probleme, die sich daraus ergeben, thematisiert.

Wo also liegt das Problem der Grünen-Politikerin? Vermutlich in dem Schluss, zu dem das SPD-Mitglied Sarrazin kommt: Nicht alle Probleme lassen sich mit einem weiteren Aufblasen des Sozialstaates lösen, kulturell bedingte Unterschiede sind nicht einfach von der Hand zu weisen und mit sozialer Arbeit im Handumdrehen behoben.

Da ist Sarrazins Blick weit realistischer – und das macht ihn angreifbar. Wenn er beispielsweise »dreist« fordert, im Winter könnten Empfänger staatlicher Leistungen Energie sparen, indem sie einen warmen Pullover tragen, statt einfach die Heizung aufzudrehen, fangen die bundesdeutschen Meinungswächter sofort an zu zetern. Ist man nicht der Ansicht dieser Mehrheit, gelangt man schnell in eine Außenseiterposition. Meinungsfreiheit scheint es nur noch für jene zu geben, die auf der »richtigen«, auf der »guten« Seite stehen. Und es versteht sich von selbst, dass diese Seite im Zweifelsfall rot-grün ist.

Sarrazin kommentierte das Verhalten der Grünen im Hinblick auf seinen Besuch in Oberbayern gegenüber dem Donaukurier dementsprechend scharf: »Diese Reaktion kann nur als albern bezeichnet werden. Wer so etwas tut, der handelt bestenfalls pubertär, aber elementar antidemokratisch.«

Antidemokratisch darf hierbei als Stichwort verstanden werden. Denn keine Partei setzt sich derartig für Toleranz, Weltoffenheit und individuelle Freiheit ein wie die Grünen, es sind die Flaggschiffe ihrer Bewegung und die Legitimation ihrer Existenz. Umweltschutz ist heute tatsächlich kein per se grünes Wahlkampfthema mehr. Diesen Punkt haben mittlerweile alle Etablierten für sich entdeckt. Also hat man umgeschwenkt.

Da kommt ein Sarrazin natürlich denkbar ungelegen, wenn er sagt, dass man die Freiheit des Einzelnen in gewissem Maße beschneiden müsse, um das Gemeinwohl zu schützen und einen funktionierenden Staatsapparat in Gang zu halten. Das kann den Grünen nicht gefallen, wenn es ihre Wählerschaft betrifft.

Betrifft es diese aber nicht, sind sie allerdings ganz vorn mit dabei, wenn es heißt, die Freiheit anderer zu beschränken. Dazu gehört auch, eine demokratische Veranstaltung wie die Lesung in Ingolstadt derart grundlos in ein negatives Licht zu rücken. Dies kann nur mit Unverständnis aufgenommen werden.

Sarrazin selbst kennt Angriffe gegen seine Person zur Genüge. Demonstrationen und wenig Gesprächsbereitschaft auf der anderen Seite sind ihm nicht fremd. Erst jüngst erlebte er Ablehnung in Kreuzberg, wo er für eine Dokumentation gemeinsam mit der ZDF-Autorin Güner Balci unterwegs war. Er ordnet derartiges Verhalten in einen größeren Zusammenhang ein, wenn er zu dem Protest der Grünen sagt: »Es gibt eine Tendenz, die Klaus von Dohnanyi treffend als Linksfaschismus umschrieben hat.«

Georg Schäff, der Herausgeber des Donaukurier, hingegen fasst den Sachverhalt nüchtern zusammen: »Die Grünen gelten ja als Partei, die für Offenheit und Toleranz steht. Daher ist es für mich überraschend, dass diese Protestaktion gegen uns, den Veranstalter der Sarrazin-Lesung, ausgerechnet von dieser Seite kommt. Folgte man dieser Logik, dürfte man auch keinen Fernseher mehr einschalten und kein Buch von der Deutschen Verlagsanstalt lesen.«

 

 


 

 

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