Tuesday, 31. May 2016
20.09.2013
 
 

Tatort Internet: Millionen mit gefälschten Bewertungen

Michael Brückner

Lug und Trug im Internet. Das Geschäft mit gefälschten Bewertungen und Testergebnissen ist längst zu einem Millionenmarkt geworden. Experten schätzen: Jede dritte in einschlägigen Portalen veröffentlichte Bewertung wurde bezahlt. Spezialisierte Agenturen bieten ihre professionelle Hilfe als Fälscherwerkstätten an. Und sogar die Stiftung Warentest lässt sich die Veröffentlichung ihres Logos fürstlich honorieren.

Zunächst war der 45-jährige Hotelier nur verblüfft, doch schon bald wurde ihm klar, dass irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugehen konnte: Sein Mitbewerber in der zwar kleinen, bei Wintersporttouristen aber sehr beliebten Gemeinde in der Alpenregion hatte in einem der stark

frequentierten Hotelportale plötzlich mehr als 50 überaus positive Bewertungen. Die Gäste sparten nicht mit Lob, dankten überschwänglich für Gastfreundschaft, gute Verpflegung und faire Preise. Das Ski-Hotel sei »stylisch«, »außergewöhnlich«, »schlicht perfekt«.

 

Doch sonderbar: Allein im Monat September erschienen über 20 positive Bewertungen, weit mehr als sonst im ganzen Jahr. Für seinen Mitbewerber war klar, dass der Besitzer der so hochgelobten Herberge rechtzeitig vor Beginn der Wintersaison getürkte Bewertungen platziert hatte. Beweisen kann er diese Manipulation indessen nicht – und deshalb will er auch keinen Namen nennen.

 

Kein Einzelfall, sondern bei vielen Häusern gängige Praxis. Donovan Dunker, der das kleine Bewertungsportal Hotelkritiken.de betreibt, kennt das Problem: »Unserer Erfahrung nach ist das Ausmaß der Bewertungen, die zu PR-Zwecken abgegeben werden, enorm.« Mindestens jede vierte Bewertung sei getürkt oder erscheine zumindest verdächtig.

Für die manipulierenden Hoteliers und ihre Helfer zahlt sich die Mühe aus, denn etwa drei Viertel aller Verbraucher, die ein Hotelzimmer buchen möchten, lesen zuvor die Bewertungen in Portalen wie Holidaycheck, Trivago, Tripadvisor und Hotelkritiken.de. »In den Bewertungsportalen deutlich nach oben zu steigen, kann inzwischen bis zu 1200 Euro pro Bett und Jahr ausmachen«, ist sich der österreichische Tourismusexperte Michael Egger sicher.

 

Aber nicht nur Touristen und Geschäftsreisende werden im Internet verschaukelt – um nicht ein noch drastischeres Wort zu verwenden. Ob es um Elektroartikel, Bücher, Handys, Versicherungspolicen oder Restaurants geht – für die jeweilige Branche ist die Versuchung groß, mit anonymen Bewertungen im Internet die eigenen Angebote in einem möglichst positiven Licht darzustellen und die Konkurrenzprodukte schlecht zu bewerten. Unabhängige Experten sagen, der gesamte »Bewertungs- und Testkram«, vor allem im Internet, sei bereits die erste Stufe der Verhöhnung des angeblich mündigen Konsumenten. Sie schätzen, dass bis zu 30 Prozent der Bewertungen im Internet gefälscht sind. In den vergangenen Jahren entstand eine regelrechte Meinungs-Industrie, die mit manipulierten Bewertungen Jahr für Jahr Millionen verdient – und das Vertrauen der Konsumenten schamlos missbraucht.

 

Spezialisierte Agenturen, die mit Dienstleistungen wie »Textservice« und »Shop-Texte« um Kunden werben, machen gute Geschäfte. Für ein »Paket« mit 35 Bewertungen muss der Auftraggeber nach den Recherchen eines Branchenmagazins zwischen 190 und 300 Euro zahlen. Manche Unternehmen werben gezielt freie Mitarbeiter als Bewertungsfälscher an, zum Beispiel durch Anzeigen auf der Internetseite Studentjob.de. Und viele machen gar keinen Hehl aus der Aufgabe der freien Mitarbeiter. Es gehe darum, »unsere Online-Shop-Produkte in Foren zu bewerten und zu beschreiben«, liest man dort zum Beispiel. Pro Beitrag werden im Schnitt 3,50 Euro gezahlt.

 

»Es wird manipuliert bis zum Gehtnichtmehr«, sagt Markus Schwinn, Betreiber des Verbraucherhilfeportals Falle-Internet.de. Und selbst seriöse Online-Shops haben kaum Möglichkeiten, die Flut von getürkten Bewertungen zu stoppen oder zumindest einzuschränken. Marktführer Amazon führte vor einiger Zeit den Hinweis »Von Amazon bestätigter Kauf« ein. Damit wollte man verhindern, dass Fälscher Produkte und Bücher bewerten, die sie gar nicht gekauft haben.

 

Doch auch das beeindruckt die Fälscherwerkstätten kaum – im Gegenteil: Sie bestellen das Produkt, hinterlassen eine Bewertung mit dem Hinweis »Von Amazon bestätigter Kauf« und schicken es innerhalb von zwei Wochen einfach kostenlos zurück. Die getürkten Bewertungen und Besprechungen sind mittlerweile zum großen Teil so professionell verfasst, dass zumindest Laien die Fälschungen nicht als solche entlarven können. Bei einem Test des Magazins Audio Video Foto Bild hatten beauftragte Agenturen rund hundert Bewertungen in Internet-Shops abgegeben – keine davon wurde als Fälschung erkannt.

 

Trotzdem gibt es ein paar Anhaltspunkte, die auf gekaufte Bewertungen hindeuten. Sehr lange Texte, die Verwendung von gestelzten PR-Floskeln, auffallend viele Superlative – derlei Signale sollten dem Verbraucher zu denken geben. Und gibt ein angeblicher Kunde grundsätzlich nur negative Bewertungen zu den Produkten eines Herstellers oder Verlages ab, darf man ziemlich sicher sein, dass entweder ein Konkurrent oder eine politisch gesteuerte Organisation hinter dieser Negativpropaganda steckt.

 

Gefälschte Bewertungen können darüber hinaus eine gewisse Eigendynamik entwickeln. Forscher aus den USA und Israel fanden jetzt heraus, dass die vielbeschworene »Schwarmintelligenz« der Internet-Nutzer in Wirklichkeit eher ein Herdentrieb ist. Demnach ziehen positive Kommentare – ob gefälscht oder echt – andere positive Bewertungen an. Die Masse folgt eben gern dem Mainstream, unabhängig davon, ob dieser mit seiner Meinung richtig liegt oder nicht. »Die kleine Manipulation einer einzigen positiven Erstbewertung führte aufgrund des sozialen Einflusses zu einer signifikant höheren Gesamtbewertung«, stellten die Forscher jetzt im Fachmagazin Science fest.

 

Der wirklich kritische Verbraucher ist also gut beraten, den angeblichen Bewertungen und Tests nicht allzu viel Bedeutung beizumessen. Das gilt im Übrigen auch für die Testergebnisse der Stiftung Warentest, mit denen sich die staatlich geförderten Verbraucherschützer mittlerweile ein nettes Zubrot verdienen. Unternehmen, die das bekannte Testsiegel der Stiftung auf Verpackungen, in Printkampagnen oder im Internet verwenden wollen, müssen dafür pro Jahr 7000 Euro zahlen. Für Fernseh- und Kinowerbung werden sogar zwischen 15 000 und 25 000 Euro fällig. Experten vermuten, dass die Stiftung einfach Geld braucht. Denn als Folge der künstlich niedrig gehaltenen Zinsen fallen die Kapitalerträge aus dem Stiftungsvermögen deutlich geringer aus als noch vor wenigen Jahren.

 

 

 


 

 

 

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