Friday, 10. February 2012
17.08.2010
 

Die Sommermärchen-Lüge 2. Akt

Michael Grandt

Das Sommermärchen in den Mainstreammedien geht weiter: Die deutsche Wirtschaft wächst in nur einem Quartal überdurchschnittlich. Doch die Finanzmärkte trauen der Nachhaltigkeit der Zahlen nicht, umso mehr, als dass sie von Politikern nach oben gejubelt werden.

»Der stärkste Anstieg des Wirtschaftswachstums seit der Wiedervereinigung«, »Ein Sommermärchen«, »Eine faustdicke Überraschung«, »Supermann trägt Schwarz-Rot-Gold« – solche und ähnliche Schlagzeilen durchfluten zurzeit die sommerlochgeschwächten Mainstreammedien und wollen uns die zweifellos guten Zahlen der Wirtschaftsentwicklung eines Quartals näher bringen und damit das Ende der Weltwirtschaftskrise verkünden. Das ist wahres Manna auf den Mühlen der Krisenschönredner, sie haben es schon immer gewusst, es ist doch gar nicht so schlimm!

Natürlich springen viele der leidgeplagten Politiker, allen voran Wirtschaftsminister Brüderle (FDP) sofort auf diesen Zug auf – warum auch nicht, gab es in den letzten Monaten doch nur Häme und schlechte Nachrichten. Politiker und Medien, sie alle wollen dem Volk nur eine Message verkaufen: Alles ist vorbei, alles ist gut, jetzt geht’s aufwärts! Ja, die nächsten Wahlen sind in Sicht und deshalb ist es umso angebrachter, wenn die Kapitäne des Deutschlandschiffs auf der bisher so rauen See auch mal schönes Wetter verkünden. Die Passagiere haben das gerne und viele glauben ihren Titanic-Matrosen ohne Einschränkungen.

Aber die Wahrheit sieht ganz anders aus. Die Finanzmärkte jedenfalls lassen sich nicht so schnell hinters Licht führen. Sie reagierten nämlich auf diese »guten« Konjunkturnachrichten mit Zurückhaltung und Kursrückgängen: Die europäischen Leitindizes drehten ins Minus, und an den Anleihemärkten kamen die griechischen Obligationen erneut unter Druck. Investoren vertrauten der Nachhaltigkeit der Zahlen nicht. Umso mehr, als dass die Politiker sie nach oben jubelten.

Schauen wir uns die Konjunktur in Deutschland einmal genauer an. Klar ist, dass es ohne Nachfrage kein Wirtschaftswachstum geben kann. Diese kommt von Unternehmen, den privaten Haushalten, dem Staat und aus dem Ausland. Vom Staat ist nicht viel zu erwarten, denn durch die selbst auferlegte Schuldenbremse zwingt er sich selbst zur Ausgabenaskese. Die Privathaushalte müssen sparen, weil gut bezahlte Arbeitsplätze rar sind und die Unternehmen investieren nur dann, wenn es gute Absatzmöglichkeiten gibt. Im Inland sind diese eher verhalten und im Ausland generiert sich die Nachfrage hauptsächlich aus den Ländern wie China oder den USA. Doch diese beiden Staaten haben selbst Probleme und ihre Wirtschaft beginnt zu schwächeln. Somit ist das deutsche »Wachstumswunder« sehr zerbrechlich und in der Hauptsache dem Export geschuldet.

Ein weiterer Aspekt ist wichtig, um das Sommermärchen als Lüge zu entlarven: Das Bruttoinlandsprodukt stieg im 2. Quartal 2010 gegenüber dem Vorjahr um 2,2 Prozent, die höchste Steigerung seit der Wiedervereinigung. Genau diese Zahl ließ Politiker vor Erregung in Freudentaumel ausbrechen. Im 1. Quartal stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP, preisbereinigt) um 1,7 Prozent, somit beträgt das Wirtschaftswachstum bis jetzt also gerade mal 1,95 Prozent.

Das BIP schrumpfte 2009 aber um 4,7 Prozent, das heißt im Klartext: Wir haben jetzt gerade mal rund 40 Prozent von dem wieder gutgemacht, was wir vor einem Jahr verloren haben. Oder: Wir sind noch 60 Prozent hinterher.

Diese minus 60 Prozent werden uns jetzt als Aufschwung verkauft. Und noch ein Letztes: Nur um keine neuen Schulden machen zu müssen, brauchen wir ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent.

Will Deutschland aber wieder die Kriterien des EU-Stabilitätspakets erreichen (eine Schuldenquote von 60 Prozent), müsste die Wirtschaft jährlich um satte 4,2 Prozent wachsen. Das ist unrealistisch, denn seit dem Jahr 1992 beträgt das durchschnittliche Wirtschaftswachstum gerade mal lächerliche 1,17 Prozent und seit 2000 sogar nur 0,86 Prozent.

Also: Lassen Sie sich nicht täuschen. Ich bleibe dabei: Trauen Sie keinem Sommermärchen!

 

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Quellen:

Wirtschaftsblatt vom 13. August 2010

Statistisches Bundesamt

Michael Grandt: Der Staatsbankrott kommt!, Rottenburg a. N. 2010

 

 


 

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