Sonntag, 11. Dezember 2016
25.11.2010
 
 

»Bedrohlich ist mir zu harmlos« – Chaos auf den Rohstoffmärkten bedroht die deutsche Wirtschaft

Niki Vogt

Der Chef von ThyssenKrupp, Ekkehard Schulz, schaffte es vor wenigen Tagen, in den Ruf einer Spaßbremse zu gelangen. Was er zur Lage an den Rohstoffmärkten verkündete, war der berühmte Schlag mit der flachen Hand in den Teller mit dem süßen Brei des Aufschwungs. Dabei sieht es in Wirklichkeit noch deutlich schlechter aus.

Der Aufschwung verstecke im Moment noch die großen, strukturellen Schwierigkeiten, denn die industrielle Fertigung, die »Basis der Wirtschaftskraft«, sei bedroht, ließ Schulz wissen. Und er deutete düster an: »Wir werden von unserem hohen Wohlstandsross schneller herunterkommen, als uns lieb ist.«
Seit ein paar Wochen gibt es ein neues Thema, das die meisten Mitbürger immer noch nicht so richtig zur Kenntnis nehmen wollen: Seltene Erden werden nicht mehr in dem benötigten Umfang geliefert, beklagt sich die Wirtschaft. Nun ja, was soll’s, meint Otto Normalverbraucher in seiner Einfalt, davon hat man noch nie so richtig was gehört, dann wird’s schon nicht so wichtig sein …
Von wegen. Und wie Kopp unzensiert in seiner Ausgabe 3/2010 bereits berichtete – lange bevor das Thema irgendwo in den Mainstreammedien auftauchte – war das Dilemma bereits absehbar.
China besitzt im Prinzip eine Monopolstellung auf dem Markt der Seltenen Erden. Mit einem Marktanteil von etwa 97 Prozent hat sich das Riesenland langsam und umsichtig eine Struktur aufgebaut, die man nicht einfach über Nacht installieren kann. Die lange Zeit bis zur Exploration der Minen, das Know-how für die Gewinnung der Rohstoffe, die notwendigen Förderkapazitäten, die Infrastruktur einschließlich der Löhne und der sehr großzügigen Umweltvorschriften, der Aufbau des Vertriebsnetzes – das alles braucht Zeit und kann nicht in einer Engpass-Situation wie der momentanen rasch errichtet werden. Der Rest der Welt ist auf einige Jahre hin abhängig von den chinesischen Lieferungen.

Das war bis zum Sommer dieses Jahres kein Problem. Seit dem Frühjahr aber hat China mit dem Aufbau strategischer Reserven begonnen, die Exportquoten massiv gekürzt und eine Exportsteuer eingeführt. Im Juli wurden die Exportquoten noch einmal um 72 Prozent zurückgestutzt. Im neuen Jahr könnte noch eine weitere Reduzierung drohen.
Und nicht nur das. Die Chinesen kaufen auch Schlüsselmetalle weltweit auf und lagern sie ein, wohl wissend, dass die Industrie diese Materialien zu ihrer Existenz braucht. Damit sichern sie sich ein Faustpfand, zwingen die Industrien der Welt in die Knie und können die Preise diktieren.
Die USA prüfen zurzeit eine Klage gegen China vor der Welthandelsorganisation.
Gerade die noch in den USA vorhandene High-Tech-Industrie ist auf die Schlüsselmetalle und Seltenen Erden angewiesen.

Die Metalle mit den merkwürdigen Namen wie Lanthan, Europium, Neodym, Praseodym, Cer, Tantal und Terbium werden zwar jeweils nur in kleinen Mengen gebraucht, dafür sind sie aber unersetzlich. In der Unterhaltungselektronik sind sie nicht mehr wegzudenken, Plasmabildschirme und Handys, BlackBerrys, Hybridmotoren und Solarzellen, Chips, LED-Leuchten, Touchscreens, Wechselschalter, Akkus und gute Elektromagnete sind ohne die seltsamen Materialien nicht herstellbar (oder, im Falle, dass man auf sie verzichtet, schwerfällig, ineffizient, langsam und klobig wie vor Jahrzehnten). Auch in den immer kleineren und leistungsfähigeren Bauteilen von Computern stecken diese Materialien.

Deutschlands Industrie als Land der Maschinenbauer hat sich keinen Plan B ausgedacht, was passieren würde, wenn diese Metalle plötzlich nicht mehr in ausreichendem Maße erhältlich sind. Plötzlich taucht das Wort »Rohstoffstrategie« in den Medien auf. Aber eine tatsächliche Rohstoffstrategie gibt es nicht. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe warnt, es gehe nicht mehr lange so weiter. Forschungsanstalten wie die Fraunhofer-Gesellschaft warnen ebenfalls und meinen, es müsse geforscht werden, um Ersatz zu finden.
China hält seine »strategischen Metalle«, wie sie jetzt heißen, aber nicht nur zurück, um sich westliche Regierungen und Industrien gefügig zu machen. Es ist auch schlichtweg so, dass bei dem schnell wachsenden Bedarf die Vorräte beispielsweise an Indium und Gallium nicht mehr lange reichen werden. Und Chinas Wirtschaft strebt auf. China baut längst schon nicht mehr billige und fehlerhafte Kopien westlicher, ausgereifter High-Tech-Produkte. China produziert längst erstklassige Produkte und Weiterentwicklungen und seine expandierende Industrie braucht die Metalle selbst in immer größerem Umfang.


China hat über viele Jahre hinweg amerikanische Staatsanleihen gekauft und Unmengen von Waren in die USA exportiert. Es sitzt als Folge davon auf einem Riesenberg, der aus US-Dollars besteht. Es ist absehbar, das dessen Wert in nicht allzu ferner Zukunft deutlich einbrechen wird, sodass China dann auch seinen Devisenschatz verlieren wird. Verwunderlich ist daher nicht, dass, wo immer sich jetzt begehrte Rohstoffe auf dem Markt zeigen, das Riesenland zuschlägt, indem es diese für die Dollars kauft.
Seit ein paar Jahren sind die Chinesen ohnehin auf Einkaufstour rund um den Globus. Sie kaufen Ackerland, Wälder, Holz, Stahl, Schrott aller Art und Rohstoffe. Geld spielt keine Rolle. Weg mit den grünen Scheinchen, so lange es noch Werthaltiges dafür zu kaufen gibt …
Was liegt näher, als die strategischen Metalle zu kaufen, deren Wert zwangsläufig in den nächsten Jahren steil ansteigen muss – im Gegensatz zum Dollar? Und wenn nur noch China genügend Schlüsselmetalle für High-Tech-Produkte hat – wie wird sich deren Preis auf einem Weltmarkt entwickeln, auf dem es mangels Masse kaum Konkurrenz gibt?
Ganz besonders auf dem Gebiet der Rüstung und Waffentechnik braucht man diese Metalle wie die Luft zum Atmen. Gerade die Militärweltmacht USA führt plastisch vor Augen, welche Möglichkeiten eine haushoch überlegene Wehrtechnik eröffnet.
Dummerweise haben die USA ihre Vorräte an Schlüsselmetallen aus dem Kalten Krieg für die Rüstungsindustrie in den vergangenen Jahren verkauft. Die Preise standen so schön hoch. Jetzt könnte sich die künftige ehemalige Weltmacht Nummer eins wahrscheinlich – rustikal ausgedrückt – in den Allerwertesten beißen.
Nach allem, was wir heute sehen, wird in Zukunft China die beste und am weitesten entwickelte Wehrtechnik haben.
Für alle anderen wird es eng.
Ausreichend Indium wird es zum Beispiel wahrscheinlich noch zwischen sieben und 20 Jahre geben, schätzen Experten. Arsen- und Antimonvorkommen werden nach Schätzungen des Fraunhofer-Institutes bereits in zehn Jahren zu Ende gehen.
Die Preise ziehen schon seit einiger Zeit steil an, haben sich zum Teil verzehnfacht.  Die Produktionsfirmen verfügen nur noch über geringe Vorräte, die bald aufgebraucht sein werden. Rohstoffhändler können, wenn sie überhaupt das gewünschte Material bekommen, keine Preiszusagen mehr machen. Die Preise steigen innerhalb von Tagen beträchtlich.
Allerdings ist das Zeitfenster auch hier nicht unendlich groß. Steigen die Preise immer weiter, lohnt es sich plötzlich doch, auch hier in Deutschland Minen zu explorieren. Geologen haben durchaus nennenswerte Indium- und Lithium-Vorkommen im Erzgebirge festgestellt, und auch im Harz liegen Schätze im Boden. Es ist nur eine Frage des Preises, ab wann sich die Förderung lohnt.
Im Fall des Metalls Gallium steht und fällt zurzeit eine ganze Branche, die des Zeitgeistes liebstes Kind ist: kohlendioxidemissionsarme, grüne Technologie. Das silbrige Metall ist unerlässlich für LED-Leuchten, Halbleitertechnologie, Solarenergie, magnetische Materialien, Katalysatoren, medizinische Apparatetechnik, drahtlose Kommunikation, Halbleiter in der Photovoltaik, überschnelle Hochfrequenz-Mikrowellen und Elemente für optische Fasern in der Datenübertragung sowie in Zukunft ganz besonders für die neue Generation von Batterien für Solarstrom. Hier werden große Mengen an Galliumarsenid gebraucht werden.
Der weltweite Verbrauch an Gallium beträgt in diesem Jahr etwa 150 Tonnen und wird im kommenden Jahr auf 170 Tonnen geschätzt.

Nach Einschätzung des Marktführers, der chinesischen Firma Beijing JiYa, wird sich der Bedarf an Gallium in Zukunft vervierfachen. Die JiYa-Corporation exportiert Gallium und Galliumverbindungen weltweit (auch nach Deutschland) und deckt etwa 70 Prozent des Weltbedarfs an Gallium. Das ist faktisch ein Monopol.
Im August hat JiYa ein drittes Werk in Nanchuan in der Provinz Chongking errichtet und plant ein viertes in Henan im nächsten Jahr in Betrieb zu nehmen. Allerdings haben die Exportbeschränkungen auch hier vorerst den Hahn für die westlichen Industrien weitgehend zugedreht.
Vielleicht erinnern Sie sich, lieber Leser, an den Artikel »Aus versehen am Drücker?« auf Kopp online im Oktober dieses Jahres. Und vielleicht erinnern Sie sich auch an die verwunderten Überschriften in den Mainstrammedien, als Frau Merkel in nie gekannter Einmütigkeit mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Jiabao auf dem letzten G20-Gipfel den amerikanischen Präsidenten Obama recht kühl abblitzen ließ.
Möglicherweise, wenn man seine Fantasie ganz, ganz toll anstrengt, könnte man da einen Zusammenhang sehen …



Quellen:

- www.emuro.de

- http://www.emuro.de/news/news/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=18&cHash=f8bffcb8841272e04730bac85f277c0c
- http://www.rohstoff-welt.de/news/artikel.php?sid=22723
- http://www.mmnews.de/index.php/gold/6799-lage-labil
- Strategiepapier der Firma Beijing JiYa »The Prospect of Gallium Metal Market Development under new economic Conditions«

 

 


 

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