Freitag, 9. Dezember 2016
31.10.2010
 
 

Adolf Hitler – »Geboren« in Versailles? (3)

Michael Grandt

Der »Friedensvertrag« von Versailles gilt in den Augen politisch korrekter Geschichtswissenschaftler nicht als Grund für Hitlers Aufstieg, sonst könnte ja der Schluss gezogen werden, dass dessen Erfolg durch die unmenschlichen Bedingungen der Alliierten ermöglicht worden wäre, was die gängige Geschichtsschreibung auf den Kopf stellen würde – und doch spricht vieles dafür.

In dieser Folge: »Geschlagene« Deutsche?

Vorbemerkung:

Wir sind immer noch massiven Geschichtsverfälschungen ausgesetzt. Das gilt besonders für die Zeit zwischen 1914 und 1945 und speziell für das Dritte Reich. Überaus eifrig damit beschäftigt, uns die »Wahrheit« näherzubringen, ist dabei der mit vielen Aufzeichnungen und Preisen geehrte Prof. Dr. Guido Knopp, der zwischenzeitlich fast alle Dokumentationen über die Zeit des Nationalsozialismus, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt werden, betreut. Aber auch seine Bücher sind überaus erfolgreich, obwohl sie für einen Historiker der wahre Albtraum sind: häufig keine Fußnoten, keine Quellenangaben und Zitate, die einfach so im Raum stehen. Nicht umsonst bemängeln Kritiker, dass die Knoppsche Geschichtsdarstellung zu oberflächlich sei und die Zusammenhänge stark vereinfacht werden. Doch wie kaum ein anderer Historiker beeinflusst Knopp mit seinen Dokumentationen und Büchern die Meinung der Menschen. Zeit also, ihm und seinen Mainstream-Kollegen auf die Finger zu schauen und ihre Behauptungen unter die Lupe zu nehmen. In unregelmäßigen Abständen werde ich deshalb zu diesem Thema Artikel veröffentlichen.

Ich agiere dabei als Journalist und fühle mich nichts anderem als der objektiven Recherche verpflichtet. Der Leser kann sich so ein eigenes Bild machen. Kritikern sei angeraten, nicht polemisch zu reagieren, sondern die angegebenen Quellen zu widerlegen.

 


 

»Geschlagene« Deutsche?

Bevor ich mich mit dem Versailler Vertrag beschäftige, möchte ich noch auf einen anderen Punkt hinweisen, den Mainstream-Historiker Guido Knopp allenthalben verkündet. Im Zusammenhang mit dem Ende des Ersten Weltkrieges spricht er davon, dass die Deutschen »geschlagen« worden seien. (1) Viele seiner politisch korrekten Kollegen übernahmen diesen Duktus. Aber auch hier lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Auf den Schlachtfeldern des Krieges sah die Situation für die deutsche Armee im Sommer/Herbst 1918 keinesfalls nach einer Niederlage aus:

  • Mit der Operation »Schlussstein« wollte die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) und der Marinestab die russischen Städte Petrograd und Kronstadt besetzen, um von dort aus einen Vorstoß zur Barentsee vorzunehmen. (2) Deutsche Truppen rückten im Sommer 1918 in Richtung Kaukasus vor. (3) Lenin versuchte dies durch intensivierte Friedensbemühungen abzuwenden. (4) In Berlin unterzeichneten die Bolschewiken am 27. August schließlich einen Zusatzvertrag zum bereits bestehenden Friedensvertrag von Brest-Litowsk. (5) Sie verzichteten auf Livland, Estland und Georgien. Deutschland hingegen gab die Zusage, Weißrussland zu räumen.
  • Deutsche Truppen standen noch in der Ukraine, in Polen, in Belgien und waren in Teilen Nordfrankreichs stationiert. (6)
  • Am 4. September 1918 befanden sich die deutschen Armeen an der Westfront wieder in ihren Ausgangsstellungen vom 21. März 1918, also noch auf französischem Gebiet. Sie konnten ihre Stellungen ausbauen und sogar eine zusammenhängende Verteidigungslinie bilden. (7)
  • Die Westfront hielt nach wie vor. Erich Ludendorff, der Stellvertreter des Chefs der Obersten Heeresleitung, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, eröffnete noch am 9. Oktober 1918 Prinz Max von Baden, dass die deutsche Armee die Grenzen »noch für lange Zeit« verteidigen könne. (8)
  • Im Herbst 1918 wähnte sich also noch der Großteil der Bevölkerung als Sieger. (9)
  • Am 12. November 1918 erklärte Paul von Hindenburg in seinem letzten Tagesbefehl, dass die von ihm geführte Armee im Felde »unbesiegt« geblieben sei. (10)

 

Fassen wir also noch einmal zusammen: Deutsche Truppen standen am Kriegsende an der Ostfront noch tief im Feindesland, an der Westfront in einer Verteidigungslinie auf französischem Boden und Russland hatte sogar einen Zwangsfrieden mit dem Deutschen Reich schließen müssen. Trotz der veränderten Situation für das Deutsche Reich bestand nach wie vor ein Patt, denn die Alliierten (11) wie auch Deutschland hielten den Sieg im Sommer/Herbst 1918 noch für möglich. Dennoch behaupten Historiker, die Deutschen seien »geschlagen« worden.

Die Gründe, warum das Deutsche Reich im Herbst 1918 um einen Waffenstillstand ersuchte, waren in erster Linie also nicht auf deutschen Schlachtfeldern zu suchen, sondern eine Zusammenballung folgender Umstände:

  • Paul von Hintze, der deutsche Außenminister, gab zu bedenken, dass Österreich-Ungarn, der wichtigste Verbündete, einen zweiten Kriegswinter (1918/19) nicht durchstehen könne. (12) Die Donau-Monarchie war innerlich zerrissen und das Ausscheiden aus dem Krieg nur noch eine Frage von wenigen Wochen. (13)
  • Deshalb plädierte der österreichische Kaiser Karl für unverzügliche Friedensgespräche – und begann diese dann auch am 14. September 1918. (14)
  • Am 28. September 1918 bat Bulgarien um Waffenstillstand. Der Vertrag wurde bereits einen Tag später unterschrieben und sah außer der Demobilisierung die Räumung Griechenlands und Serbiens sowie die Besetzung des bulgarischen Territoriums durch die Alliierten vor. (15) Das hatte katastrophale Auswirkungen, denn die Alliierten konnten so die Verbindung zum Osmanischen Reich unterbrechen und die österreichisch-ungarischen Südgrenze bedrohen. Zudem geriet das rumänische Öl in Gefahr, denn die Hälfte der deutschen Lastkraftwagen und ein Drittel der U-Boote waren auf rumänische Erdöllieferungen angewiesen. (16)
  • Am 26. Oktober 1918 teilte der österreichische Kaiser Karl I., der Deutschland einst in den Krieg riss, dem deutschen Kaiser Wilhelm II. die Auflösung des Bündnisses mit.
  • Österreich-Ungarn kapitulierte am 28. Oktober 1918.
  • Am 30. Oktober 1918 unterzeichnete auch eine türkische Delegation einen Waffenstillstand, was britische See- und Landstreitkräfte gegen das Deutsche Reich freisetzte. (17)

 

Wenn man schon von einer »geschlagenen Armee« und »Niederlage« sprechen will, so gilt das allenfalls für die mit dem Deutschen Reich verbündeten Mittelmächte, die Deutschland alleine zurückließen. (18)

Aber auch die Vorgänge im Reich selbst nahmen Einfluss auf die Entscheidungen der Obersten Heeresleitung, die nicht ignorieren konnte, dass am 28. Oktober 1918 die deutsche Revolution mit der Matrosenmeuterei innerhalb der Schlachtflotte begann. Unabhängige Sozialdemokraten (USPD) und Spartakusbund wiegelten zudem die Massen zum Umsturz auf.

Der Zusammenbruch der Verbündeten als auch die Revolution im Innern konnte bei den Verantwortlichen in der Armeeführung natürlich nicht unbeachtet bleiben. Da das Heer auf dem Felde de facto unbesiegt war, und man aufgrund innerpolitischer Zerwürfnisse und revolutionärer Umsturzabsichten dennoch um einen Waffenstillstand nachsuchen musste, war ein Umstand, der die Militärs bis ins Mark traf. Sie fühlten sich nach vier Jahren Kampf von der Heimat verraten und im Stich gelassen. Viele dachten so, auch einfache Soldaten. Diese Sichtweise der Frontkämpfer, deren Gedankengänge zu diesem Zeitpunkt durchaus nachvollziehbar gewesen waren, bildeten die Grundlage für die später so titulierte »Dolchstoßlegende«.

 

In der nächsten Folge: Der »Dolchstoß« – Legende oder Wirklichkeit?

 

__________

Quellen:

(1) Guido Knopp: Hitler – Eine Bilanz, München 2005 (Sonderausgabe), S. 16; in seinem Nachfolgebuch Die Machtergreifung, München 2009, S. 7, wiederholt er dies.

(2) Vgl.: H. H. Herwig: »German Policy in the Eastern Baltic Sea in 1918«, in: Slavic Review, 32, 1973.

(3) David Stevenson: Der Erste Weltkrieg, Düsseldorf 2006, S. 514.

(4) Ebd., S. 513.

(5) Der am 3. März 1918 unterzeichnet und am 15. März vom 4. Außerordentlichen Sowjetkongress in Moskau ratifiziert wurde.

(6) Wolfram Pyta: Hindenburg, München 2009, S. 374, 402.

(7) Janusz Piekalkiewicz: Der Erste Weltkrieg, Düsseldorf/Wien 1988, S. 547.

(8) Stevenson, S. 555, 561.

(9) Pyta, S. 393.

(10) Vgl.: Amtliche Kriegs-Depeschen, Band 8, Berlin 1918, S. 2977 f.

(11) Frankreich, Großbritannien, Russland (bis 1917), Italien (ab Mitte 1915), USA, Belgien, China, Japan, Serbien, Montenegro, Portugal (ab 1916), Rumänien (ab 1916), Griechenland (ab 1917) und Siam (ab 1917); die Mittelmächte hingegen waren: das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien.

(12) Vgl.: J. Hürter: Paul von Hintze, Dokumente einer Karriere zwischen Militär und Politik, 1903–1918, München 1998, S. 100; Stevenson, S. 553.

(13) Vgl.: Peter Graf von Kielmansegg: Deutschland und der Erste Weltkrieg, Frankfurt/M. 1968, S. 647 ff.

(14) Vgl.: H. Rudin: Armistice 1918, New Haven 1944, S. 21 ff; Stevenson, S. 553.

(15) Vgl.: B. Lowry: Armistice 1918, London 1996, S. 7.

(16) Ludendorff-Rundschreiben, 19. Oktober 1918, BA-MA W-10/50400, Anhang 35.

(17) G. Dyer: »The Turkish Armistice of 1918«, in: Middle Eastern Studies, 8, 1972, S. 313 ff. und V. H. Rothwell: British War Aims and Peace Diplomacy, 1914–1918, Oxford 1971, S. 236 ff.

(18) Stevenson, S. 571.

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