Libor-Skandal: Fette Boni für dreisten Betrug?
Michael Brückner
Seit Jahren manipuliert ein Kartell internationaler Großbanken den wichtigen Referenzzinssatz Libor. Offenkundig mit Wissen der Notenbanken.

Der Barclays-Skandal ist offenkundig nur die Spitze eines Eisbergs. Während die Öffentlichkeit hinters Licht geführt wird, kassieren die Banker für die Folgen ihres Betrugs sogar noch fette Boni. Besorgte Anleger fragen sich bereits, ob der Goldpreis in ähnlicher Weise manipuliert wird. Immerhin gleichen die Abläufe beim Londoner Gold-Fixing jenen des Libor-Fixings.
Beim Libor (London Interbank Offered Rate) handelt es sich um einen Referenzzinssatz. Er gibt den Preis an, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Zu D-Mark-Zeiten gab es auch einen Fibor (Frankfurt Interbank Offered Rate). Mit der Euro-Einführung kam der Euribor (Euro Interbank Offered Rate). Der Libor ist deshalb so wichtig, weil sich an ihm unter anderem die Zinshöhe variabel verzinster Kredite orientiert. In den Darlehensverträgen wird zum Beispiel ein bestimmter Zuschlag zum Libor vereinbart. Steigt der Libor, dann wird der Kredit teurer, fällt er, braucht der Schuldner weniger Zinsen zu zahlen. Noch gefährlicher können Manipulationen des Zinssatzes für spekulative Derivatprodukte sein, zum Beispiel gehebelte Optionsscheine oder Knock-Out-Zertifikate. Im schlimmsten Fall erleidet der Anleger einen Totalverlust, wenn der Libor einen während der Laufzeit festgelegten Schwellenwert unter- oder überschreitet. Doch wie schaffen es Banken, einen so wichtigen Referenzzinssatz zu manipulieren? Immerhin hat der Libor Einfluss auf internationale Finanzgeschäfte mit einem Volumen von mindestens 280 Billionen Euro. Die Antwort ist verblüffend einfach: Der Libor entsteht nicht durch ein komplexes Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage an den Märkten, sondern gleichsam auf Zuruf. Börsentäglich teilen die größten Banken am Finanzplatz London mit, zu welchem Zinssatz sie den jeweils anderen Banken Geld leihen würden. Das höchste und das niedrigste Gebot werden gestrichen. Es ist also relativ einfach, den Libor zu manipulieren, wenn sich ein Kartell aus Händlern der beteiligten Großbanken rechtzeitig abspricht und entsprechend niedrige oder hohe Zinssätze nennt. Genau dies ist geschehen, was zahlreiche mittlerweile veröffentlichte E-Mails zwischen Bankern belegen. So wandte sich zum Beispiel ein Barclays-Mitarbeiter hilfesuchend an seine Kollegen: »Heute brauchen wir einen ziemlich niedrigen Satz bei den Dreimonatslaufzeiten, sonst kostet uns das ein Vermögen«. Der Banker konnte auf seine Kollegen zählen, schließlich lässt im Libor-Kartell niemand den anderen hängen.
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