Montag, 24. Juli 2017
04.08.2016
 
 

Feindbesuche und Überfälle: Transatlantiker knöpfen sich Russia Today vor

Markus Mähler

Was tun westliche Journalisten im Sommerloch? Ganz klar: Russia Today dämonisieren. Sie berichten, dass ein »moskautreuer« Russia-Today-Reporter eine deutsche Redaktion gestürmt hat. Sie verbreiten nicht ohne Schadenfreude: Kontrolleure der Bundesregierung durchleuchten das deutsche Programm des russlandtreuen Nachrichtensenders. Die Financial Times wagte sogar einen Feindbesuch bei Margarita Simonjan, Chefin des RT-Netzwerks. Die Zeitung nennt sie liebevoll Chefin des »Propaganda-Megafons«.

 

Wer für Russia Today arbeitet, der überfällt auch deutsche Redaktionen – so jedenfalls verbreiten es gerade die deutschen Medien: Graham W. Phillips und Billy Six stürmten am Dienstagnachmittag um 16 Uhr die Berliner Redaktion des Journalistenbüros Correctiv. Sie riefen dort »Lügenpresse, »Propagandisten«. Sie wollten den Correctiv-Reporter Marcus Bensmann vor ihre Kamera zerren, denn der hat etwas Moskaufeindliches geschrieben. Später landet der ganze »Überfall« als Videoclip bei Youtube.

Dieser surreale Nonsens schlägt hohe Medienwellen: Die FAZ schreibt von »Krawall«. Der Berliner Tagesspiegel meldet sich gleich in eigener Sache zu Wort: »Auch der Tagesspiegel sollte schon eingeschüchtert werden.« Wohl auch deshalb kommentiert die Zeitung den »Überfall« hämisch: »Als der Streifenwagen um die Ecke biegt, nehmen die vorher noch so selbstsicher aufgetretenen Männer doch lieber die Beine in die Hand.«

 

Die beiden Aktivisten haben sich hier tatsächlich eine verwirrende Aktion geleistet. Zum Glück sind unsere Journalisten aber im Sommerloch. Sie jubeln den »Überfall« schnell zur neuesten Episode im Kalten Medienkrieg hoch: Die Aktivisten arbeiten für die dunkle Seite! Graham W. Phillips sei ein »moskautreuer« Journalist, schreibt der Tagesspiegel. Er arbeitet für »den russischen Staatssender Russia Today«, schreibt die FAZ. Markus Grill, Chefredakteur beim »überfallenen« Journalistenbüro Correctiv nennt Phillips einen »Propagandakämpfer«. Bild jubelt diese merkwürdige Aktion gleich zum Terrorakt hoch: »Pro-russische Attacke auf Redaktion in Berlin«.

 

Deutschlands Journalisten sind sich allzu schnell einig: Das waren wieder Propaganda-Grüße aus Moskau. Die Guten, die Freien, die Wackeren wurden von den Bösen, den Unfreien, den Feigen eingeschüchtert. Der Gute ist hier Marcus Bensmann, Reporter beim »überfallenen« Journalistenbüro Correctiv. Er schrieb, dass russische Offiziere das Passagierflugzeug MH17 über der Ukraine abgeschossen haben. Der Böse ist natürlich der »moskautreue« Redaktionsstürmer Graham W. Phillips. Der wollte einfach nicht wahrhaben, dass Bensmann eine »für Moskau wenig erfreuliche« (FAZ) Wahrheit herausfand. Deshalb spazierte Phillips durch die Redaktionsräume von Correctiv auf der Suche nach Bensmann.

 

Wie gesagt: Eine irre Einzelaktion. Dabei wollten es die deutschen Journalisten aus lauter Paranoia aber nicht belassen – und das ist genauso fragwürdig. Sie gruben im Eiltempo die pro-russischen Leichen in der Lebensbiografie des Redaktionsstürmers aus: Der angebliche Moskau-Propagandist Phillips sei angeblich in der Ostukraine unterwegs. Er wurde angeblich von der ukrainischen Nationalgarde verhaftet. Angeblich haben ihn sogar die Letten verhaftet. Stück für Stück wurde das Bild eines russlandtreuen Monsters zusammengefügt. Das Sahnestück: Dieser Phillips ist ein Mitarbeiter von Russia Today! Damit wurde der Eindruck erweckt, er stehe direkt auf Putins Gehaltsliste.

 

Die FAZ spekulierte sogar, dass dieser »Überfall« Teil eines größeren Moskau-Plans ist: »Der Fall erinnert an das Vorgehen gegen den Fernsehjournalisten Hajo Seppelt, der maßgeblich zur Aufdeckung des Doping-Skandals in Russland beigetragen hatte. Eine Journalistin des russischen Staatsfernsehens hatte ihn in Köln aufgesucht und sich ähnlich verhalten wie die Eindringlinge in Berlin.« Auch der »Russlandfachmann und langjährige Focus-Korrespondent in Moskau« (FAZ) Boris Reitschuster meldete sich rasch zu Wort: »Höchste Zeit, dass unsere Behörden und Journalistenverbände aufwachen.« Andere Stimmen nennen Reitschuster übrigens einen fanatischen Putin-Hasser.

 

Die SPD-Allzweckwaffe Karl Lauterbach forderte auf Twitter: »#Pressefreiheit muss gegen Putin verteidigt werden! Gewaltdrohung gegen Recherchejournalist im Berlinbüro.« Die Leiterin des ARD-Studios Washington meldete sich sogar jenseits des Atlantiks zu Wort: »Unglaublich. In Berlin, nicht in Moskau. @correctiv_org hat z.B. große Recherche zum MH17-Abschuss veröffentlicht.«

 

So weit die zusammengestrickte Mediengeschichte über Putins neuesten Angriff auf Europas Pressefreiheit – sie hat nur einen großen Haken: Graham W. Phillips ist gar kein Mitarbeiter von Russia Today und steht auch nicht auf der Gehaltsliste des Kremls. Man kann ihn bestenfalls einen freischwebenden Künstler der Selbstvermarktung nennen. RT Deutsch meldete sich zu Wort: »Die Anschuldigungen sind frei erfunden. Nichtsdestotrotz empören sich ein Bundestagsabgeordneter und eine ARD-Studioleiterin über den Fall.« Keiner der beiden Redaktionsstürmer stehe bei Russia Today in Lohn und Brot.

 

»Von dem Videoblogger Phillips bezog RT International in der Vergangenheit zwar einzelne Rohaufnahmen, wie es mit zahlreichen freien Zulieferern der Fall ist, doch auch dies ist längst nicht mehr aktuell.« Der Brite tobte auf Twitter, dass ihm unsere Medien die Rolle des Moskau-Aktivisten zugedacht haben: »Die Lügen der @correctiv_org – ›Journalisten von Russia Today‹. Nein, ich bin Journalist und ich hasse Russia Today.« Phillips soll selbst mit Informanten gesprochen haben, mit denen auch Marcus Bensmann über den Abschuss der MH17 sprach. Er bekam andere Aussagen zu hören, als sie der deutsche Correctiv-Journalist in seinem moskaukritischen Stück über den Flugzeugabschuss verbreitet. Das darf man kritisieren, einen »Überfall« in der Redaktion rechtfertigt das aber nicht.

Russia Today steht übrigens gleich an mehreren Fronten unter westlichem Dauerfeuer. Der Stern-Journalist Hans-Martin Tillack schrieb am Mittwoch, dass Kontrolleure der Bundesregierung den Nachrichtensender seit dem 1. Dezember 2014 systematisch beobachten. Das Besondere an diesem Medien-Monitoring: Die Beobachtungen werden nicht wie sonst üblich auch den Tausenden Regierungsbeamten zur Verfügung gestellt. Nein, alle Erkenntnisse über RT Deutsch »gingen bisher nur an einen kleinen Kreis um Merkels Regierungssprecher Steffen Seibert«, schreibt Tillack. Auch das riecht wieder nach Kaltem Medienkrieg. Warum bleibt die Beobachtung von Russia Today Verschlusssache?

Die Kontrolleure der Bundesregierung werteten das Programm von RT Deutsch in einem Ton aus, den man eher von NATO-Funktionären erwartet: »Die Ukraine wird weiterhin als korrupter Hort faschistischer Umtriebe und Milliardengrab für westliche Steuergelder dargestellt. Weiterer Fixpunkt der RT-Deutsch-Agenda bleibt die Kritik an den ›Leitmedien‹. Die Auswahl der Interviewpartner (Rainer Rupp, Andreas v. Bülow, Udo Ulfkotte, Eva Herman) sorgt zuverlässig für den gewünschten ›Spin‹ der Berichte.« Das Protokoll vom März 2015 klingt ähnlich: »Keine signifikante Änderung des einseitig tendenziösen, propagandistischen Charakters der Berichte und Kommentare, lediglich die Themenwahl wechselt angepasst an die Tagesaktualität.« Im Juni 2015 beklagte man den »klassischen 70er-Jahre-SED-Duktus«.

Die dritte Medienfront gegen Russia Today wurde übrigens auf russischer Heimaterde eröffnet. Die britische Financial Times sprach in Sotschi mit Margarita Simonjan, der Chefin des RT-Netzwerks. Die Russin sagte in der Interviewreihe »Lunch with the FT« (Achtung Bezahlschranke): »Wir sind weitaus unkritischer mit der westlichen Politik, als es etwa die westlichen Medien mit Russland sind.« Simonjan zeigte sich sogar resigniert: »Alles, was du sagst, wird gegen dich verwendet.« An dieses Motto hielt sich auch die Financial Times – der Beitrag schürte wieder die Angst vor Russia Today.

 

Der US-Außenminister John Kerry wurde einmal mehr zitiert: Russia Today sei ein »Propaganda-Megafon«. Aber auch die Financial Times sparte nicht mit eigenen harten Worten: Simonjan sei die »Cheerleaderin der russischen Propaganda-Bemühungen im Westen«. Russia Today sende aus einem »Parallel-Universum«, es habe eine Mission, den westlichen »Mainstream-Medien höhnisch« den »trügerischen Spiegel« entgegenzuhalten.

 

Die Zeitung verbreitete auf vielen Zeilen eine ganz einfache Botschaft: Russia Today = böse. Wir, die westlichen Medien = gut. Bleibt natürlich eine Frage: Wenn der Westen auf vermeintliche russische Propaganda mit Gegenpropaganda antwortet – was bleibt dann für das Publikum übrig? Propaganda auf allen Seiten und keine Wahrheit. Mit unserer eigenen Pressefreiheit steht es also auch nicht zum Besten. Das zeigt besonders deutlich der »Überfall« auf das Journalistenbüro Correctiv. Alle deutschen Medien und auch die Politik antworteten vereint im Chor: Oh, wie schlimm ist Russland. Wenn das mal keine Paranoia ist.

 

 

 

 

 

 

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