Mittwoch, 23. August 2017
10.03.2013
 
 

Wie Oberschicht und Unterschicht den Mittelstand ausbeuten

Michael Brückner

Skrupellos wird der fleißig arbeitende Mittelstand von der Oberschicht und Unterschicht ausgenommen. Mächtige Verbündete sorgen dafür, dass sich daran nichts ändert: Die Finanzindustrie kümmert sich um den Reichtum der Oberschicht. Die milliardenschwere Hilfsindustrie wiederum ermöglicht die Lebensform der Unterschicht. Vor beiden Mächten habe der Staat längst kapituliert, schreibt der renommierte Journalist Walter Wüllenweber in seiner Neuerscheinung, mit der er ein heißes Eisen anfasst.

Nicht etwa die deutschen Großkonzerne und auch nicht der öffentliche Dienst beschäftigen die meisten Menschen in Deutschland. Den Rekord hält mit weitem Abstand die Hilfsindustrie. Sie erlebe ein wahres Wirtschaftswunder, weil sie immer mehr Menschen zu Hilfsbedürftigen erkläre,

schreibt der preisgekrönte Journalist und studierte Politikwissenschaftler Walter Wüllenweber in seinem neuen Buch Die A-Sozialen. Ein Werk, das es in sich hat, weil es reichlich Brisanz birgt.

 

Wer sind die wirklich Ausgebeuteten in unserer Gesellschaft? Wüllenweber gibt eine Antwort, die nur im ersten Moment überraschen kann: Ausgebeutet wird der Mittelstand. All die Millionen von Menschen, die morgens zur Arbeit gehen und Tag für Tag fleißig ihre Pflicht tun – ganz gleich, in welcher Branche und in welcher Position. Sie befinden sich gleichsam in einer »Sandwich-Position« zwischen der Ober- und Unterschicht, die beide rücksichtslos unser Land ruinieren.

 

Asozial sind in dieser Hinsicht beide Gruppen: Die Superreichen, deren Vermögen selbst in der Finanzkrise deutlich stieg, ebenso wie die staatlich alimentierte Unterschicht, die schon in zweiter oder dritter Generation Sozialhilfe bezieht. »Je nach ideologischer Heimat wird für das Zerbröseln der Gesellschaft entweder Oben oder Unten verantwortlich gemacht... Doch beim genauen Hinsehen wird deutlich: Nicht entweder oder – sowohl als auch ist die richtige Sichtweise... Die Kerze brennt an zwei Enden«, schreibt Wüllenweber. Auf diese Weise seien in Deutschland zwei Ghettos entstanden, eines oben und eines unten.

 

Und in diesen Ghettos führten viele ein recht kommodes Leben. Von den wirklich sozialen Notfällen abgesehen, in denen der Staat und soziale Einrichtungen helfen müssen, werde der Alltag in der Unterschicht nicht von materiellen Entbehrungen geprägt, sondern von Spielkonsolen, Smartphones, Computern und vom Fernsehprogramm. »Die materielle Armut hat der deutsche Sozialstaat besiegt«, stellt Wüllenweber fest.

 

Tatsächlich aber ist die Hilfsindustrie ein boomender Milliardenmarkt. Aktuellen Schätzungen zufolge setzt diese Branche jährlich zwischen 115 und 140 Milliarden Euro (!) um. Zwischen vier und fünf Milliarden Euro gehen an privaten Spenden ein. Der weitaus größte Teil wird also aus Steuermitteln finanziert. »Jeder sechste, womöglich jeder fünfte Euro, den Deutschlands Steuerzahler an das Finanzamt überweisen, wird am Ende auf einem Konto eines Wohlfahrtsunternehmens gutgeschrieben.... Nimmt man die Beschäftigtenzahlen, dann ist die Sozialbranche in den vergangenen 15 Jahren sechs bis sieben Mal schneller gewachsen als die gesamte Wirtschaft«, schreibt der Autor. Und in der Tat: Nicht VW, Siemens oder BASF ist Deutschlands größter Arbeitgeber, sondern die Caritas.

 

Der Boom der Sozialbranche wird häufig mit dem demographischen Wandel erklärt. Sprich: Die Deutschen werden immer älter, dadurch steige der Pflege- und Betreuungsaufwand. Doch das sei nicht der wahre Grund für die Explosion der Sozialkosten, weiß Walter Wüllenweber. Denn: »Das Wirtschaftswunder in der Sozialbranche ereignet sich nicht bei den Alten, sondern bei den Jungen. Die Ausgaben für Erziehungshilfen und Heimunterbringung sind zwischen 2006 und 2010 um exakt ein Drittel gestiegen.«

 

Der Autor räumt mit einem weiteren Vorurteil auf: Das Einkommen sei ungerecht verteilt, propagieren die Robin-Hood-Politiker aller Parteien allenthalben, vorzugsweise jedoch in Wahlkampfzeiten. Nach Ansicht von Wüllenweber, der sich auf aktuelle Statistiken bezieht, ist nicht das Einkommen, sondern das Vermögen ungleich verteilt. So hätten im Jahr 1970 die reichsten zehn Prozent der Gesellschaft 44 Prozent des gesamten Vermögens besessen. Zwischenzeitlich sei ihr Anteil aber auf 66,6 Prozent gestiegen. Und dabei geht es nicht um überschaubare Beträge. Das Gesamtvermögen der Deutschen macht immerhin 6,6 Billionen Euro aus. »Zu anderen Zeiten wäre eine Umverteilung in einem solchen Ausmaß Grund genug für eine blutige Revolution gewesen«, stellt der Autor fest. Die wirklich Reichen blickten zurück auf eine wahrhaft goldene Zeit. Trotz Finanzkrise habe die Oberklasse ihren Vorsprung zum Rest der Gesellschaft rasant ausgebaut.

 

Wüllenweber warnt vor dramatischen Veränderungen. Nicht nur die Unterschicht, sondern auch die Oberschicht ziehe sich in ihre Parallelgesellschaft zurück. Diese Auflösungserscheinungen zersetzten den Zusammenhalt der Gesellschaft.

 

Unterschicht und Oberschicht wiesen dabei frappierende Parallelen in ihrem Verhalten auf, schreibt Wüllenweber. Viele Reiche versuchten, die Finanzämter zu betrügen, Teile der Unterschicht wiederum zockten die Sozialämter ab. »Das deutsche Steuerrecht und das deutsche Sozialrecht sind die beiden kompliziertesten juristischen Werke in der Geschichte der Menschheit.«

 

Während der Mittelstand von den Erträgen seiner Arbeit leben müsse, bezögen Ober- und Unterschicht Geld ohne Arbeit. Die einen lebten von ihren Kapitalerträgen, die anderen von der staatlichen Umverteilung. »Ober- und Unterschicht haben das Tricksen zu einem Teil ihrer Lebensform erhoben.«

 

Walter Wüllenweber greift mutig ein heißes Eisen an, denn Freunde macht man sich mit solchen Büchern nicht. Viele Wirtschaftsjournalisten wissen ein Klagelied davon zu singen, wie unglaublich aggressiv gerade die Funktionäre der umsatzstarken Hilfsindustrie und die Sozialpolitiker aller Parteien auf Kritik reagieren. Wer dieses heikle Thema aufgreift, löst nicht selten einen »Shitstorm« mit üblen Beleidigungen und Drohungen aus.

 

Die Oberschicht hingegen hat sich weitgehend zurückgezogen. Die Geldelite liebt die Diskretion. Doch wenn die Berichte über sie allzu indiskret werden, lassen die Superreichen schon mal ihre teuren internationalen Staranwälte von der Leine.

 

Unter- und Oberschicht haben darüber hinaus einflussreiche Fürsprecher. Die Hilfsindustrie setzt, wie erwähnt, jährlich Milliardensummen um. Sie hat keinerlei Interesse daran, dass die offiziellen Armutszahlen sinken. Die Politiker wiederum schielen auf die Wählerstimmen der Unterschicht. Die Oberschicht ist gut vernetzt und verfügt oft über sehr gute Kontakte bis in die Regierungsspitzen.

 

Während der Mittelstand von der Unter- und Oberschicht ausgebeutet wird, gibt es natürlich Branchen, die von dieser Polarisierung profitieren. »Die Finanzindustrie lebt von der Spekulation der Oberschicht. Die Hilfsindustrie ermöglicht die Lebensform der Unterschicht«, schreibt Walter Wüllenweber. Vor diesen Mächten habe der Staat längst kapituliert.

 

 

 

 

 


 

 

 

 

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