Sonntag, 20. August 2017
19.10.2011
 
 

Drohende Herabstufung Frankreichs wird zum Milliardenrisiko für Deutschland

Michael Brückner

Frankreich wird seine Top-Bonitätsnote in naher Zukunft verlieren. Daran zweifelt kein seriöser Experte mehr. Das ist eine schlechte Nachricht auch für deutsche Steuerzahler: Die Bundesrepublik muss eventuell die Garantien für den sogenannten Rettungsschirm um über 100 Milliarden Euro ausweiten. Als direkte Folge dürfte dann sogar das deutsche Triple-A-Rating in Gefahr geraten.

Diese Nachricht konnte eigentlich niemanden mehr überraschen: Die Ratingagentur Moody’s droht Frankreich mit einer Herabstufung der Bonitätsnote. »Erstaunt bin ich nur, dass Frankreich bisher noch sein Triple-A-Rating halten konnte«, sagt Lüder Gerken, Vorstand des Centrums für Europäische Politik (CEP) in Freiburg. Auch in der Frankfurter Financial Community zweifelt niemand mehr ernsthaft an einer schlechteren Bonitätsnote für die Grande Nation. Während eines Cocktailempfangs am Abend der Moody’s-Ankündigung war unter den anwesenden Volkswirten und

Analysten eigentlich nur noch umstritten, wann das Nachbarland herabgestuft wird. »Im Vergleich mit Sarkozy erscheint sogar Berlusconi fast schon wie ein Sparkommissar«, beschreibt ein Luxemburger Banker die mangelnde Bereitschaft des französischen Präsidenten, die ausufernde Neuverschuldung mit drastischen Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Ein Großteil dessen, was die Regierung in Paris einspart, spendiert sie den Beamten, die sich über üppige Gehaltserhöhungen freuen dürfen. Schließlich möchte Nicolas Sarkozy im nächsten Jahr wiedergewählt werden.

 

So schmerzhaft die Schlappe bei den Senatswahlen im September für den Präsidenten gewesen sein mag, sie hat für ihn durchaus positive Seiten. Die geplante Schuldenbremse nach deutschem Vorbild ist jetzt Makulatur, weil die Sozialisten ebenfalls mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen einem solchen Schritt auf keinen Fall zustimmen wollen. Der Schuldenstand Frankreichs ist zwar nicht wesentlich höher als der Deutschlands, doch die Verschuldungsdynamik erscheint atemberaubend. In diesem Jahr rechnen Ökonomen mit einem Defizit von bis zu sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Nur zur Erinnerung: In den Maastrichter Verträgen war einmal eine Neuverschuldungsgrenze von drei Prozent festgeschrieben worden.

Noch im Sommer rechtfertigte die Regierung in Paris die hohe Staatsverschuldung mit einem im EU-Vergleich durchaus beachtlichen Wirtschaftswachstum. Um zwei Prozent werde das BIP im nächsten Jahr steigen, hieß es damals. Nach den Ferien wurden die Wachstumsaussichten auf 1,75 Prozent zurückgenommen. Doch selbst diese Prognose für das nächste Jahr sei wohl zu hoch und müsse korrigiert werden, erklärte dieser Tage Finanzminister Francois Baroin. Banker in Frankfurt sind noch wesentlich skeptischer. »Wenn kein Wunder geschieht, wird wohl eine Null vor dem Komma stehen«, sagte einer der Finanzexperten dieser Tage hinter vorgehaltener Hand.

Das eigentliche französische Desaster dürfte aber erst nach dem EU-Krisengipfel am kommenden Wochenende absehbar sein, wenn feststeht, wie hoch der Kapitalbedarf der stark in Griechenland engagierten französischen Großbanken BNP Paribas, Société Générale und Crédit Agricole tatsächlich ausfallen wird. Die bisherigen Schätzungen von 20 Milliarden Euro erscheinen mehr als optimistisch. Immerhin gilt allein die BNP-Paribas-Gruppe, zu der unter anderem in Deutschland die Direktbank Cortal Consors gehört, als größter privater Auslandsgläubiger Griechenlands.

Die absehbare Herabstufung Frankreichs betrifft derweil auch Deutschland. »Verliert Frankreich sein Top-Rating, wird die ESFS in der jetzigen Form nicht mehr funktionieren«, ist Lüder Gerken vom CEP-Vorstand überzeugt. Um den Rettungsschirm dennoch aufzuspannen, müsste Deutschland seine Garantien um mindestens 100 Milliarden Euro aufstocken. Spätestens dann aber geriete sogar Deutschland verstärkt in den Fokus der Ratingagenturen. Denn eines ist klar: Mit der drohenden Herabstufung Frankreichs ist das aggressive Krisenvirus endgültig in die Belle Etage der europäischen Triple-A-Staaten vorgedrungen. Das dreifache A steht für höchste Bonität. Staaten, die von den Ratingagenturen mit solchen Top-Noten bewertet werden, können sich am Kapitalmarkt vergleichsweise günstig Geld beschaffen. Denn je geringer das Ausfallrisiko, desto niedriger der Zinssatz.

Aktuell gehören Deutschland, Österreich, die Niederlande, Luxemburg, Finnland und eben Frankreich zum Kreis der mit einem Triple-A bewerteten Staaten. Bei einer weiteren Verschärfung der Schuldenkrise dürften zumindest die Spitzenratings von Deutschland, Österreich und den Niederlanden kritisch unter die Lupe genommen werden.

Es ist also durchaus nachvollziehbar, dass die Nachricht von der drohenden Herabstufung des Nachbarlandes auch in Berlin für Unruhe sorgt. Und wieder einmal spielen die Verantwortlichen auf Zeit. So sprach sich die französische Haushaltsministerin Valéry Pécresse dafür aus, die Rekapitalisierung der angeschlagenen Banken bis ins Jahr 2013 zu verschieben. Dann wären immerhin die Präsidentschaftswahlen vorüber. Ein solches rein politisch motiviertes Taktieren dürfte bei den Ratingagenturen freilich auf wenig Gnade stoßen.

 

 


 

 

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