Sunday, 19. May 2013
26.06.2012
 

Island: Schuldentherapie mit Nebenwirkungen

Michael Brückner

Vier Jahre nach dem drohenden Staatsbankrott boomt die isländische Wirtschaft wieder. Seine Schulden zahlt Reykjavík sogar vor Fälligkeit zurück. Paradiesische Zustände – zumindest, wenn man sie mit den griechischen Verhältnissen vergleicht. Doch die »Island-Therapie« zeigt auch gefährliche Nebenwirkungen. Die Preise steigen deutlich – und Experten warnen vor einer Immobilienblase.

Am 6. Oktober 2008 unterbrachen die isländischen Fernsehsender ihr laufendes Programm. Auf den Bildschirmen erschien ein äußerst zerknirscht wirkender Herr im schwarzen Anzug. So sieht jemand aus, der eine Trauerrede halten muss. Und was Geir Haarde, damaliger Premierminister der

nordischen Inselrepublik, seinen Landsleuten zu sagen hatte, klang in der Tat ausgesprochen ernst: »Es besteht die Gefahr, dass unsere Volkswirtschaft dem Abwärtstrend der globalen Bankenkrise nicht entkommt und unsere Nation am Ende bankrottgeht. Gott schütze Island«.

 

Damals war klar: Europa hatte seinen ersten Pleitekandidaten. Da die Republik im hohen Norden aber nicht zur Euro-Zone gehört, hielten sich die Auswirkungen der Hiobsbotschaften aus Reykjavík zunächst in Grenzen, auch wenn Tausende von ausländischen Sparern, die wegen eines vergleichsweise geringen Zinsvorteils ihr Geld isländischen Banken anvertraut hatten, monatelang nicht an ihr Geld kamen. Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers standen die Kreditinstitute des kleinen Inselstaats am Abgrund – und drohten das ganze Land mitzureißen. Nur in letzter Minute konnte ein Staatsbankrott durch einen Milliardenkredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der skandinavischen Nachbarn verhindert werden.

 

Mittlerweile sind beinahe vier Jahre vergangen – und aus dem Pleitekandidaten von einst wurde ein Musterschüler. Zumindest auf den ersten Blick. Die seit Februar 2009 amtierende Premierministerin Jóhanna Sigurðardóttir spricht neuerdings sogar selbstbewusst vom »isländischen Modell«, das sich andere Problemstaaten Europas zum Vorbild nehmen sollten. Und tatsächlich waren unter anderem sogar griechische Politiker zu Gast in Reykjavík, um von den Insulanern zu lernen. »Disziplin in der Haushaltsführung und geringere Staatsausgaben, während gleichzeitig ein starker Wohlfahrtsstaat beibehalten wird – das ist notwendig, um die Unterstützung der Bürger zu bekommen«, erklärt Sigurðardóttir, die vor ihrer politischen Karriere viele Jahre als Stewardess für die Fluggesellschaft Loftleiðir (heute Icelandair) und später als Gewerkschaftsfunktionärin arbeitete.

 

Die Märkte sind beeindruckt von den Sanierungserfolgen Islands. Zwischen 2009 und 2010 ging die Wirtschaftsleistung der nur 320.000 Einwohner zählenden Inselrepublik um über zehn Prozent zurück. Heute liegen die isländischen Wachstumsraten wieder über dem europäischen Durchschnitt. In den ersten drei Monaten dieses Jahres legte die isländische Wirtschaft um 2,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. Vor wenigen Tagen erst hat das Land zum zweiten Mal Kredite des IWF vorzeitig zurückgezahlt. Ende Juni überwies Reykjavík fast 484 Millionen US-Dollar an den Währungsfonds. Im vergangenen März hatte Island Schulden in Höhe von 900 Millionen Dollar ebenfalls vor Fälligkeit getilgt. Und vor Kurzem erließ die Inselrepublik zahlreichen Einwohnern die Hypothekenschulden. Begründung: Die Menschen könnten nicht für die Taten von Bankern und Politikern verantwortlich gemacht werden. Dafür bekommt man im In- und Ausland reichlich Applaus, zumal Staaten wie Griechenland immer tiefer in die Krise schlittern. Da passt es, dass Island im Global Peace Index Rang eins unter den friedlichsten Ländern der Welt belegt.

 

Die Exporte ziehen an, der Binnenkonsum wächst, gleichzeitig kommen wieder mehr Touristen auf die Insel im hohen Norden zwischen Europa und Amerika. Liefert Reykjavík also einen Masterplan zur Überwindung der Schuldenkrise? Gibt es so etwas wie ein »isländisches Modell«?

 

Selbst Ökonomen, die Island viel Beifall zollen für die schnellen Sanierungsfortschritte, sind skeptisch. Zum einen ist die nordische Inselrepublik ein sehr kleines Land. Seine Einwohnerzahl entspricht etwa drei Prozent jener des ebenfalls überschaubaren EU-Staats Griechenland. Zudem gehört Island weder der EU noch der Euro-Zone an. Insofern erschienen die Ansteckungsgefahren in den Jahren 2008/2009 gering. Die Märkte fürchteten keinen Dominoeffekt wie im Fall der Euro-Schuldenkrise.

 

Allerdings zeigen sich nun die gefährlichen Nebenwirkungen der anscheinend so erfolgreichen Sanierungstherapie. Um einen absoluten Kollaps ihrer Währung zu verhindern, führten die Isländer auf dem Höhepunkt ihrer Finanz- und Bankenkrise strenge Kapitalverkehrskontrollen ein, die größtenteils noch immer in Kraft sind, auch wenn Premierministerin Jóhanna Sigurðardóttir eine Lockerung dieser Einschränkungen in Aussicht stellte.

 

Derzeit halten ausländische Investoren etwa acht Milliarden Isländische Kronen auf ihren Konten, das entspricht etwa 50 Millionen Euro. Aufgrund der Kapitalverkehrskontrollen kann das Kapital über Jahre hinweg nicht abgerufen werden. So machen viele ausländische Investoren aus der Not eine Tugend und investieren das Geld in isländische Immobilien. Die Folge: Die Preise für Häuser und Wohnungen steigen deutlich. »Es besteht ein höheres Risiko einer spekulativen Blase, wenn die Wirtschaft hinter Kapitalverkehrskontrollen abgeschlossen wird«, sagt Asgeir Jonsson von der Vermögensverwaltung Gamma. Droht Island bald die nächste Krise? In den vergangenen Wochen stiegen die Ausfallversicherungen (Credit Default Swaps) für das Land auf ein Vier-Jahres-Hoch.

 

Anlass zur Sorge bereiten zudem die Inflationsrisiken. Im April stiegen die Verbraucherpreise immerhin um 6,4 Prozent. Seit vergangenen August erhöhte die isländische Nationalbank viermal die Leitzinsen auf aktuell 5,5 Prozent. Es bleibt also abzuwarten, wie gefährlich die Nebenwirkungen der isländischen Therapie wirklich sind, bevor sie anderen Problemstaaten als vermeintlich probates Mittel aus der Krise empfohlen wird.

 

 


 

 

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