Dienstag, 6. Dezember 2016
12.12.2015
 
 

In Deutschland stirbt die Mittelschicht

Michael Brückner

Sie gelten gemeinhin als Leistungsträger und als Melkkühe der Nation. Dafür bekommen die Angehörigen der so genannten Mittelschicht verbale Streicheleinheiten von den Politikern. Tatsächlich aber sinkt die Zahl der angestellten und selbstständigen Mittelständler deutlich. Jenen, die wirtschaftlich überleben, droht die Altersarmut. Daran dürfte sich nichts ändern, denn je weniger Mittelständler es gibt, desto weniger wahlentscheidend sind sie.

 

Das Jahr geht zu Ende, und es wird höchste Zeit, Bilanz zu ziehen. Die fällt – zumindest im Mainstream – natürlich völlig ungetrübt aus. Die Wirtschaft wächst, wenn auch verhalten, die offiziellen Arbeitslosenzahlen sind gesunken, die Euro-Krise scheint überwunden. Dann kann Weihnachten ja kommen. Aber jenseits der Märchenstunde weist die deutsche Wirtschaft gefährliche Schwächen auf, die einen drohenden Konjunktureinbruch wesentlich verschärfen könnten.

Denn eine wichtige Säule der deutschen Volkswirtschaft erodiert bedrohlich. Doch kaum jemand spricht darüber, was im Grunde nicht verwundern kann, denn das schönste Märchen gleitet unversehens in die Banalität ab, wenn die Realität ins Spiel kommt.

 

Und zu diesen Realitäten gehört: Der deutsche Mittelstand bricht weg. Manche sprechen sogar von einer »sterbenden Mittelschicht«. Die Zahl der Haushalte mit mittlerem Einkommen ging zwischen 1993 und 2013 nach Berechnungen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen von 56 auf 48 Prozent zurück. Dieser Befund ist umso alarmierender, als die Autoren dieser Studie den Begriff »Mittelschicht« sehr breit definieren. Er reicht von einem Bruttomonatseinkommen von 2.000 Euro bis 7.000 Euro, jeweils für eine vierköpfige Familie.

 

Immer weniger können vom Einkommen leben

 

Entsprechend unterschiedlich sind denn auch die Gründe für diese Entwicklung. Am unteren Ende franst der Mittelstand buchstäblich aus. Es werde für diese Menschen immer schwieriger, von ihrer Arbeit zu leben, weil sie nur noch Zugang zu Teilzeit- und Minijobs hätten, heißt es in der erwähnten Studie. Das betreffe sogar Höherqualifizierte. Nur etwa 56 Prozent der Haushalte in der unteren Mittelschicht lebten allein von ihrer Erwerbsarbeit. Noch könne der Sozialstaat diesen Teil der Bevölkerung abfedern, doch mit zunehmenden Flüchtlingsströmen und bei einem markanten Konjunktureinbruch sei der Staat dabei schnell überfordert.

 

Nicht nur das. Am unteren Ende der Mittelstandsskala werden auch immer weniger Rentenbeiträge gezahlt. Und für den Aufbau einer privaten Altersversorgung fehlt das Geld. Selbst wenn es diesen Personen also gelingt, sich bis zum Ende ihres Erwerbslebens wirtschaftlich über Wasser zu halten, droht ihnen die Gefahr der Altersarmut.

 

So werden die Melkkühe vom Fiskus abgezockt

 

Die Haushalte – und vor allem die Singles – am oberen Ende des Mittelstands werden wiederum vom Fiskus ausgepresst. Unglaublich, aber wahr: Der Spitzensteuersatz, eigentlich für Einkommensmillionäre gedacht, setzt bereits bei einem Einkommen ab 52 881 Euro ein. Dann werden 42 Prozent Einkommensteuer plus Solidaritätsabgabe und gegebenenfalls Kirchensteuer fällig. Zudem muss sich sogar dieser Teil des Mittelstands um ein ausreichendes Einkommen im Alter sorgen. Die anhaltende Niedrigzinspolitik der EZB macht den Aufbau einer verlässlichen privaten Vorsorge schwierig bis unmöglich.

 

Dass sich an dem harten fiskalischen Zugriff etwas ändern könnte, erscheint unwahrscheinlich, allen Versprechungen der Politiker zum Trotz, endlich die leistungsfeindliche kalte Steuerprogression abzubauen. Denn wo, wenn nicht im Mittelstand, kann der Fiskus ungehemmt zugreifen? Bei den sozial Schwachen und den Hartz-IV-Empfängern ist nichts zu holen.

 

Die hervorrragend verdienende Elite wiederum ist gut vernetzt und lässt sich von gewieften Fachanwälten und Steuerberatern legale Wege aufzeigen, um ihre Steuerlast zu minimieren. Somit bleiben nur noch die gut verdienenden Mittelständler.

 

Der Fleiß als bürgerliche Tugend drohe dabei immer mehr abhanden zu kommen. Der Fleißige sei zur Melkkuh der Nation geworden, stellt Roman Sandgruber, emeritierter Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Linz, goldrichtig fest. Dabei wisse die Wirtschaftsgeschichte schon lange, dass Fleiß, gepaart mit Erfindungsgabe, die Grundlage des Wohlstands sei. Fleiß fiskalisch zu bestrafen, bedeutet daher, die Axt an den Wohlstand einer Nation anzulegen.

 

Immer mehr Beamte, immer weniger Gründer

 

Zumindest ebenso alarmierend: Auch der unternehmerische Mittelstand erodiert, weil es immer weniger Deutsche in die Selbstständigkeit zieht. Im jetzt zu Ende gehenden Jahr ging die Zahl der neugegründeten Kleinunternehmen um 5,4 Prozent zurück, meldet das Statistische Bundesamt. Zugleich stieg die Zahl der Großunternehmen. Junge Deutsche ziehen einen Job im Öffentlichen Dienst einer Unternehmerkarriere vor. Lieber Beamter als Gründer, scheint die Devise zu lauten.

 

Dabei wäre eine stabile Basis an kleinen und mittelständischen Unternehmen gerade für Deutschland immens wichtig. Nicht nur, um eine widerstandsfähige Wirtschaftsstruktur mit unterschiedlichen Unternehmensgrößen zu schaffen, sondern vor allem, um für die unabdingbare Dynamik im Wirtschaftsprozess zu sorgen. Es seien nämlich die Gründer, die etablierte Unternehmen ständig aufs Neue herausforderten und sie so unter einen permanenten Innovationsdruck setzten, stellte unlängst die Förderbank KfW fest.

 

Da ist es gewiss keine Beruhigung, dass zum Beispiel auch in Großbritannien längst ein leises Sterben des Mittelstands eingesetzt hat. Professor Mike Savage von der London School of Economics (LSE) hat im Auftrag der BBC kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der gleich fünf Kategorien der aktuellen Mittelschicht vorgestellt werden. Diese Klassen werden flankiert einerseits von der »Elite« (Professor Savage rechnet hierzu unter anderem Vorstandschefs, Banker und Zahnärzte) und andererseits vom »Prekariat« (zum Beispiel Reinigungskräfte, Kassierer, Arbeitslose).

 

Fragwürdige Mittelstands-Kategorien

 

Wer vom »Prekariat« aufsteigt, gehört zum Beispiel in die Kategorie der sozialen Dienste (Savage rechnet hierzu unter anderem Aushilfskräfte in Krankenhäusern und Pflegestellen). Es folgt die Kategorie der klassischen Arbeiter (unselbstständige Handwerker, Sekretärinnen, Busfahrer). Wer in leitender Stellung im Verkauf oder als Ingenieur arbeitet, gilt als »new affuent«, also neuer Wohlhabender. Es folgen die technische Mittelschicht (Pharmakologen, Piloten usw.) und die etablierte Mittelschicht (Ärzte, Architekten, hohe Beamte usw.). Nun mag man über die einzelnen Kategorien und über diese etwas willkürlich anmutende Aufsplitterung streiten, zumal Professor Savage den einzelnen Gruppen sogar bestimmte Wohngebiete zuordnet (Elite: »London Home Counties«, Prekariat: »Outside South-East«).

 

Aber eines fällt doch auf: Durch die breite Aufsplittung des Begriffs »Mittelstand« wird selbst bei jenen, die schon zu den Absteigern gehören, der Eindruck erweckt, sie seien noch irgendwie auf der sicheren Seite. Außerdem fällt die Erosion des Mittelstands nicht so sehr auf, wenn man durch eine breite Auslegung dieses Begriffs Gruppen hinzurechnet, die an und für sich gar nicht (mehr) dazu gehören.

 

 

 

 

 

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