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Wer sich die Argumente ansieht, kann schnell feststellen, dass es reine Begriffsstutzigkeit und mangelnde Bildung ist, gepaart mit übersteigerter politischer Mainstream-Korrektheit, die hier zum Tragen kommt. Und die in den letzten Jahren schon so häufig das Heft führte, um eine natürliche
Gesellschaft dem ausufernden Wahn von Kontrolle, Maulkörben und Denkverboten zuzuführen. Doch inzwischen werden die Ideen so wahnwitzig, dass es die Leute aus den eigenen Reihen schon zu bemerken scheinen.
Nun hat es also den bedeutenden Denker Dante Alighieri (1265-1321) erwischt: Der Mann gilt in Literaturkreisen bis heute als einer der wichtigsten Dichter und Philosophen des europäischen Mittelalters. Das Sprachgenie gilt als literarischer Revolutionär, als einfühlsamer Poet und durchaus auch als wohlmeinender Kirchenkritiker seiner Zeit. Sein wohl bekanntestes Werk ist die Commedia, die auch den Beinamen La Divina trägt: »Die göttliche Komödie«. Hier lässt Dante eine einmalige und gut nachvollziehbare Reise durch die verschiedenen Ebenen des Jenseits wie der Hölle, dem Läuterungsberg bis hin ins Paradies entstehen. Protagonist ist er selbst, geführt vom römischen Dichter Vergil.
Dieses wichtige Stück italienischer Kultur und Dichtung soll nun nicht mehr Teil des Schul- und Universitätsunterrichts sein dürfen. Warum? Es ist rassistisch, antisemitisch und islamophob. Das zumindest behauptet die italienische Menschenrechtsorganisation »Gherush92«. Das Epos sei »beleidigend und diskriminierend« und habe keinen Platz mehr in einem modernen Klassenzimmer, sagte Valentina Sereni, Präsidentin der Gruppe, gegenüber dem britischen Telegraph.
Besonders der 34. Gesang der Commedia erregte den Unmut der so genannten Menschenrechtler. In diesem Abschnitt des Werkes erreichen der Dichter und sein Begleiter den untersten Kreis der Hölle: Ihr Zentrum, in dem Satan selbst herrscht. Zumindest im eigentlichen Text schmoren dort der Jesus-Verräter Judas Ischariot und die Mörder Cäsars, Brutus und Cassius. Mohammed und sein Schwiegersohn Ali hingegen landen nach ihrem Tod im höher angesiedelten »neunten Höllengraben«. Dort müssen sie ewige Qualen durch einen Teufel erleiden, der ihnen immer wieder Gliedmaßen abschlägt.
Einige dieser Passagen sind in den Augen der Menschenrechtler zu schwierig, um in den italienischen Klassenzimmern besprochen zu werden. Sie würden den Schülern nur selten richtig erklärt, und wenn sie auch in Zukunft noch Teil des Unterrichtsstoffs an italienischen Schulen sein sollten, so fordert die Organisation die Sicherstellung des richtigen Umgangs mit den fraglichen Passagen. Die Forderungen der Organisation haben im ganzen Land heftige Diskussionen und Kommentare ausgelöst. Der wohl meistzitierte Beitrag zum Thema stammt aus der katholischen Tageszeitung Avvenire. Dort wird das Vorgehen damit verglichen, »den Figuren in der Sixtinischen Kapelle Unterhosen oder der Venus von Milo einen Bikini« anzuziehen. An anderer Stelle fordert Autorin Anna Maria Brogi sarkastisch, auch die Bibel, die Ilias und die Odyssee unter die Lupe zu nehmen. Denn auch dort fänden sich kriegstreiberische und frauenfeindliche Passagen.
Wenn man jedoch insbesondere den 34. Gesang einmal liest, so kann festgehalten werden, dass
es dort weder kriegstreiberisch noch frauenfeindlich und schon gar nicht antisemitisch oder islamophob zugeht. Die Argumentation der Menschenrechtler bleibt leider auch nach einigen Nachforschungen unverständlich. Sicher, die Sprache Dantes ist nichts für Zartbesaitete. Die Vision der Hölle entsteht sehr bildlich – aber das soll sie auch. Den antisemitischen Aspekt sehen die Aktivisten von Gherush92 laut eigener Aussage in der Darstellung des Judas Ischariot, der als schlimmster Verräter besonders intensiv vom Teufel selbst gemartert wird. Ob sich jedoch Juden heute tatsächlich von 700 Jahre alter Dichtung diskriminiert fühlen, bleibt mehr als fraglich. Viel eher scheint es plausibel, dass der Wahn im Kampf für Political Correctness immer abstruser wird.
Islamophob ist in den Augen der Organisation die Darstellung Mohammeds und des ersten Kalifen Ali. Sie leiden in der Hölle schreckliche Qualen, weil der Islam in den Augen Dantes – sicherlich stellvertretend für die allgemeine Sichtweise damals – eine schismatische Irrlehre darstellte. Ist es aber deshalb unsere Aufgabe, damalige Sichtweisen nach heutiger »moderner« Beschaffenheit umzudeuten und Schülern mit muslimischem und/oder jüdischem Glauben die Lektüre vorzuenthalten? Erscheint es nicht eher sinnvoll, diesen und ähnliche Texte als Grundlage für Diskussionen auch im Bezug auf die heutige Situation zu verwenden? Verstärkt man durch das Errichten einer Schutzmauer um die Jugend herum negative Assoziationen gegenüber anderen Gruppierungen nicht viel eher noch?
Die potenziellen »Opfer«, in diesem Fall Juden und Muslime, gelangen dadurch doch vielmehr in eine Stellung, in der Kritik nicht mehr möglich ist. Kann man wirklich künftig immer wieder mit dem Totschlagargument Rassismus oder einem Diskriminierungsvorwurf jeden Dialog bereits im Keim ersticken? Die Gutmenschen können es offensichtlich schon. Noch.
Auch Homosexuelle würden übrigens durch das Welt-Epos als »wider die Natur« verdammt und verurteilt zu einem ewigen Feuerregen in der Hölle, so die Gutmenschen. Zumindest kann man aufatmen, dass es offenbar nur um die Lehrpläne von Schülern und Studenten geht und nicht die vollständige Beseitigung des Weltliteratur-Epos das erklärte Ziel zu sein scheint: »Wir sprechen uns nicht für Zensur oder die Verbrennung der Bücher aus, aber wir möchten klar und eindeutig festhalten, dass es in der Göttlichen Komödie rassistische, islamfeindliche und antisemitische Inhalte gibt. Kunst kann nicht über jede Kritik erhaben sein!«, so Präsidentin Sereni.
Die Frage, wie es um die kulturelle Identität Europas eigentlich steht, darf und muss an dieser Stelle gestellt werden. Sollen wir wirklich unsere großen Kulturgüter und bedeutenden Werke der Weltliteratur und damit unsere Identität Stück für Stück verleugnen, nur damit andere sich auch ganz sicher nicht »auf den Schlips getreten« fühlen? Sicherlich macht es nicht jedem Schüler Spaß, die »alten Schinken« im Unterricht zu behandeln. Dennoch gehört das Wissen um die große Literatur des Heimatlandes ohne Zweifel zu einer guten und fundierten Bildung dazu. Die Grundlagen dafür schon in der Schulzeit zu legen, ist sicherlich kein Fehler, sondern eine Notwendigkeit. Kenntnisse in Mathematik, Biologie und Physik sind wichtige Pfeiler für eine gelungene Ausbildung und damit verbunden einen guten Start ins Berufsleben. Darüber sollte aber die geisteswissenschaftliche Bildung – Literatur, Sprache und Geschichte – nicht völlig in Vergessenheit geraten.
Und obwohl der Aufschrei und der Protest gegen eine solche nur als Zensur zu bezeichnende
Vorgehensweise von Gherush92 jetzt noch groß ist: Dass es solche Forderungen überhaupt gibt, ist deutliches Zeichen genug. In Deutschland könnten, wenn eine solche Entwicklung sich tatsächlich ausweiten sollte, bald Goethe und Schiller auf dem Index landen. Bezeichnete Goethe nicht beispielsweise den Koran als ein Buch »das uns, so oft wir auch daran gehen, immer von Neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen versetzt und am Ende Verehrung abnötigt«? Das ist nicht negativ oder gar islamophob. Es könnte aber so aufgefasst werden, wenn der zweite Teil des Satzes nicht ausreichend beachtet wird.
Doch leider sind es immer wieder unsere politisch korrekten Gutmenschen, die Gedankengänge gerne aus dem Zusammenhang reißen, um sich öffentlich empören und die Welt umgestalten zu können.
An dieser Stelle drängt sich außerdem die Frage auf, durch was man unsere Klassiker im Schulunterricht wohl ersetzen würde. Vielleicht fänden wir Feuchtgebiete oder Schoßgebete von Charlotte Roche auf den Literaturlisten wieder? Als literarische Beiträge zur Emanzipation der Frau und zum Kampf gegen den an jeder Ecke lauernden Sexismus? Immerhin ist Roches Sprache auch sehr bildlich. Des Weiteren könnte salafistische Literatur über das Wirken des islamistischen Hasspredigers Pierre Vogel unsere Kinder in Sachen Toleranz schulen und ihnen den Umgang mit fremden Kulturen erleichtern. Eine grauenhafte Vorstellung, welche die Pessimisten unter uns vielleicht an die Inschrift erinnert, die der große Dante Alighieri in seinem Meisterwerk bereits vor 700 Jahren dem Tor der Hölle gab:
»Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
Durch mich geht man hinein zum ew‘gen Schmerze,
Durch mich geht man zu dem verlor‘nen Volke.
Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
Geschaffen haben mich die Allmacht Gottes,
Die höchste Weisheit und die erste Liebe
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen,
Nur ewiges, und ich muss ewig dauern.
Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!«
Eigentlich verwundert es schon kaum noch, dass es genau die selbsternannten Menschenrechtler von Gherush92 sind, die unter anderem sogar die Vereinten Nationen beraten dürfen. Aber mal ehrlich: Auf dem Mist der UNO sprossen einst schon die ersten Keime von Gender Mainstreaming und anderen, gesellschaftsvernichtenden Entwürfen der »Schönen Neuen Welt«, die inzwischen nahezu auf dem gesamten Globus in die Gesetzgebungen eingeflossen sind. Und deswegen wird eine Debatte wie jene über die Göttliche Komödie mit Sicherheit noch lange nicht beendet sein. Doch wie irrsinnig die Sache wirklich ist, haben sogar die Initiatoren der Homosexuellen-Vereinigung Gaynet erkannt: Deren Leiter, Franco Grillini, sagte zu dieser überflüssigen Diskussion, der Vorschlag, dass Dantes Schriften verboten werden sollten, markiere »ein Übermaß an politischer Korrektheit«.
Warten wir es ab. Wahrscheinlich ist dieser Drops noch längst nicht gelutscht!
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