Thursday, 29. September 2016
01.07.2013
 
 

BRIC: Von der Erfolgsformel zur Crash-Chiffre

Michael Brückner

Brasilien, Russland, Indien, China – die so genannten BRIC-Staaten wurden noch vor Kurzem als Motoren der Weltwirtschaft gefeiert. Nun taumeln sie in die Krise, vielleicht sogar in einen spektakulären Crash. In Brasilien begehren Millionen gegen die Regierung auf, in Indien lähmen Bürokratie und Misswirtschaft die weitere Entwicklung – und in China droht sogar der Kollaps des kompletten Finanzsystems. Die Folgen für Europa wären unabsehbar.

Es sind nur vier Buchstaben – und doch muteten sie lange wie eine Erfolgsformel an. Sie standen für das ungestüme Wachstum von vier dynamischen Schwellenländern, reich an natürlichen Ressourcen, allesamt mit großen Bevölkerungszahlen sowie einer wachsenden Mittel- und Oberschicht, die nach westlichen Produkten dürsten. Nicht zuletzt die Manager deutscher

Automobilhersteller bekamen lange Zeit glänzende Augen, wenn sie vom Potenzial der BRIC-Staaten sprachen. Die Abkürzung steht für »Brasilien, Russland, Indien und China«. Eigentlich Staaten, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Es gibt nur wenig Verbindendes. Lediglich das rasante Wirtschaftswachstum war ihnen in den vergangenen Jahren gemein.

 

Doch spätestens in diesem Frühsommer ist die Illusion geplatzt, dieses Quartett könnte dank seiner nahezu unbegrenzten Potenziale langfristig die Ausfälle in den krisengeschüttelten Euro-Staaten mehr als ausgleichen. Die meisten BRIC-Staaten stehen inzwischen selbst vor dem Crash.

 

Millionen demonstrieren seit Wochen in Brasilien gegen die Regierung. Der Confed-Cup, eigentlich als Generalprobe für die Fußball-WM im nächsten Jahr gedacht, geriet zum Fiasko. Wo Touristen aus dem Ausland auf Fußball-Begeisterung hofften, trafen sie auf brennende Autos und Tränengaswolken. »Schulen statt Stadien«, skandierten die aufgebrachten Brasilianer, die genug haben von Korruption, Vetternwirtschaft und Kriminalität.

 

In China, im Westen oft in unkritischer Verklärung als Wachstumslokomotive für die Weltwirtschaft gefeiert, konnten die Bankkunden Ende Juni kein Geld von ihren Konten abheben. Die größten Banken des Landes – die ICBC, die Bank of China und die Bank of Nanjing – meldeten angeblich »technische Störungen«. Weil sich die Banken untereinander kein Geld mehr liehen, stiegen die Zinsen für kurzfristige Darlehen auf bis zu 25 Prozent.

 

Die indische Wirtschaft, die noch vor zwei Jahren mit Wachstumsraten von rund neun Prozent aufwarten konnte, verlor in den vergangenen Monaten ebenfalls erheblich an Schwung. Im ersten Quartal 2013 stieg das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres nur noch um 4,8 Prozent. Diese Zahl stammt von der Regierung und sollte daher mit einer gewissen Vorsicht bewertet werden. Doch selbst wenn diese Daten stimmen, befände sich die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens in einer Flaute. Indien braucht deutlich höhere Zuwachsraten, um ausreichend Arbeitsplätze für die schnell wachsende Bevölkerung zu schaffen.

 

Dies sind nur ein paar aktuelle Beispiele für den Niedergang des noch vor Kurzem so strahlenden BRIC-Quartetts. Die internationalen Investoren sind tief verunsichert und ziehen in großem Umfang Gelder aus den Schwellenländern ab. Experten berichten sogar von einer einsetzenden Kapitalflucht, die letztlich die Situation in diesen Staaten weiter zuspitzen könnte.

 

Wo liegen die Ursachen für die plötzliche Ernüchterung nach dem überzogenen BRIC-Hype der letzten Jahre? Vielleicht darin, dass man in westlichen Konzern- und Regierungszentralen nur das sah, was man sehen wollte. Brasilien boomte anscheinend ohne Ende, vor allem dank des Exports von Rohstoffen nach China. Fußball-WM, Olympische Spiele, Milliardeninvestitionen in die marode Infrastruktur – das lateinamerikanische Riesenland war kaum noch wiederzuerkennen.

 

Und heute? Das Volk begehrt auf gegen die korrupte politische Klasse. Eine Inflationsrate von sieben Prozent frisst sogar die bescheidenen Ersparnisse der Mittelschicht auf. Die Mieten und Grundstückspreise explodieren. São Paulo und Rio gehören bereits zu den teuersten Städten der Welt. Die Regierung unter Präsidentin Dilma Rousseff macht derweil nicht den Eindruck, als sei sie der Wirtschaftskrise des Landes gewachsen. Mal werden die Steuern auf Konsumgüter gesenkt, mal teure Sozialprogramme auf Pump aufgelegt. Die Ratingagentur Standard and Poor’s stufte den Bonitäts-Ausblick des Landes unlängst auf »negativ« herab. »Wenn keine strukturellen Reformen erfolgen, wird die Wettbewerbsfähigkeit von Brasilien weiter abnehmen und Potenzial verschwendet«, sagt der brasilianische Ökonom Marcos Troyjo, der an der Columbia University in New York lehrt.

 

Noch dramatischer erscheint die Situation in China, wo nach wie vor ein kompletter Kollaps des Finanzsystems mit unabsehbaren weltweiten Konsequenzen droht. Nach Ansicht von Experten weist China derzeit ähnliche Symptome auf wie seinerzeit die USA und Europa vor dem Ausbruch der Finanzkrise. Der Bankensektor gilt als gigantisch verschuldet. Unübersehbar ist zudem das System des grauen Kapitalmarktes. Angeblich sollen Schattenbanken bis zu drei Billionen Euro (!) verliehen haben, die natürlich nicht gesichert sind. Ein Platzen dieser Blase könnte dramatische Folgen für das weltweite Finanzsystem haben. Auch die Schulden der Kommunen stiegen in den vergangenen Jahren auf ein Rekordniveau. Sorgen bereitet ebenfalls die absurd überhitzte Immobilienblase. Das alles geht einher mit einem deutlich gesunkenen Wirtschaftswachstum. Eine brisante Mischung.

 

Ende Juni konnte der große Knall offenbar nur dadurch vorerst verhindert werden, dass die chinesische Nationalbank umgerechnet mehrere Milliarden US-Dollar in den Finanzsektor pumpte.

 

Modernste Hochtechnologie-Zentren wie in Bangalore, dazu Wachstumsraten von jährlich fast neun Prozent – Indien schien lange Zeit einer der am kräftigsten brummenden Wirtschaftsmotoren zu sein. Über die katastrophale Infrastruktur des Landes sahen viele hinweg. Jetzt brach das Wirtschaftswachstum ein – und die Investoren zeigen dem Land zunehmend die kalte Schulter. Ausgesprochen schwach entwickelten sich in den vergangenen Monaten die indische Industrie und der Dienstleistungssektor. Investoren wiederum werden vor allem von bürokratischen Exzessen und hohen Steuern abgeschreckt. Sogar die Regierung glaubt nicht mehr an eine schnelle Trendwende: »Es gibt Beweise, dass die Wirtschaft die Talsohle erreicht hat. Aber wir haben keine Beweise für eine starke Erholung«, betonte jüngst der Vizevorsitzende der indischen Planungskommission, Montek Singh. Zuversicht klingt anders.

 

Auch in Russland haben sich die wirtschaftlichen Perspektiven stark eingetrübt, obwohl das Land verglichen mit den anderen BRIC-Staaten noch relativ stabil erscheint. Doch unter den ausländischen Unternehmern im Land herrsche »miese Stimmung«, berichtete unlängst die Zeitung Nesawissimaja Gaseta und berief sich dabei auf eine Untersuchung der Association of European Businesses und des Internationalen Instituts für Marketing- und Sozialforschung.

 

Demnach haben die ausländischen Unternehmen kaum noch Hoffnung auf kurz- bis mittelfristiges Wirtschaftswachstum in Russland. Erst auf Sicht von zehn Jahren sind die Manager wieder optimistischer gestimmt. Investoren beklagen die Willkür der Behörden, ein unglaubliches Maß an Korruption und ein allgemein schlechtes Investitionsklima. Überdies geht die Regierung in Moskau von einem wachsenden Haushaltsloch aus. Allerdings sind die Staatsschulden, gemessen am BIP, weiterhin erheblich geringer als in den Krisenstaaten Europas, in den USA und Japan.

 

BRIC ist längst keine Erfolgsformel mehr. Das Buchstaben-Quartett könnte am Ende sogar als Chiffre für den nächsten weltweiten Mega-Crash in die Wirtschaftsgeschichte eingehen.

 

 

 


 

 

 

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