
War es das? Ist die Euro-Krise in ihre finale Phase getreten? Vieles deutet im Augenblick darauf hin. Weder der billionenschwere Rettungsschirm noch umfassende Ankäufe von Staatsanleihen aus Pleitestaaten durch die Europäische Zentralbank (EZB) und neue Sparpakete können den Vertrauensverlust internationaler Investoren in die Eurozone stoppen. Unaufhaltsam dringt das Schuldenvirus sogar in bislang noch für sicher gehaltene Staaten ein. Vor wenigen Tagen traf es die
Staatsanleihen von Finnland, Österreich und den Niederlanden. Und nun werden sogar deutsche Staatsanleihen – vor kurzem noch extrem begehrt – unversehens zu Ladenhütern. Bei der letzten Auktion von zehnjährigen deutschen Bonds bestand für 35 Prozent dieser Emission keine Nachfrage. Es sei »besorgniserregend, dass die beste Bonität Europas sich nicht im geplanten Umfang refinanzieren konnte«, kommentierte ein Analyst der Landesbank Helaba diese erneute Zuspitzung der Schuldenkrise.
Mindestens ebenso alarmierend ist ferner, dass die umstrittenen Käufe von Staatsanleihen aus den Pleiteländern durch die EZB offenkundig wirkungslos bleiben. Mehr als 254 Milliarden Euro haben die Frankfurter Zentralbanker nun schon für staatliche Schrottanleihen ausgegeben, aber die Zinsen für die insolvenzgefährdeten Länder steigen weiter oder verharren auf einem bedenklich hohen Niveau. Politiker und Notenbanker gleichen ratlosen Ärzten, die ihrem Patienten immer stärkere Medikamente mit immer gefährlicheren Nebenwirkungen verabreichen, die aber keinerlei Wirkung erkennen lassen.
Den selbst ernannten Euro-Rettern läuft derweil die Zeit davon. Im nächsten Jahr müssen die Staaten der Eurozone mehrere hundert Milliarden Euro an den Anleihenmärkten aufnehmen. Allein Italien braucht mehr als 300 Milliarden Euro. Selbst wenn die EZB den letzten Rest an Stabilitätsorientierung über Bord würfe und weiterhin massiv Schrottpapiere von Pleitestaaten kaufte, wäre dies allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Käufe der EZB erweisen sich nicht nur als wirkungslos, von ihnen geht zudem ein fatales psychologisches Signal aus. Sobald die Notenbank Anleihen eines bestimmten Staates kauft, identifiziert sie die entsprechenden Papiere als Ladenhüter. Wer aber kauft schon etwas, das keiner haben will?
Deshalb wollen es die Euro-Retter mit einer Therapie versuchen, an deren Folgen das weltweite Finanzsystem schon einmal beinahe kollabiert wäre. Die Euro-Bonds, die nach Brüsseler Lesart nun »Stabilitäts-Bonds« heißen, folgen dem gleichen Prinzip wie die verbrieften Kreditpakete, die vor über drei Jahren die US-Subprime-Krise auslösten: Gute und schlechte Bonitäten werden zusammengepackt, um die Risiken zu verschleiern. Doch nur, wenn die Risiken transparent sind, lässt sich eine angemessene Risikoprämie – sprich: Zinsen – ermitteln. Euro-Bonds sollen schlechte Risiken verbessern, indem sie mit niedrigen Risiken kombiniert werden. Wer also in Staaten mit halbwegs guter Bonität investieren möchte, muss gezwungenermaßen auch eine riskante Beimischung mit portugiesischen, spanischen oder italienischen Risiken akzeptieren – gepanschte Bonds.
Der fatale Effekt: Durch steigende Zinssätze müsste Deutschland mit zusätzlichen Finanzierungskosten zwischen 40 und 50 Milliarden Euro pro Jahr rechnen. Die Pleiteländer aber brauchten sich nicht mehr sonderlich anzustrengen, sie profitierten von niedrigeren Zinsen trotz hoher Staatsschulden. Dann wäre die Eurozone wieder dort angekommen, wo das Desaster einst seinen Anfang nahm – in der für insolvenzbedrohte Staaten komfortablen Situation, immer mehr Schulden für unangemessen niedrige Zinsen machen zu können.
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