Monday, 27. June 2016
24.03.2016
 
 

Brüssel: Journalisten überfluten uns wieder mit Hysterie, Falschinformationen und Netzgeplapper

Markus Mähler

Am Dienstag stand die Welt kurz still. Wir wollten saubere und richtige Informationen über den unfassbaren Terror in Brüssel. Doch die Journalisten schalteten das Hirn aus und den Panik-Knopf ein: Das verbreitete Überwachungsvideo mit den Explosionen von Brüssel ist fünf Jahre alt und zeigt einen Anschlag am Moskauer Flughafen. Die Medien wollten sogar das belgische AKW Tihange mit Schlagzeilen in die Luft sprengen: »Ein Atomkraftwerk ist natürlich ein Anschlagspunkt.« Belgiens Behörden bettelten bei den Journalisten um mehr »Vorsicht«. Vergeblich: Sie unterboten wieder alle Standards. Es konnte gar nicht genug Bomben in Brüssel geben. Also erfand man welche.

 

Die erbärmliche Wahrheit über den Brüsseler Katastrophen-Journalismus sah so aus: Ein RTL-Reporter stand über Stunden vor einer Polizeiabsperrung und erzählte der Kamera, warum er nichts sieht und nichts weiß: Er steht nämlich vor einer Polizeiabsperrung. Bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz wurde einfach zum Korrespondenten nach Paris (!) geschaltet. Der durfte ausgiebig darüber berichten, was er im französischen Fernsehen sieht.

 

Bei n-tv dichteten die Reporter Heißluftsätze: Wie »angespannt die Lage ist« und: »Hier ist noch lange nicht Alltag.« Finden Sie das unterirdisch? Ein anderer Reporter beim gleichen Nachrichtensender stellte sich einfach vor den Frankfurter Flughafen, »nur 300 Kilometer von Brüssel entfernt«. Er schilderte, dass auch hier »die Angst ein bisschen mitfliegt«.

 

Überbieten können das nur noch TV-Experten, die über Szenarien, Motive und Attentäter rätseln: »Das ist natürlich jetzt alles Spekulation, aber es sieht ganz danach aus, dass das so ist.« Irgendwie ist Deutschland ja auch schon wieder »im Fadenkreuz des Terrors«. Wann knallt es eigentlich bei uns?

 

Wir haben keine Bombenbilder aus Brüssel? Dann machen wir uns welche!

 

Die Journalisten verbargen ihre Hilflosigkeit zunächst unter Dampfplauderei. Bringt das aber Quoten, Klicks und Auflage? Nein, also Panik-Knopf ein und Hirn aus. Willkommen beim hysterischen Brüsseler Katastrophen-Journalismus: Wir nehmen alles, was uns in die Finger kommt. Auch die kleinste Mutmaßung war vor der hysterischen Meute nicht sicher.

 

Der belgische Minisender VRT brachte ein Video in Umlauf, das dort inzwischen gelöscht wurde. Hier das Original, so wie es VRT am Dienstag ins Netz stellte. Es zeigt angeblich eine Überwachungskamera, die gerade Explosionen am Flughafen Zaventem aufnimmt. Es gibt nur ein Problem: Die Detonationen sind fünf Jahre alt und vom Moskauer Flughafen Domodedowo. Im Fake-Video war bloß das Datum auf dem Bild ausgetauscht worden.

 

Zum Glück haben wir aber Journalisten, oder? Sie checken und entlarven Fälschungen. Einfach, weil sie das so gelernt haben. Sie wollten aber lieber Hysterie verbreiten: Das falsche Video stammte weder von der Polizei noch vom Sicherheitspersonal des Flughafens. Trotzdem ließ man es im ZDF Spezial um 11 Uhr am Dienstag ordentlich knallen.

 

Hinterher wanderte die Sendung mit dem Fake-Video sogar in die Mediathek und war dort bis 16:30 Uhr abrufbar. Inzwischen läuft dort an gleicher Stelle nur das ZDF Spezial von 14 Uhr; natürlich ohne Explosionen aus Moskau. So geht journalistische Fehlerbereinigung. Auch bei RTL und Phoenix verschwand das verruckelte Filmchen ohne ein Wort. In der ARD-Mediathek fehlt die  Tagesschau vom Dienstag, 12 Uhr.

 

Journalisten verbreiten mehr Panik, als es Terroristen jemals könnten

 

Focus Online und Stern.de löschten kommentarlos ihre explosiven Beiträge. Die Huffington Post bog sich die Realität einfach hinterher wieder gerade. Der Beitrag wurde kommentarlos gelöscht und durch einen neuen ersetzt.

 

Er zeigt immer noch die Moskauer Explosionen, nur ein paar Sätze sind anders: »Doch das Video hat mit den Anschlägen nichts zu tun. Es ist offenbar viel älter. Dennoch verbreitete es sich rasant durchs Netz – auch die Huffington Post hatte es für kurze Zeit auf der Seite.«

 

Es sollte nicht die einzige Falsch-Explosion von Brüssel bleiben. Auch CNN fakte und verkaufte einen Terroranschlag in der Minsker U-Bahn vom April 2014 als Explosion in der Maelbeek-Metrostation. Der Nachrichtensender hatte sich das Video aus dem sozialen Netz herausgefischt und mit der Quellenangabe »Onlinmagazine« versehen, inklusive Rechtschreibfehler.

 

Weil immer noch ein bisschen mehr geht: Der Terror-GAU im AKW

 

In der Zwischenzeit probten Deutschlands Medien gleich den Terroranschlag auf das Atomkraftwerk Tihange, weil Flughafen und Metro einfach noch nicht genug sind und das AKW lächerliche 70 Kilometer entfernt von Brüssel steht. Nahe der deutschen Grenze! Bei Aachen! Im Kraftwerk durften einige Mitarbeiter nach Hause gehen.

 

Der Betreiber zankte sich hinterher mit den Medien über Twitter, die daraus eine panische Massen-Evakuierung strickten. Die hatten aber schon längst Blut geleckt. AKW bei Brüssel? Die Brüder El Bakraoui in Brüssel? BUMM im Terror-Kernkraftwerk! Die belgische Newsseite hln.be dreht das Spekulationsrad sogar am Donnerstag noch weiter: »Brüder El Bakraoui spionierten Geschäftsführer des Kraftwerks aus.«


Doch zurück zur Panik vom Dienstag: Bei n-tv machte man aus ein paar Mitarbeitern, die nach Hause gingen, eine Horrormeldung: »Belgien: AKW Tihange evakuiert.« Die Frisur des Nachrichtensprechers saß perfekt, trotzdem orakelte er: »Ein Atomkraftwerk ist natürlich ein Anschlagspunkt (…) da stehen einem die Haare zu Berge!« Und weil ihm dabei wohl selbst ein Schauer über den Rücken lief, ging es hysterisch weiter: »Kaum vorstellbar, dass es zu einem atomaren Zwischenfall kommen könnte, provoziert durch Terroristen! (…) Allein die Vorstellung ist natürlich ein absolutes Horrorszenario!«

 

Dass die belgischen Behörden auch der Universität in Brüssel oder dem Justizpalast empfahlen, Mitarbeiter nach Hause zu schicken, ging unter. Nur das Atomkraftwerk schaffte es in die Terror-Schlagzeilen.

 

»Die Behörden haben gebeten, nicht jede Info auf den Ticker zu geben«


Permanent live: Horrorszenarien, Spekulationen, Gerüchte, Fälschungen, Panikmache. So sieht die bombastische Informationsleistung der Medien zu den Anschlägen in Brüssel aus, mit der sie Unruhe stifteten und den Terroristen genau in die Hände spielten.

 

Die belgischen Sicherheitskräfte bettelten bei den Journalisten sogar mehrmals und verzweifelt um mehr Zurückhaltung. Von »eigenen Ermittlungen« sollten sie bitte Abstand nehmen.

 

Doch es wiederholte sich nur das Trauerspiel wie bei den Pariser Anschlägen vom November. Ein Reporter von N24 blickte kurz schuldbewusst in die Kamera: »Die Behörden haben gebeten, nicht jede Info auf den Ticker zu geben.« Hinterher wurde die mediale Schlagzahl des hysterischen Dauerbombardements aber noch erhöht.

 

 

 

 

 

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