Thursday, 17. May 2012
22.06.2010
 

KOPP Online im Gespräch: »Diese Kinder sind ein Problem für sich selbst«

Michael Grandt

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, fordert scharfe Maßnahmen zur Bekämpfung von Übergewicht bei Kindern bis hin zu finanziellen Sanktionen für uneinsichtige Eltern.

Michael Grandt: Herr Kraus, der Deutsche Lehrerverband, dessen Präsident Sie sind, fordert scharfe Maßnahmen zur Bekämpfung von Übergewicht bei Kindern. Welche Maßnahmen sind das im Einzelnen?

 

Josef Kraus: Hier muss etwas geschehen. Denn adipöse Kinder tragen nicht nur einen womöglich lebenslangen gesundheitlichen Schaden davon, sondern sie sind auch diejenigen, die von Gleichaltrigen weniger gut integriert werden. Von den volkswirtschaftlichen Folgen ganz zu schweigen. Man denke nur an die Kosten, die damit auf das Gesundheitswesen zukommen. Was meine Forderungen betrifft, so betone ich, dass ich einen differenzierten Maßnahmenplan für adipöse Schüler formuliert habe. Auf die Reihenfolge kommt es mir dabei an und darauf, dass man sich konsequent vor allem um die Extremfälle kümmert. Unter anderem möchte ich regelmäßige schulärztliche Untersuchungen. Bei Auffälligkeiten, also einem weit erhöhten Body-Mass-Index, wünsche ich mir, dass die Schulärzte mit ihrer medizinischen und amtlichen Autorität an die Eltern herantreten und den Eltern eine Ernährungsberatung angedeihen lassen. Sollte das innerhalb einer gewissen Frist nicht fruchten, sollte man also feststellen, dass Eltern ihre Kinder im Extremfall gesundheitlich verwahrlosen lassen, so sollten die Schulärzte durchaus mit dem Jugendamt sprechen. Erreicht auch das Jugendamt mit seinen Möglichkeiten nichts, stellt sich die Frage nach der Androhung finanzieller Sanktionen.

 

Michael Grandt: Sind »dicke« Kinder zu einem Problem für die Lehrer geworden oder warum ist Ihr Verband für solche Maßnahmen?

 

Josef Kraus: Es geht nicht darum, ob diese Kinder ein Problem für die Lehrer geworden sind. Nein, diese Kinder sind ein Problem für sich selbst. Als Erste merken das unsere Sportlehrer. Immer mehr Schüler geraten bereits nach wenigen Laufschritten außer Atem, immer weniger Schüler können eine Rolle vorwärts, also einen Purzelbaum, oder eine Sprossenwand erklimmen. Aber auch bei Auslandsfahrten, bei Aufenthalten in Landschulheimen, bei Skikursen oder bei Wandertagen gibt es so manches Problem mit extrem Übergewichtigen. Und natürlich erleben es unsere Lehrer, wie gerade extrem Übergewichtige sich schwer tun, von Mitschülern angenommen zu werden. Dass dagegen etwas unternommen wird, ist unsere pädagogische und gesamtgesellschaftliche Verantwortung.

 

Michael Grandt: »Dicksein« ist häufig ein Resultat aus Bewegungsmangel und falscher Ernährung. Wie wollen Sie die Eltern dazu bringen, ihre Kinder künftig gesund zu verpflegen und zum Sport anzuregen, wenn davon auszugehen ist, dass die Eltern dies selbst nicht tun?

 

Josef Kraus: Richtig, wenn Kinder zu dick werden, liegt es immer an beiden Faktoren: an Bewegungsmangel und an falscher Ernährung. Schule ist aber eine Schule für Heranwachsende und keine Elternschule. Gewiss kann Schule das Thema Ernährung in verschiedenen Fächern aufarbeiten: in Biologie und Chemie, in Religionslehre bzw. Ethik, im Sportunterricht. Die Schulen können dazu auch Elternabende anbieten und Rundschreiben verbreiten. Die Wirkung auf Eltern sollte man aber nicht überschätzen. Entscheidend ist, dass die Gesamtgesellschaft wieder registriert, dass es laut Grundgesetz nicht nur Erziehungsrechte, sondern auch Erziehungspflichten gibt. Siehe Artikel 6 des Grundgesetzes. Auch das BGB kennt eine Verpflichtung der Eltern zu einer Erziehung im Interesse des Kindeswohls.

 

Michael Grandt: Wäre es nicht einfacher, in den Schulen den Sportunterricht auszuweiten bzw. verpflichtend zu machen und das Fach »Ernährungslehre« einzuführen sowie auch die Eltern an Pflichtabenden zu diesem Thema einzuladen?

 

Josef Kraus: Natürlich wäre es aus medizinischer Sicht gut, wir hätten die tägliche Sportstunde. Aber das ist Utopie in einer Zeit, in der die Schulpolitik vernarrt ist in die Vorstellung, Schulbildung müsse mit immer weniger Schuljahren, mit immer schmaleren Lehrplänen und immer weniger Unterrichtsstunden auskommen. Insofern glaube ich kaum, dass wir in absehbarer Zeit über die real zwei bis zweieinhalb Sportstunden pro Woche hinauskommen. Von einem eigenen Fach Ernährungslehre halte ich nichts. Mit gleichem Recht müssen wir dann die Fächer Umwelt, Freizeit, Medien, Gesundheit, Konsum usw. einführen. Solche Fächer wären theorielastige, aufgesetzte Fächer. Entscheidend ist, was zu Hause geschieht – und zwar vor allem in den für Gewohnheitsprägungen entscheidenden Lebensjahren vor der Einschulung. Hier müssen die Eltern positive Vorbilder sein. Zu Elternabenden kann man sie einladen, aber man kann sie nicht dazu zwingen.

 

Michael Grandt: Sollten auch die Mahlzeiten in der Schule und das Angebot an Schulkiosken dahingehend verbessert werden?

 

Josef Kraus: Hier kann und muss man etwas tun, denn wir haben einen Trend zur Ganztagsschule. Das heißt, die Kinder essen zu Mittag immer seltener zu Hause. Die Schulen müssen also ein ernährungsphysiologisch vernünftiges Essen und eine entsprechende Pausenverpflegung anbieten. Leider aber nehmen viele Schüler solches Essen nicht an. So manche Schüler bekommen von den Eltern am Morgen zwei oder drei Euro in die Tasche gesteckt. Und was tun sie damit? In der Mittagspause kaufen sie – statt in die Schulmensa zu gehen – bei der nächsten Schnellkost-Kette ein, oder sie holen sich beim nächsten Großmarkt Tüten an Süßigkeiten. Es sind auch schon genügend Eltern beobachtet worden, die ihre Kinder in der Mittagspause mit dem Auto abholen, zu einem der bekannten Schnellrestaurants eilen und ihr Kind zum Nachmittagsunterricht dann wieder abliefern. Das konterkariert natürlich alle schulischen Anstrengungen.

 

Michael Grandt: Wie waren die Reaktionen auf die Forderungen des Lehrerverbandes vonseiten der Politik, Schüler, Eltern und Lehrer?

 

Josef Kraus: Sehr unterschiedlich. Ich habe zahlreiche Interviewanfragen dazu gehabt. Leider haben verschiedene Redaktionen die boshafte Verkürzung daraus gemacht, ich hätte nichts anderes gefordert als eine Kürzung der Hartz-IV-Leistungen für dicke Kinder. Das ist natürlich Quatsch, weil das nicht der Kern meiner Aussage war, sondern allenfalls die »Ultima Ratio« für besonders hartnäckige Eltern. Aufgrund dieser bisweilen verkürzten publizistischen Darstellung gingen einige unterirdische E-Briefe bei mir ein, vor allem aus dem dunkelroten politischen Lager. Ich habe aber auch sehr viel Zuspruch gerade aus dem Bereich der medizinischen und der Gesundheitsberufe gekommen. Viele haben sich für meinen Mut bedankt, das Thema artikuliert zu haben.

 

Michael Grandt: Was wollen Sie tun, um Ihre Forderungen politisch durchzubringen?

 

Josef Kraus: Ich habe öffentlich einen Impuls gegeben, der nun hoffentlich von Legislative und Exekutive aufgegriffen wird. Ob daraus sofort etwas wird, bezweifle ich allerdings. Ich bin Realpolitiker. Will sagen: Die Umsetzung meiner Überlegungen kostet Geld. Zum Beispiel bräuchten wir eine bessere personelle Ausstattung der Gesundheitsämter und der Jugendämter. Und das in Zeiten klammer öffentlicher Kassen! Ich hoffe aber, meine Sorge ist wenigstens bei den Eltern angekommen.

 

Michael Grandt: Herr Kraus, vielen Dank für das Gespräch.

 

 


 

Vita Josef Kraus:

Jahrgang 1949, hauptberuflich Leiter eines Gymnasiums, Diplom-Psychologe, ehrenamtlich Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL). Publizistisch umfassend tätig. Buchtitel: Spaßpädagogik – Sackgassen deutscher Schulpolitik (1998), Der PISA-Schwindel (2005), Ist die Bildung noch zu retten? – Eine Streitschrift (2009)

 

Deutscher Lehrerverband (DL):

Dachorganisation von vier Bundesfachverbänden: Deutscher Philologenverband, Verband Deutscher Realschullehrer, Bundesverband der Lehrer an beruflichen Schulen, Bundesverband der Lehrer an Wirtschaftsschulen. Hat in der Summe seiner vier Mitgliedsverbände 160.000 Mitglieder.

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