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Mitunter kann ein Blick ins Grundgesetz richtig Angst machen. Vor allem dann, wenn man sein Geld in eine Immobilie investiert hat. In Artikel 15 GG heißt es nämlich: »Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zweck der Vergesellschaftung durch ein Gesetz,
das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeinschaftseigentum oder in andere Formen der Gemeinschaft überführt werden«. Im Klartext: Wenn es der Staat für angebracht hält, kann er seine Bürger enteignen. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, bestimmen Politiker und Beamte, mit welchen Almosen der bisherige Eigentümer abgespeist wird.
Dass eine Enteignung der Bürger explizit im Grundgesetz verankert ist, dürfte den meisten Deutschen gar nicht bekannt sein. Warum sollte ein trotz gigantischer Schuldenberge anscheinend immer noch relativ stabiler Staat wie Deutschland Grund und Boden enteignen? Schließlich hat er unter anderem über Steuervorteile und die frühere Eigenheimzulage Milliarden spendiert, damit sich immer mehr Bürger die eigenen vier Wände leisten konnten.
Der bekannte Wirtschaftsjournalist, Analyst und Börsenkommentator Roland Klaus erwähnt in seinem neuen Buch Wirtschaftliche Selbstverteidigung den brisanten Artikel 15 GG aber nicht von ungefähr. Denn die Situation ist heute eine andere als noch vor fünf oder zehn Jahren. »Die großen Volkswirtschaften der Welt reiten derzeit auf einer Rasierklinge«, schreibt Klaus. Zu den Rittmeistern gehört nicht zuletzt Deutschland. Die Probleme des Finanzsystems würden mit Psychopharmaka der stärksten Sorte sediert, schreibt Klaus. Giga-Schulden und Garantien in Billionenhöhe für insolvente Staaten und bedrohlich wankende Banken – das sind die wichtigsten »Psychopharmaka«, die von den Regierungen und Notenbanken aus dem Giftschrank geholt wurden.
Was er von der billionenschweren Euro-Rettung hält, schreibt Roland Klaus schon im Vorwort: Wir befinden uns aus seiner Sicht in einer Transfer- und Schuldenunion, »die die Starken schwächen wird, ohne die Schwachen retten zu können«. Mit immer neuen Hilfsprogrammen auf Kosten der Steuerzahler kaufen sich die Regierungen Zeit, doch am Ende bleiben nach Ansicht des Autors nur fünf Optionen, um die Schuldentragödie in den Griff zu bekommen. Leider ist nur eine dieser Optionen weitgehend »schmerzfrei« – und ausgerechnet die erscheint extrem unwahrscheinlich: Dass nämlich ein anhaltend hohes Wirtschaftswachstum für steigende Staatseinnahmen sorgen könnte und die Schuldenberge schmelzen ließe wie Schnee in der Sonne, glauben vermutlich noch nicht einmal die größten Optimisten. Zumal Staaten wie Deutschland mit einem weiteren Problem konfrontiert werden – der demografischen Entwicklung: »Wenn die Bevölkerung nicht wächst, kann die Wirtschaft nur schwerlich wachsen«, schreibt Roland Klaus.
Bleiben also vier Optionen, von denen eine beunruhigender klingt als die andere. Die erste Option wird gerade in Griechenland erprobt – mit desaströsem Ergebnis: Drastische Sparmaßnahmen treiben Staaten nicht nur »in eine wirtschaftliche und mentale Depression« (so Ex-Kanzler Helmut Schmidt), sie bilden auch den Nährboden für eine anhaltende Deflation mit sozialen Unruhen. Die zweite Option nennt Roland Klaus die Operation »spendabler Onkel«. Sie läuft darauf hinaus, weiterhin »Psychopharmaka« über die Notenbanken, neu zu gründende Zweckgesellschaften und
die EFSF zu verabreichen, vielleicht sogar in höherer Dosierung. Die Folgen wären fatal: »Die Finanzierung des Staates durch die Notenpresse stellt bestenfalls eine kurzfristige Notlösung dar. Je länger sich die Staaten an die ›einfache‹ Finanzierung durch die Notenbanken gewöhnen, desto schwerer wird die Rückkehr zu einer Finanzierung durch den Finanzmarkt«, schreibt Klaus.
Die vierte Option stellen Staatsinsolvenzen dar – ein Notausgang, der nun offenkundig für Griechenland gewählt werden soll. Schon bei einem so kleinen Land ist eine Staatspleite mit erheblichen und teilweise existenzgefährdenden Abschreibungen in den Bankbilanzen verbunden. Ein Staatsbankrott in Frankreich würde wohl zu einem Finanzbeben bislang ungeahnten Ausmaßes führen. »Für die USA erscheint derzeit eine Umschuldung noch undenkbar«, schreibt Roland Klaus. Denn: »Der Markt würde von einem solchen Schritt völlig überrascht. Die Folgen wären riesige Turbulenzen, die die Pleite von Lehman Brothers wie einen Kindergeburtstag aussehen lassen würden«. Allerdings wählt Klaus die relativierenden Wörter »derzeit« und »noch« mit Bedacht. Immerhin sagte der Präsident des texanischen Ablegers der US-Notenbank Fed, Richard Fisher, schon im März 2011 bei einem Besuch in Frankfurt: »Die Verschuldungssituation der USA steht auf der Kippe. Wenn wir so weitermachen, werden wir insolvent.«. Bleibt schließlich die letzte und vermeintlich elegante Lösung – das »Weginflationieren« der Schulden. Sinkt infolge der Inflation der Geldwert, sinkt auch der reale Wert der Schuldenberge. Den Preis dafür müssten einmal mehr die Sparer und Arbeitnehmer zahlen. Der Wert ihrer Einlagen würde deutlich sinken, zudem dürften dann die Preise weitaus stärker steigen als die Löhne. »Dazu kommt, dass die Bürger verarmen und weniger Steuern und Abgaben bezahlen können«, warnt der Autor.
Die besondere Stärke des Buches besteht darin, dass der Autor nicht nur die extrem kritische Situation des Finanzsystems seziert, sondern seinen Lesern ganz konkret rät, wie sie sich und ihre Familien vor der Eurokrise, hohen Inflationsraten und Staatsverarmung schützen können. Insofern handelt es sich um eine sehr nützliche Kombination aus Sachbuch und Ratgeber.
Die Leistungsfähigkeit des Staates werde sinken, lautet eine der zentralen Botschaften des Buches: »Die hohe Verschuldung führt dazu, dass der Staat einen immer größeren Teil seiner Einnahmen für Zinsen aufwenden muss und die Löcher in den Sozialsystemen immer schlechter durch Steuergelder ausgleichen kann«, schreibt der Journalist. Eine der wichtigsten Empfehlungen zur »wirtschaftlichen Selbstverteidigung« lautet daher, privat vorzusorgen. »Aber bitte nicht mit Lebensversicherungen«, warnt Klaus. Und die aktuelle Entwicklung hat diese Einschätzung vollauf bestätigt.
Roland Klaus empfiehlt zunächst, die privaten Schulden soweit wie möglich abzutragen. Denn die beste Rendite sind immer noch gesparte Zinsen. Es kann kaum verwundern, dass der Autor darüber hinaus Sachwert-Investments bevorzugt. Dazu gehören Aktien, allerdings nicht von Unternehmen in besonders riskanten Branchen, wie die Finanzwirtschaft, Fluggesellschaften und Halbleiterhersteller. Immobilien empfiehlt Roland Klaus in erster Linie für den Eigennutzer. Wichtig erscheint ihm eine finanzielle »Krisenversicherung« in Form von physischem Edelmetall, also Barren und Münzen. Anonymes und für den Staat »unsichtbares« Gold sei ein geeignetes
Sicherheitspolster. Zudem gibt Klaus den wichtigen Tipp, immer auf die geopolitische Streuung des Vermögens zu achten. An die Eltern unter seinen Lesern appelliert der Journalist, sich rechtzeitig um die Qualität der Ausbildung schulpflichtiger Kinder zu kümmern. Roland Klaus favorisiert Privatschulen. Denn in Zeiten der Staatsverarmung werde die staatliche Schulbildung letztlich zu einer wenig wettbewerbsfähigen Basisausbildung verkümmern.
Schließlich befasst sich der Fachautor Tobias M. Karow in einem Sonderkapitel mit der Möglichkeit, Deutschland den Rücken zu kehren. Ist Auswandern eine Lösung? »Es gibt keinen Grund, überhastet die Koffer zu packen. Aber es gibt viele gute Gründe, sich mit diesem Thema rechtzeitig zu beschäftigen, Alternativen zu sondieren und mögliche Auswanderungsziele in einem Urlaub einmal ›anzutesten‹«, schreibt Karow.
Zunächst gibt es aber viele gute Gründe, dieses Buch zu lesen, um wirklich fit zu sein für die Täler, die in den nächsten Jahren zu durchschreiten sein werden. »Ziehen Sie feste Wanderschuhe an«, rät Roland Klaus.
Roland Klaus: Wirtschaftliche Selbstverteidigung.Schützen Sie sich und Ihre Familie vor Eurokrise, Inflation und Staatsverarmung. 315 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Weinheim 2011, 19,80 Euro.
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