Thursday, 17. May 2012
28.01.2012
 

Schülerin packt aus: Leistung lohnt sich nicht mehr im deutschen Schulsystem

Laura Küchler

Viviane Cismak ist 20 Jahre alt. Sie steht erst am Anfang ihres noch jungen Lebens. Dennoch hat sie die Nase bereits gestrichen voll. Nicht von ihrem Leben, aber von der Schule, ihren Lehrern, dem bundesdeutschen Bildungssystem und von Multikulti. Darüber hat sie ein Buch geschrieben. Ihre Abrechnung ist schonungslos.
Ihr Unmut wuchs 13 Jahre lang, beginnend in zwei verschiedenen hessischen Grundschulen, weitergehend in einem altsprachlichen Gymnasium desselben Bundeslandes und gipfelnd in einer »Integrierten Sekundarschule« des berüchtigten Berliner Problembezirks Kreuzberg. »Schulfrust. 10 Dinge, die ich an der Schule hasse« lautet der Titel des gerade erschienen Buches von Viviane Cismak.

Inkompetente und vor Schülern kuschende Lehrer werden genauso thematisiert wie die finanziellen Vorteile von Jugendlichen, die Schulmaterialen und Ausflüge vom Jobcenter bezahlt bekommen. Auch über ihre negativen Erfahrungen mit dem Islam auf dem Pausenhof und in den Klassenzimmern der Hauptstadt berichtet sie.

 

Gleich im ersten der zehn Kapitel des Buches Schulfrust merkt der Leser, dass die Autorin es ernst meint mit ihrer Kritik. Sie schreibt, 13 Jahre und ein Vorschuljahr extra hätten mehr als

ausgereicht, um ihr den Spaß am schulischen Lernen gründlich zu verderben. Am Ende dieser von ihr als Leidensperiode empfunden Zeit hatte sie nicht mal mehr das Fünkchen Respekt, den Antrag auf Zulassung zu einer Abiturprüfung ordnungsgemäß auszufüllen. Stattdessen malte Cismak ein kleines »Glücksschweinchen« samt »Oink, Oink«-Sprechblase darauf.

 

Wie aber muss sich die Situation einer Schülerin darstellen, um solch ein Verhalten – manche würden es sicher frech oder gar dreist nennen – zu rechtfertigen? »Leistung lohnt sich nicht« heißt das erste Kapitel. Darin wird beschrieben, wie ein junges, aufgeschlossenes und wissbegieriges Mädchen bereits in der Grundschule lernt, dass Halbwissen und Betrügereien aller Art im Schulalltag einen größeren Nutzen haben als Disziplin und Lerneifer.

 

Beispielsweise sollten die Schüler der Berliner Schule, welche Viviane Cismak besuchte, im Kunstunterricht eine Werbeanzeige gestalten. Durch ausgefeilte Verzögerungstaktiken bekamen die Schüler und Schülerinnen bereits deutlich mehr Zeit, als der Kunstlehrer für dieses Projekt eigentlich veranschlagt hatte. Trotzdem hatten sich im Endeffekt alle mit Hausaufgaben anderer Fächer beschäftigt und nicht daran weitergearbeitet. Die junge Schriftstellerin war also die Einzige, die eine fertige Anzeige präsentieren konnte. Dafür bekam sie zwei Pluspunkte eingetragen.
Schade für die fleißige Schülerin nur, dass diese positive Bewertung sich nicht in ihrer Zeugnisnote niederschlug, dafür eine vergessene Hausaufgabe aber so viel zählte wie zwei Wochen lang eisiges Schweigen für die mündliche Mitarbeit. Ihren Mitschülern entstand allerdings kein Nachteil aus der nicht bearbeiteten Aufgabe.

 

Gerecht ist das sicherlich nicht. Insgesamt verfestigt sich beim Lesen von Schulfrust der Eindruck, Sympathie sei das wichtigste Bewertungskriterium an Deutschlands Bildungseinrichtungen. Wie sonst ist zu erklären, dass eine Schülerin, die sich selbst im Fach Biologie eher mittelmäßig bewerten würde, in der Klausur nur ebenso durchschnittlich abschnitt und ihre mündliche Mitarbeit in einem gesamten Halbjahr als fast nicht vorhanden bezeichnet, ausschließlich aufgrund eines freiwillig gehaltenen Referates eine gute zwei ins Zeugnis eingetragen bekommt. Wer die eigene Schulzeit schon länger hinter sich gelassen hat, kann hier nur ungläubig staunen.

 

Allerdings übt Viviane Cismak nicht nur subjektiv Kritik, indem sie eigene Erfahrungen und Anekdoten weitergibt und analysiert. Sie sieht sich selbst als Teil einer großen Gruppe junger Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder noch machen. Sie prangert in großem Stil die bundesdeutsche Bildungspolitik an, die Uneinigkeit über die richtigen Schulformen, den Ungleichheit schaffenden Bildungsföderalismus und das Reform-Unglück G8.
Sie als Schülerin zeigt sehr deutlich auf, was all dieser politische Unsinn für tatsächliche Folgen für die Betroffenen haben kann. So konstatiert sie beispielsweise, dass das Abitur, das in Berlin abgelegt wird, unter gar keinen Umständen mit jenem zu vergleichen ist, welches in ihrem Heimatbundesland Hessen bestanden werden muss, damit an einer Universität studiert werden kann.


Ein kleines Beispiel für das nur als unterirdisch zu bezeichnende Niveau des Erdkundeunterrichts in der gymnasialen Oberstufe unserer Hauptstadt: »Das Niveau war absolut am Boden. Einer war sich nicht sicher, ob der Fluss, der durch Süddeutschland fließt, Neckar oder Eckar heißt, andere aus meinem Erdkundekurs konnten nicht einmal die Stadtteile Berlins nennen. (...) Hätte mein Erdkundelehrer aus Hessen mitbekommen, dass wir in der 12. Klasse die Topografie Deutschlands behandelten, er wäre vor Verwunderung aus den Latschen gekippt.« Und das wäre auch sein gutes Recht gewesen.

 

Was für andere Jugendliche bereits zur Allgemeinbildung gehört, scheint zumindest in Berlin absolutes Neuland für die meisten Schüler zu sein. Genauso wie eine Grundlagenkenntnis der deutschen Geschichte. An offensichtlichen Bildungslücken zählt Cismak an dieser Stelle unter anderem den Zeitraum der Weimarer Republik und den Holocaust auf.

 

Viel Raum in Schulfrust nehmen auch die Zusammenstöße der Autorin mit der muslimischen Kultur ein. Sie beschreibt ein Klima, in dem »Du Jude!« ein durchaus gängiges Schimpfwort auf dem Schulhof ist und Mädchen als »Schlampen« tituliert werden, weil sie mit 18 Jahren einen Freund haben und sich auf dem Schulhof nicht brav und zurückgezogen unter ihresgleichen aufhalten.
Sexismus und Antisemitismus sind also an der Tagesordnung in Schulen, die das Pech haben, in Problembezirken zu liegen. Es ist der jungen Autorin hoch anzurechnen, dass sie vor diesen Problem nicht, wie einige ihrer Lehrer, feige die Augen verschließt, sondern sie offen und ehrlich anspricht: »›Multikulti‹ nennen das einige, doch bei genauerer Betrachtung trifft das nicht ganz zu: Präziser müsste man die Bevölkerungsstruktur in diesen Stadtteilen mit dem Wort ›Monokulti‹ beschreiben. Denn dass sich an meiner Kreuzberger Schule viele verschiedene Kulturen miteinander vermischten und gleichwertig behandelt wurden, davon kann nun wirklich nicht die Rede sein. Genau genommen gab es nur eine Kultur beziehungsweise eine Religion, auf deren Bedürfnisse hier eingegangen wurde: den Islam.«

 

Mit einer positiven Grundeinstellung könnte der Leser an diesem Punkt vermuten, Cismak würde ein wenig übertreiben. Frei nach dem Motto: »So schlimm ist das doch alles gar nicht.« Ist es aber offensichtlich doch, wie man mit einigem Erschrecken den folgenden Zeilen entnehmen muss: »Lehrer machen sich darüber Gedanken, ob sie ihren Schülern im Unterricht den Schweinezyklus erklären konnten, ohne irgendwelchen religiösen Gefühle zu verletzen. Es gab kein Schweinefleisch in der Cafeteria und beim Bäcker gegenüber wurden alle Schüler auf Türkisch angesprochen. Muslimische Schüler erhielten pro Halbjahr durchschnittlich zwei zusätzliche Tage schulfrei, während die wenigen Nichtmuslime erscheinen mussten, um ihre Namen auf die Anwesenheitsliste zu schreiben.«

 

Dieser vonseiten der Schule aus recht einseitige Anspruch an Toleranz ist nicht nur in höchstem Maße ungerecht, sondern führt, wie im Fall des islamischen Fastenmonats Ramadan, auch für alle nicht-muslimischen Schüler und Schülerinnen zu erheblichen Einschränkungen. Im Ramadan darf ein Muslim oder eine Muslime nur in Ausnahmefällen wie harter körperlicher Arbeit oder einer Erkrankung tagsüber Nahrung oder Flüssigkeit zu sich nehmen. Der Leser kann sich ohne größere Schwierigkeiten vorstellen, welche Auswirkungen das auf die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit hat.

 

Unter dem noch weiter sinkenden Niveau des Unterrichts haben allerdings nicht nur Muslime allein zu leiden, nein, auch alle anderen sitzen unfreiwillig mit in diesem Boot und müssen einen ganzen Monat lang zwangsweise gemeinsam mit Personen lernen, deren Aufnahmefähigkeit deutlich eingeschränkt sein kann. Sie dürften nicht zu beneiden sein.

 

An dieser Stelle muss auf eine wirklich unbequeme Wahrheit hingewiesen werden. An verschiedenen Punkten des Buches macht Viviane Cismak deutlich, dass Lehrer schon lange nicht mehr das sind, was sie einst waren. Das Idealbild eines Lehrers ist das eines strengen, disziplinierten und gut organisierten Mannes, der dabei aber freundlich ist und auch mal den einen oder anderen Schabernack ohne zu murren mitmacht. Er sollte die Schüler motivieren und ihnen Leistungen abverlangen, die dann gerecht benotet werden. Selbstverständlich darf es auch eine Frau sein.

 

Vor allem aber sollte die Lehrkraft eines sein: couragiert. Diesen Idealtypus gibt es nicht, oder vielmehr nicht mehr. Dieser Eindruckt drängt sich dem Leser oder der Leserin von Schulfrust auf. Extra dafür bezahlte Lehrer, die nicht wissen, wie genau die Abiturprüfungen mitsamt ihren Zulassungshürden aussehen, Sekretärinnen, die nicht in der Lage sind, eine einfache Namensliste als Organisationshilfe für den von den Schülern organisierten Abschlussball oder Fachlehrer, die sich nicht trauen, in der Diskussion um die Unterdrückung der Frau im Islam eine klare Position für unser christlich-abendländisches Wertesystem und die im Grundgesetz verankerten Menschen- und Bürgerrechte zu beziehen. Es ist leider kein schlechter Witz.

 

Die deutschen Lehrer sind zumindest in einigen Teilen des Landes offensichtlich nur noch im Dienst, um dort den Sozialarbeiter zu ersetzen. Zu allem Überfluss haben sie in großen Teilen ihren Idealismus und ihre Motivation, gut zu unterrichten und Ansprechpartner für die Schülerschaft zu sein, schon lange verloren. Hier gilt selbstverständlich der bekannte Satz »Ausnahmen bestätigen die Regel«. Auch Viviane Cismak ist keine einseitige Nörglerin, die immer ein Haar in der Suppe findet. Sie lobt umgängliche Schüler ebenso wie die wenigen engagierten Lehrkräfte. Aber wo es offensichtlich so wenig Positives zu berichten gibt, hat es keinen Sinn, die Dinge zu beschönigen.
Es bleibt zu hoffen, dass die Kritik der Abiturientin nicht ungehört verhallt. Es ist an der Zeit, dass sich auch in der Politik endlich die Erkenntnis durchsetzt, dass nicht alles, was auf dem Papier ganz wunderbar ausschaut, in der Umsetzung auch sinnvoll sein muss. Es kann nicht sein, dass völlig an den Betroffenen, und damit sind Schüler genau wie Lehrer gemeint, vorbei reformiert wird. Des Weiteren sollten Konsequenzen gegen aus objektiver Sicht wahrhaft inkompetente Lehrer möglich sein, ebenso ist härteres Durchgreifen bei Sexismus, Antisemitismus, Betrügereien und Gewalt im Klassenzimmer und auf dem Schulhof gefragt. Lehrer sollten sich mehr Autorität zutrauen und den damit verbundenen Respekt auch von ihren Schülern einfordern.

 

Ganz davon abgesehen wäre es dringend notwendig, die oft zu passiven Eltern wieder mehr in das schulische Geschehen miteinzubinden. Wenn etwas nicht rund läuft, muss auch ein Schüler sich mit Unterstützung seiner Eltern beschweren dürfen. Wir stellen also fest: Damit sich etwas ändert im momentan katastrophalen bundesdeutschen Schulsystem, und der nächste Schüler oder die nächste Schülerin Erfreulicheres zu berichten hat als Viviane Cismak, muss noch viel geschehen. Schulfrust stellt der aktuellen Situation jedenfalls ein lustig geschriebenes, manchmal etwas belehrendes Zeugnis aus: Ein Armutszeugnis bleibt es trotzdem.

 

Viviane Cismak: »Schulfrust - 10 Dinge, die ich an der Schule hasse«, Taschenbuch, 201 Seiten, 9,95 EUR, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Januar 2012

 

 


 

 

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