Saturday, 25. June 2016
19.01.2016
 
 

Vertuschter Schweigebefehl: Warum Medien erst jetzt über Flüchtlingsgewalt berichten dürfen

Markus Mähler

Plötzlich darf berichtet werden: Politiker wussten bereits im Oktober 2014 über kriminelle Flüchtlinge Bescheid. Sie verordneten aber Schweigen und entschieden sich gegen die Wahrheit, gegen das Volk. Warum braucht Springers Welt ein Jahr, um diesen Skandal aufzudecken? Das Protokoll der Sitzung lag offen, nicht erst seit der Kölner Silvesternacht. Beim WDR lässt man ausrichten, dass die ungewohnt offene Mitarbeiterin erstens bloß »totalen Quatsch verzapft« hat und zweitens verschwunden ist. Ansonsten arbeitet der Sender seinen Skandal wie ein chinesisches Staatsunternehmen auf – mit Genickschusskultur.

 

Sprachrohr der Regierung? Zwei geschlossene Augen für kriminelle Flüchtlinge? Alternativlose Jubelarien über Merkels Asylpolitik? Betriebsblindheit? Diese Vorwürfe entkräften Medien gerade mit panischem Aktionismus. Sie wirken dabei wie ein Fuchs, der allzu deutlich im Hühnerstall gewütet hat und jetzt hastig die übriggebliebenen Federn frisst.

 

In der Flüchtlingskrise war die Wahrheit über importierte Gewaltkultur lange ein Tabu. Bis ein Migranten-Mob auf der Kölner Domplatte eine Barbarei entfesselte, die in Deutschland viele Augen öffnete. Der Schweigereflex hielt nach Silvester genau noch drei Tage. Danach brachen alle Dämme, weil die Empörung der Menschen in den sozialen Medien zu laut und zu groß wurde.

 

Seitdem überbieten sich Funk, Fernsehen, Zeitungen, Magazine und Webseiten gegenseitig mit immer neuen Enthüllungen zur Flüchtlingsgewalt.

 

Ein ohrenbetäubendes Getrommel übertönt die berechtigte Frage, warum erst jetzt offiziell ans Licht der Öffentlichkeit kommt, was die Spatzen längst von allen Dächern pfiffen.

 

Warum darf erst jetzt über Flüchtlingsgewalt berichtet werden?

 

Springers Welt enthüllte, dass die Gewaltorgie von Köln absehbar war: »Führende NRW-Innenpolitiker waren schon im Oktober 2014 über Straftaten durch Gruppen nordafrikanischer Männer, die in Flüchtlingsheimen in Nordrhein-Westfalen lebten, informiert. Um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen, gingen sie mit diesen Informationen aber nicht an die Öffentlichkeit. Das legt das Protokoll einer Innenausschusssitzung vom 23. Oktober 2014 nahe.«

 

Das ist bestimmt nicht neu – Kopp Online schreibt darüber schon seit Monaten. Der eigentliche »Skandal« ist ein anderer: Warum kommt die Welt damit erst jetzt an? Die Medien waren bei der Skandalsitzung dabei, das Protokoll war für Journalisten – eigentlich für jeden – öffentlich zugänglich. Man hätte bloß zugreifen müssen. Sich trauen müssen, gegen den allgemeinen Jubeltrend für Flüchtlinge anzuschreiben. Hat aber keiner gemacht. Kein einziger.

 

Erst die Kölner Gewaltnacht, der Aufschrei im Land und eine unter Dauerfeuer stehende Kanzlerin im Bunker haben den nicht ganz so freien Wächtern unserer freien Meinung das schmale Rückgrat gestärkt.

 

Das Nadelöhr: Gleiche Meinung – aber anderer Chefredakteur

 

Apropos Fähnchen-im-Wind-Kultur: Der Wind bläst jetzt bei der Welt aus der anderen Richtung. Seit Stefan Aust als Chefredakteur der WeltN24-Gruppe den Einpeitscher gibt, massiv gegen Merkel trommelt und dem »Medien-Mainstream eine Absage erteilte«, trommelt auch seine Journalistenherde eifrig mit. Neue Besen kehren eben anders.

 

Austs weggelobter Vorgänger Jan-Eric Peters schoss noch seinen »durchgeknallten« Autor Matthias Matussek in den Orbit. Der wurde nach den Pariser Anschlägen vom November sarkastisch! Matusseks Vergehen: Er setzte einen lachenden Smiley unter diesen Facebook-Kommentar.

 

Gleiches Szenario, anderer Chefredakteur: Welt-Autor Henryk M. Broder packte die Axt aus, um einen unendlich naiven Beitrag im Berliner Tagesspiegel über die importierte Kölner Vergewaltigungskultur zu kritisieren: »Es gibt auch Frauen, die mit dem Schwanz denken.« Danach wünschte Broder: »Und den beiden Frauen vom Tagesspiegel wünsche ich, dass sie vom IS nach Rakka eingeladen werden, um zu erfahren, was Rape Culture bedeutet.« Broder darf weiter die Axt schwingen, wurde nicht in den Orbit geschossen, Aust beließ es bei einer sanften Ermahnung.

 

Mit Claus Kleber hat immer noch niemand gesprochen

 

So etwas zeigt, dass die freie Meinung doch ein enges Nadelöhr hat, das sie erst einmal passieren muss. Alpha-Journalisten, Chefredakteure, Einpeitscher, die ganze Palette an Netzwerken und Verstrickungen, über die einflussreiche Journalisten nicht so gerne reden möchten.

 

Es braucht gar keine Schweigeverordnung für alle, die aus dem Kanzleramt kommt. Darüber hat ZDF-Nachrichtengesicht Claus Kleber so gerne fabuliert: Mit ihm habe niemand über so etwas gesprochen. Es genügen einfach die richtigen Männer mit der richtigen Einstellung an der richtigen Stelle. Alpha-Journalisten, die Themen einfordern, abschmettern oder in eine andere Richtung bürsten. Und dann braucht es noch eine von den Leithammeln gelenkte Herde. Schreibtischtäter, die das gerade gewünschte Meinungsbild erzeugen.

 

Beim WDR begab sich eines der Schäfchen auf Abwege. Claudia Zimmermann berichtete Ungeheuerliches. Offenbar angestachelt von der freien Luft Amsterdams, sagte die WDR-Journalistin im niederländischen Radio: »Wir sind öffentlich-rechtlicher Rundfunk und darum angehalten, das Problem in einer mehr positiven Art anzugehen. Das beginnt mit der Willkommenskultur von Merkel bis zu dem Augenblick, als die Stimmung kippte und es mehr kritische Stimmen im Rundfunk und auch von der Politik gab.« Das heißt: Die Meinung im deutschen Staatsfunk ist eine fließende Sache. Sie passt sich der Lust und der Laune von Regierungspolitikern an, die seit Jahrzehnten bei ARD und ZDF die Senderregierung besetzt halten. Nicht einmal das Bundesverfassungsgericht konnte daran etwas ändern.

 

Typisches Bauernopfer: Kritische WDR-Journalistin war nur verwirrt

 

Zimmermanns Beichte war der GAU, weil sie den Restglauben der Menschen an die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks weiter dezimiert. Seitdem ist eine »Totaler-Quatsch«-Kampagne ins Rollen gekommen. So zitiert der WDR jetzt seine kritische Journalistin Claudia Zimmermann. Der Sender stellt sie öffentlich als unzurechnungsfähig bloß und lässt sie Folgendes sagen: »Ich […] habe totalen Quatsch verzapft. Mir ist das ungeheuer peinlich. Denn ich bin niemals als freie Journalistin aufgefordert worden, tendenziös zu berichten oder einen Bericht in eine bestimmte Richtung zuzuspitzen.« Nachfragen sind beim Bauernopfer übrigens zwecklos. Zimmermann ist von der Bildfläche verschwunden.

 

Stefan Niggemeier, Deutschlands offiziellster Medienkritiker, übernahm jetzt als Kommissar die Aufklärung der Affäre. In seinem neuen Blog Übermedien gibt er Entwarnung: »Niemand von denen, mit denen wir gesprochen haben, kennt solche oder ähnliche Vorgaben und Erwartungen, wie sie Claudia Zimmermann geschildert hat. Niemand kann sich vorstellen, dass eine entsprechende Vorgabe der Haltung existiert. In den internen Mitarbeiterforen herrscht Ratlosigkeit.«

 

Niemand sprach mit Niggemeier über das Problem, also gibt es keins

 

Na, dann ist ja gut. Weil niemand mit Stefan Niggemeier über das Problem reden wollte, gibt es auch kein Problem. Was bei Niggemeier aber fehlt: Welcher geistig gesunde Mensch hätte dem Medienkritiker gerade etwas anderes gesagt? Beim ARD-Sender ist Großbrandtag und Niggemeiers Rumfragen im Beamtenparadies kommt zur Unzeit. Was der Medienkritiker fragte, war das eine. Bei den Menschen im lichterloh brennenden WDR-Tollhaus kam aber eher das an, die berühmten Worte zwischen den Zeilen:

 

Lieber WDR-Mitarbeiter, deine Kollegin Zimmermann wurde gerade abrasiert und musste sich von der PR-Abteilung als Irre bloßstellen lassen. Karrieremäßig war es das für sie. Wenn du jetzt auch das Falsche sagst, wartet ein Ticket zum Nordpol. Also, lieber WDR-Arbeiter, sag doch mal, ob alles in Ordnung ist beim Kölner Sender. Möchtest du auch etwas Ungeheuerliches beichten und damit genauso zum Abschuss freigegeben werden?

 

Ein »nützlicher Idiot«

 

Das wollte keiner. Niemand goss Öl ins Feuer, das der eigene Brötchengeber gerade mit drastischen Maßnahmen löscht. Niggemeier feierte sich vor ein paar Tagen selbst dafür, dass er von den Mainstream-Medien als Alibi-Kritiker ausgenutzt wird. Er sei ein »nützlicher Idiot« mit einer Aufgabe: »Ich prangere ein paar Fehlerchen an, um zu verschleiern, dass es eigentlich um systematische Desinformation geht.« Nach seiner Rumfragerei beim WDR und der vorschnellen Absolution für den öffentlich-rechtlichen Sender nährt Niggemeier genau diesen Verdacht.

 

Die Aufarbeitung beim WDR – der unorthodoxe Vergleich lässt sich nicht verkneifen – erinnert an die Genickschusskultur chinesischer Staatsunternehmen. Erst sprangen beim Apple-Zulieferer Foxconn ein paar Fabrikarbeiter wegen unmenschlicher Arbeitsbedingungen vom Dach. Anschließend wurden Mitarbeiter vor die Kameras gezerrt und mussten unter den Argusaugen ihrer Einpeitscher beschwören, wie wunderbar doch alles beim WDR ist – sorry, bei Foxconn.

 

 

 

 

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