Inflationsmotor Deutschland?
Michael Grandt
Die Gewerkschaften sitzen in den Startlöchern, um höhere Tarifabschlüsse durchzusetzen. Doch damit heizen sie auch die Inflation an.
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Wie die britische Bank RBS vorausberechnete, dürfte die Inflationsrate in der Euro-Zone im Jahresdurchschnitt 2011 bei 2,3 Prozent liegen. Das wäre eine Steigerung um 0,6 Prozentpunkte. Auch die Europäische Zentralbank und die Deutsche Bundesbank erwarten einen Anstieg der Teuerungsrate.
Als Gründe dafür werden die rasanten Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen genannt, die die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben. Im Zuge dessen schossen die deutschen Erzeugerpreise im Juli von 1,7 auf 3,7 Prozent in die Höhe. Aber auch die Mehrwertsteuererhöhungen in mehreren europäischen Staaten tragen ihren Teil dazu bei, dass die Teuerungsrate immer weiter ansteigt. Ein weiterer Grund ist die anhaltende Schuldenkrise, die trotz gegenteiliger Behauptungen in der Mainstreampresse weitergeht. Joachim Fels, der Chefvolkswirt der Investmentbank Morgan Stanley, warnt deshalb auch: »Diese Krise ist nur mit höherer Inflation zu bewältigen.« Die Inflation entwerte Staatsschulden, die dann über inflatorisch aufgeblähte Staatseinnahmen leichter zurückzuzahlen seien, so Fels weiter.
Ökonomen erwarten zudem, dass die anstehenden Lohnerhöhungen die Inflation weiter anheizen. Und da Deutschland – so die Experten – der Wachstumsmotor in Europa sei, könne eine höhere Inflation von der Bundesrepublik ausgehen, da sich die deutsche Wirtschaft ab dem Jahr 2012 auf einen stärkeren Lohnkostenschub einstellen müsse. Noch halte die geringe Industrieauslastung in Europa die Inflationsrate in Grenzen. Wenn sich jedoch der deutsche Aufschwung fortsetze, werden die Gewerkschaften, die sich in den letzten Jahren zurückgehalten hätten, höhere Tarifabschlüsse durchsetzen. So könnte Deutschland der Inflationsmotor in Europa werden.
Hintergrund: Lohnerhöhungen und Inflationsrate
Ist die Arbeitslosenquote niedrig, besteht eine Tendenz für eine steigende Inflation. Wichtig ist dabei die Lage am Arbeitsmarkt und ganz entscheidend die Erwartungen über die Preisentwicklung. Diese Erwartungen der Preissteigerungen bestimmen, welche Lohnsteigerungen zwischen den Tarifparteien vereinbart werden. Ausgehend von den Tarifverhandlungen legen die Unternehmen dann ihre Preise fest. Anders ausgedrückt: Die Veränderung der Preise (also die Inflationsrate) hängt (auch) von der erwarteten Preisentwicklung und der Lage am Arbeitsmarkt ab (vgl.: Olivier Blanchard/Gerhard Illing: Makroökonomie, München 2009, S. 69ff.).
Quelle:
Handelsblatt, 20. August 2010
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